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Dienstag, 02.01.2018 Gastkommentar: Was sich ändern muss

Misstrauen und Angst schaden dem Miteinander

Die SZ hat verschiedene Menschen um Beiträge gebeten, was sich ändern muss. Heute: Kerstin Schlagehan.

Von Kerstin Schlagehan

Kerstin Schlagehan aus Lauba ist freiberufliche Bauingenieurin und Initiatorin der Stiftung „Frieden-Leben“.
Kerstin Schlagehan aus Lauba ist freiberufliche Bauingenieurin und Initiatorin der Stiftung „Frieden-Leben“.

© Privat

Die „Frieden leben-Stiftung“ dient als Projektträger für Alltagsbegleiter. Dies ist ein soziales Projekt von der Sächsischen Aufbaubank Sachsen (SAB). Alltagsbegleiter sind eigentlich Nachbarn oder Bekannte aus der Umgebung, welche betagte Personen unterstützen und in den Alltag einbeziehen, obwohl sie nicht miteinander verwandt sind. Das ist keine neue Erfindung, dieses soziale Engagement war vor 1990 stark ausgeprägt. Es ist eher eine Förderung von etwas Bewährten, welches von der SAB mit einer Aufwandsentschädigung honoriert wird. In diesem ersten Jahr bei der Projektträgertätigkeit durfte ich erfahren, dass es mehr Menschen gibt, die Hilfe anbieten, als jene, die bereit sind Hilfe, anzunehmen. Wo wir doch eine Bevölkerung mit vielen betagten Menschen sind. Negative Erfahrungen von kostenlosen Schnupperangeboten, Gratis-Lotteriespielen, Top-Geldanlagen, Gewinnbenachrichtigungen und vielen mehr haben ihre Spuren hinterlassen. Erst kostet es nichts, irgendwann kommt „die Rechnung“. Es ist ein allgemeiner Vertrauensverlust durch Enttäuschungen entstanden, der Vorurteile nach sich gezogen hat. Aber was macht denn dieses fehlende Vertrauen, dieses Misstrauen mit uns? Vorurteile, fehlendes Vertrauen hat etwas mit Angst zu tun. Angst ist das Gegenteil von Liebe und Vertrauen. Beides ist eine Energie. Während die Energie der Liebe sich ausdehnt, die Menschen verbindet und ein Wohlbefinden und Frieden erzeugt, ist Angst eine sich zusammenziehende Energie, die die Menschen nicht nur voneinander trennt, sondern auch von ihrer Ursprünglichkeit, von ihrem eigenen Sein.

Aus der Angst vor Enttäuschungen ist eine unsichtbare Wand von Vorurteilen entstanden, doch die Wand ist auf beiden Seiten, sie schützt uns auf der einen Seite vor Reinfällen, wie sie uns auf der anderen Seite isoliert. Ängste beinhalten immer einen Freiheitsverlust. Angst führt zur sozialen Vereinsamung. Das kannten wir bis 1990 nicht in diesem Ausmaß. Wer in der Angst lebt, kann nicht in Frieden sein.

Das gilt für jeden einzelnen Menschen, wie auch für Nationen und Staaten. Desto größer das Schutzbedürfnis einer Nation, was mit Aufrüstung des Staates verbunden ist, desto beängstigender fühlt sich der „Gegenüber“ und rüstet auch weiter auf. Ein altes Drama oder werden die Ängste nur weltweit suggeriert, um Schutzmaßnahmen zu legitimieren? Frieden kann man nicht verteidigen, man kann Frieden nur leben. Vielleicht sollten unsere Regierungen mal mit einem Wettabrüsten beginnen. Prozentual Schritt für Schritt. Das schafft Vertrauen, so man sich an Vereinbarungen hält.

Doch zurück zu uns. Wie im Großen, so im Kleinen. Wir könnten unsere Vorurteile abrüsten, uns bemühen, in jedem Menschen das Gute zu sehen. In kleinen Schritten aufeinander zugehen und Sie werden das Wunder der Entwicklung in Ihrem Gegenüber sehen. Den ersten Schritt zu tun hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit einer Stärke, die in Ihnen wohnt.

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Zuletzt erschienen: „Gemeinsinn hat Zukunft“ von Volker Krolzik, Theologischer Vorstand der Stiftung Herrnhuter Diakonie und des Christlichen Hospizes Ostsachsen

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