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Dienstag, 10.10.2017

Mehr Geld, weniger Arbeit

Mehr Zeit statt wieder nur mehr Geld: Die IG Metall will für Millionen Beschäftigte nach deren Bedarf kürzere Arbeitszeiten durchsetzen. Für nicht wenige soll es dabei sogar einen Lohnausgleich geben.

Von Christian Ebner

© dpa (Symbolfoto)

Frankfurt/Main. „Wenn es um Arbeitszeit ging, gab es immer ordentlich Krach.“ IG-Metall-Chef Jörg Hofmann steht nicht allein, wenn er sich auf eine konfliktreiche Tarifrunde in der deutschen Metall- und Elektroindustrie einrichtet. Seine Gewerkschaft hat in der Hochkonjunktur ein Forderungspaket geschnürt, das den Arbeitgebern aus mehreren Gründen missfallen dürfte.

Neben 6 Prozent mehr Geld will Deutschlands mächtigste Gewerkschaft für möglichst viele der rund 3,9 Millionen Beschäftigten in deutschen Schlüssel-Industrien wie Auto und Maschinenbau spürbare Arbeitszeitverkürzungen durchsetzen. Erstmals seit mehr als 20 Jahren - die 35-Stunden-Woche wurde nach vielen Streiks 1995 endgültig umgesetzt - soll es dieses Mal wieder ernsthaft um kürzere Arbeitszeiten gehen, kündigt Hofmann an. „Es geht uns um Rechtsansprüche. Das ist etwas anderes als das Gewähren von Freizeit, wenn es gerade passt.“

Flexible Arbeitszeiten, die zum Leben der Beschäftigten passen, werden zum Mega-Thema für die Gewerkschaften. Die Zeit sei reif, findet auch der gerade in Hannover bestätigte Chef der IG BCE, Michael Vassiliadis. Seine Gewerkschaft hat bereits einen Manteltarifvertrag unter Dach und Fach, der individuelle Arbeitszeiten zwischen 32 und 40 Wochenstunden zulässt und der Lohnausgleich aus bereits bestehenden Demografie-Fonds festlegt.

In der Metallindustrie soll grundsätzlich jeder Beschäftigte das Recht erhalten, seine Wochenarbeitszeit für einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren von 35 auf 28 Stunden zu reduzieren. Nicht wenige sollen dafür nach den Vorstellungen der IG Metall zusätzlich und unbefristet einen Teillohnausgleich bekommen: Alle Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder sowie Beschäftigte, die zu Hause Angehörige pflegen. Nach vorläufigen Schätzungen der Arbeitgeber könnten nahezu zwei von drei Beschäftigten auf kürzere Arbeitszeiten mit (Teil-)Lohnausgleich hoffen. Die IG Metall geht eher von 40 Prozent aus.

Der dickste Brocken sind die mehr als eine Million Schichtarbeiter, die nach den Vorstellungen der Gewerkschaft für die ersten fünf Freischichten im Jahr einen Lohnausgleich auf dem Niveau der untersten Lohngruppe erhalten sollen. Das sind über den Daumen gerechnet 750 Euro jährlich für jeden. Die restlichen Freischichten im Jahr blieben ohne Ausgleich und würden wahrscheinlich auch nur von wenigen in Anspruch genommen. „Fünf bezahlte Freischichten für alle Schichtarbeiter“ könnte zur Kampfformel werden, wenn ab Januar erste Warnstreiks anstehen und die Belegschaften mobilisiert werden sollen.

Ein anderes Modell haben die IG-Metall-Tarifstrategen um Stefan Schaumburg für die Eltern und Pflegekräfte unter den Metall-Beschäftigten entworfen. Ihr Verdienstausfall soll zur Hälfte ausgeglichen werden, wenn sie um einen ganzen Tag pro Woche reduzieren. Ein halber Tag würde voll ausgeglichen.

Die IG Metall preist ihre Ideen als „moderne tarifliche Sozialleistung“, mit der die Unternehmen soziale Verantwortung übernehmen würden und zeitgemäße Arbeitszeitmodelle erhielten, die dem Fachkräftemangel vorbeugten. „Wenn wir Beschäftigte in der Erwerbstätigkeit halten können, indem die Vereinbarkeit verbessert wird, zwingen wir nicht tausende gut Qualifizierte in die Teilzeit oder gar in den Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit“, meint Hofmann. Das sei angesichts der gewandelten Gesellschaft dringend notwendig. „Es gibt ein neues Bewusstsein für den Wert der Zeit.“

Auch die reine Geldforderung von 6,0 Prozent ist im achten Jahr des Aufschwungs nicht von Pappe. Sie lässt sich nur rund zur Hälfte mit der Inflation und Produktivitätsgewinnen als verteilungsneutral begründen. Eine höhere Forderung hat die IG Metall zuletzt im Jahr 2012 mit 6,5 Prozent aufgestellt. Von kürzeren Arbeitszeiten war damals wie auch im Vorjahr, als 5,0 Prozent aufgerufen wurden, keine Rede.

Die Arbeitgeber im Südwesten haben bereits ein Gesamtforderungsvolumen von rund 12 Prozent errechnet und sehen die Gewerkschaft endgültig im „Wolkenkuckucksheim“ angekommen. Neben den höheren Kosten fürchten die Unternehmen weitere Löcher in ihren bereits ausgedünnten Personaldecken. Das fehlende Fachpersonal könne zum Standortproblem werden, die Investitionen noch stärker als ohnehin schon ins Ausland gehen, warnt Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. Laut Verband fließen schon jetzt 58 Prozent der Investitionen in Anlagen jenseits der Grenzen, im Inland werde kaum noch der Bestand gehalten, eine „schleichende Deindustrialisierung“.

„Systematische, flächendeckende und unkompensierte Arbeitszeitverkürzungen passen absolut und definitiv nicht in die Zeit. Der Fachkräftemangel in der M+E-Industrie wird von Tag zu Tag stärker. Es wäre daher ein standortpolitischer Wahnsinn, die bestehende Fachkräftelücke mit Gewalt zu vergrößern“, hatte Gesamtmetall bereits im Sommer nach der Vorstellung erster Gewerkschaftsideen zur neuerlichen Arbeitszeitverkürzung verlauten lassen.

Die Tarifparteien richten sich auf einen harten und emotionalen Konflikt ein, der nach den ersten beiden Verhandlungsrunden in diesem Jahr bereits im kommenden Januar eskalieren könnte. Die IG Metall hat sich für den Arbeitskampf eine neue Waffe zurechtgelegt - den Tagesstreik. Das Instrument ermöglicht es dem Gewerkschaftsvorstand, mit 24-Stunden-Streiks empfindliche Nadelstiche in einzelnen Betrieben zu setzen, ohne gleich die Urabstimmung zum unbefristeten Flächenstreik ausrufen zu müssen. Die Listen mit anzugreifenden Unternehmen liegen bereits in den Schubladen der Gewerkschaft. (dpa)

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