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Samstag, 12.08.2017

Meister sucht Lehrling

Mehr als ein Drittel der Lehrstellen im Landkreis ist unbesetzt. Das Handwerk fürchtet um seine Zukunft.

Von Sebastian Kositz

Wie sieht es mit der Besetzung der Lehrstellen aus? Die Bautzener Handwerksmeister Thomas Keller, Lutz Neumann und Frank Scholze (v. l.) schildern die Situation.
Wie sieht es mit der Besetzung der Lehrstellen aus? Die Bautzener Handwerksmeister Thomas Keller, Lutz Neumann und Frank Scholze (v. l.) schildern die Situation.

© Uwe Soeder

Bautzen. Besonders leicht hat es der Bautzener Bäckermeister Lutz Neumann in diesen Tagen nicht. Nur wenige Meter von seiner Ladentür an der Ecke der Ziegelstraße und Töpferstraße geht’s buchstäblich steil bergab. Bauleute sind gerade dabei, im Erdreich eine neue Fernwärmeleitung zu verlegen. Autos können hier deshalb nicht fahren und so fehlt Lutz Neumann die Kaufkundschaft. „Ich habe bis zu 100 Euro Einbußen, jeden Tag“, klagt der Bäckermeister. Gern möchte er auch für dieses Jahr einen Lehrling einstellen. Doch dafür, so erklärt Lutz Neumann, reicht das Geld gerade nicht.

Das Problem mit der Baustelle ist in diesem Fall für Lutz Neumann ein sehr spezieller Hinderungsgrund. Als Chef der Bäckerinnung in Bautzen weiß er aber auch, dass es so oder so schwierig ist, einen Lehrling einzustellen. Viele Handwerker und Industrieunternehmen in der Region leiden am Nachwuchsmangel und fehlendem Interesse der jungen Leute. Das Bäckerhandwerk trifft es besonders drastisch. Die Agentur für Arbeit verweist für den Landkreis Bautzen auf noch 15 unbesetzte Stellen. Und Bewerber sind nicht in Sicht.

„Die Lage ist prekär“, sagt Lutz Neumann. 15 offene Ausbildungsplätze – damit ist laut der Agentur für Arbeit jetzt zum Start des neuen Lehrjahrs fast jede zweite der insgesamt 33 gemeldeten Stellen unbesetzt. Und in anderen Branchen sieht es nicht anders aus. Das Fleischer- und Elektrikerhandwerk ist ebenso drastisch betroffen, aber auch die Industrie sucht händeringend Nachwuchs, etwa Maschinen- und Anlagenführer oder Zerspannungsmechaniker. Insgesamt gibt es im Kreis dieses Jahr fast 1 700 Lehrstellen. Doch mehr als ein Drittel konnte nicht besetzt werden.

Die mangelnde Nachfrage erklärt sich einerseits über die seit Jahren sinkenden Schülerzahlen. Noch 2005 standen rechnerisch einem Ausbildungsplatz sechs Bewerber gegenüber. Heute ist das Verhältnis fast eins zu eins. „Damals hatten wir noch ausreichend Bewerber“, erklärt Thomas Keller von der gleichnamigen Fleischerei an der Seminarstraße in Bautzen. In seinem Handwerk sieht es aktuell noch düsterer aus als in den Backstuben. Von den 21 gemeldeten Stellen sind im Landkreis noch 17 offen.

Falsche Vorstellungen von Berufen

Offenkundig sind eine Reihe von Berufen mehr nachgefragt als andere. Statt Fleischer, Bäcker oder Elektriker streben viele Jugendliche eher eine Karriere im Verkauf oder in einer Autowerkstatt an. Diese Berufe liegen in der Gunst weit vorn. Insgesamt gibt es über 300 Ausbildungsberufe. Für die zehn am stärksten nachgefragten Berufe – darunter Verkäufer, Einzelhandelskaufmann, Kfz-Mechatroniker und Friseur – interessieren sich allerdings mehr als ein Drittel der Bewerber, wie Corinna Franke von der Agentur für Arbeit erklärt. In ihrer Entscheidung, so sagt die Sprecherin, werden die jungen Leute oft von Freunden, der Familie oder Medien beeinflusst.

Thomas Keller, der sich als Vertreter seines Handwerks im Fleischer-Innungsverband Sachsen engagiert, weiß, dass seine Zunft derzeit einen schweren Stand hat. Der Beruf werde sehr oft falsch dargestellt, klagt er: „Dabei ist heute alles moderner und die Herausforderungen sind viel spannender.“ Das Schlachten sei heute nicht mehr zwingender Bestandteil. Durch die Aufträge im Catering gehe vieles in Richtung Gastronomie, sagt Thomas Keller. Vor allem sieht er aber auch ein Problem mit der Darstellung seines Handwerks in den Medien. Er meint die Fleischskandale, aber auch die Berichte über Ernährungstrends, die Fleisch als Dickmacher preisen. „Was will ich denn dann noch in dieser Branche lernen?“, fragt der Fleischer.

Tatsächlich haben die angenommenen oder reellen Rahmenbedingungen Auswirkungen auf die Entscheidung, sagt auch Corinna Franke von der Agentur für Arbeit. Denn generell gilt: Körperlich schwere und schmutzige Arbeiten sind weniger beliebt. Zudem spielen auch die Arbeitszeiten eine Rolle. Fleischer und Bäcker hätten es da schwer. Bei den Elektrikern werde derweil öfter Montagebereitschaft vorausgesetzt.

Bewerbern fehlen oft Voraussetzungen

Wie Thomas Keller und Lutz Neumann widerspricht aber auch der Bautzener Elektrikmeister Frank Scholze gängigen Klischees. „Elektroniker ist eine sehr moderne Ausbildung und hat nichts mit einem Strippenzieher zu tun“, so der Fachmann, der zugleich erster Kreishandwerksmeister im Landkreis Bautzen ist. Statt Schraubendreher kommen heute oft Laptops und Tablets zum Einsatz. Doch die hohen Anforderungen im Beruf sind zugleich ein weiteres Problem. „Die Hälfte der Bewerber bringen gar nicht die notwendigen Voraussetzungen mit“, sagt Frank Scholze.

So kann es vorkommen, dass sich zwar Bewerber melden, sie aber mangels Voraussetzung nicht zum Zug kommen. Dass immer mehr Schüler ungeeignet sind, das bestätigen auch Lutz Neumann und Thomas Keller. Oft scheitere es schon an den Grundrechenarten. Außerdem mangele es an Reife und Einstellung. „Ich habe deshalb meinem letzten Lehrling sogar kündigen müssen“, sagt Lutz Neumann.

Die Folgen dieser Entwicklung liegen auf der Hand: Ohne Nachwuchs spitzt sich die Lage auf dem ohnehin schon leer gefegten Arbeitsmarkt für Fachkräfte weiter zu. Und: Handwerksbetriebe finden kaum noch Nachfolger: „Von unseren etwa 85 Elektrotechniker-Innungsbetrieben haben sich vier aus Altersgründen dieses Jahr abgemeldet, weil kein Nachfolger gefunden werden konnte“, erklärt Frank Scholze. Entwicklungen, die auch der Fleischer- und der Bäckermeister befürchten. „Mir wird beim Blick in die Zukunft Angst und Bange. Ich schätze, dass in den nächsten zehn Jahren 30 Prozent der Bäckereien verschwinden werden, weil die Betriebsnachfolge nicht geregelt ist“, so Lutz Neumann.

Bewerber und Ausbildungsstellen
Bewerber Ausbildungsstellen
gemeldet* ohne Stelle** gemeldet* unbesetzt**
insgesamt 1.892 491 1.679 641
Zerspanungsmechaniker 9 44 13
Maschinen-/Anlagenführer 15 7 42 21
Mechatroniker 60 4 65 13
Elektrotechn. Energie-/Gebäudetechnik 10 2 39 31
Bäcker 10 3 33 15
Fleischer 3 21 17
Fachkraft Lagerlogistik 20 4 52 18
Fachlagerist 42 19 15 5
Kaufmann im Einzelhandel 110 28 87 36
Verkäufer 119 59 117 50
Industriekaufmann 56 7 47 9
*) seit Beginn Berichtsjahr 2016/17, **) zum 31. Juli 2017, Quelle Bundesagentur für Arbeit