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Samstag, 30.12.2017

Männlich, ledig, jung, süchtig

Benjamin Lindner ist noch keine 30 und schon ganz unten angelangt. Der SZ hat der Obdachlose seine Geschichte erzählt.

Von Dominique Bielmeier

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Im Riesaer Obdachlosenheim ist jeder Tag streng getaktet: Um viertel sieben ist die Nacht vorbei, dann gibt es Frühstück für die Bewohner. Mittagessen, Kaffeetrinken und Abendessen strukturieren den restlichen Tag. Benjamin Lindner weiß diesen Ablauf zu schätzen – er kennt ihn schon so ähnlich aus der JVA.
Im Riesaer Obdachlosenheim ist jeder Tag streng getaktet: Um viertel sieben ist die Nacht vorbei, dann gibt es Frühstück für die Bewohner. Mittagessen, Kaffeetrinken und Abendessen strukturieren den restlichen Tag. Benjamin Lindner weiß diesen Ablauf zu schätzen – er kennt ihn schon so ähnlich aus der JVA.

© Sebastian Schultz

Riesa. Das Tattoo passt einfach nicht. Nicht in das Gesicht mit den ehrlichen Augen, in dessen Wangen Grübchen treten, wenn Benjamin Lindner lächelt, und nicht zu der ruhigen, überlegten Art, mit der der 29-Jährige spricht. Wenn er Haftanstalt sagt statt Knast, Methamphetamin statt Crystal.

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Aber das Tattoo ist da, schnörkelt sich dick und schwarz von über seiner rechten Augenbraue bis unter das rechte Ohr. Jeden Tag erinnert es Lindner daran, wie sein kurzes Leben bisher verlaufen ist, von einer behüteten Kindheit bis in die JVA und nun, seit knapp zwei Wochen, in das Riesaer Obdachlosenheim.

Hier lebt der junge Mann zurzeit, in einem Dreibettzimmer mit zwei anderen Männern. Einen davon kennt er noch aus der JVA Zeithain, vor ein paar Tagen hat er ihn zufällig im Penny getroffen und erfahren, dass er in einem Abbruchhaus schläft. „Da habe ich gesagt, keiner muss dort schlafen, komm halt mit runter.“ Auch für ihn wäre die Straße nichts gewesen, sagt Lindner, egal zu welcher Jahreszeit. „Da ist der Weg nach ganz unten relativ kurz.“

Ganz unten, für viele ist das Obdachlosenheim genau das – der gesellschaftliche Tiefpunkt. Aber für Benjamin Lindner war sein Umzug in das Heim in der Klötzerstraße schon wieder ein Schritt zurück in ein normales Leben. In seinem bisherigen Leben ging sehr früh sehr viel schief.

Er ist erst zwölf, als er die ersten Drogen nimmt. Zuerst Hasch, dann bald Methamphetamin, besser bekannt als Crystal. Bei der synthetischen Droge bleibt er 16 Jahre lang. Dabei hat in seiner Familie sonst niemand etwas mit Drogen am Hut. „Mein Vater hat sich jahrelang in der Grube krumm gemacht, meine Mutter verdient gut in der Justiz“, sagt Lindner. Sein Schwager arbeite bei Apple, auch seine kleine Schwester habe einen Beruf. Was also machte ausgerechnet ihn zum Abhängigen?

Der Zufall und vor allem ein Umzug. Lindner wird in Görlitz geboren, 1994 zieht die Familie aufs Dorf, nach Schönau. „Man denkt immer, da ist alles ruhig“, sagt Lindner, „aber so ist es nicht“. In seiner Klasse ist es ganz normal, Drogen zu nehmen, viele kennen das schon von ihren älteren Brüdern. So nah an der Grenze ist es leicht, an Crystal zu kommen. Vor allem ist die Droge aber billig – noch heute. „Eine Schachtel Kippen ist da teurer“, sagt Lindner.

Seine Familie merkt zunächst nichts, ihr Sohn geht weiter normal zur Schule, macht sogar einen guten Abschluss, beginnt eine Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter. Aber in der Jugendzeit beginnen die Techno-Partys, die Lindner noch heute liebt. „Da gehört das einfach dazu.“ Ohne synthetische Drogen würde sich niemand die Musik anhören, ist er sich sicher.

Während der Lehre ist seine Sucht schon so schlimm, dass er eine Therapie beginnen muss. Weil er dadurch nicht mehr auf die Stundenzahl kommt, die er für die Prüfung benötigt, fliegt er raus.

Lindner hat Glück, findet eine zweite Ausbildungsstelle, zum Kfz-Mechatroniker. Ein Traumberuf, gerade für viele Jungen. „Aber da war’s schon vorbei“, sagt Lindner, „da habe ich das gar nicht mehr auf die Reihe gekriegt“. Auch diese Ausbildung wird er nicht beenden. Dafür hat er schon in den ersten drei Monaten etwas sehr Nützliches gelernt: Autos knacken.

Insgesamt 44 Wagen, von VW bis Skoda, wird Lindner danach aus Autohäusern stehlen und teilweise selbst mit dem Lkw seiner damaligen Firma nach Polen fahren. „Dort werden sie auseinandergebaut, acht Stunden später sind sie schon auf dem Weg nach Litauen. Und am Ende kommen sie wahrscheinlich wieder nach Deutschland, so blöd wie es sich anhört.“

Nach 44 Autos ist Schluss, Lindner muss sich vor dem Richter verantworten – und wird verurteilt. Zwei Jahre und acht Monate sitzt er ein, nach Zeithain kommt er, weil es hier eine einzigartige Therapiestation für Crystal-Abhängige gibt. „Dieses Therapieprogramm wollte ich noch für mich machen“, sagt Lindner. Der Droge hatte er schon mit Haftantritt abgeschworen.

Der jahrelange Konsum ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, er hat ihm unter anderem mehrere Schneidezähne gekostet. „Dabei habe ich extreme Angst vor dem Zahnarzt“, sagt Lindner. „Ich kippe da wirklich um. Für mich führt da kein Weg rein ohne Vollnarkose.“ Auch sein Gehirn arbeite heute nicht mehr so gut wie früher. Vielleicht liegt es daran, dass er auf Droge teilweise mehrere Wochen am Stück wach war. Zu den schlimmsten Zeiten wog er nur noch 45 Kilo. „Die Droge nimmt einen komplett auseinander“, sagt Lindner. „Aber ich bin noch relativ gut weggekommen, denke ich. Es gibt auch Leute, die drücken sich das.“ Lindner hat die Droge durch die Nase gezogen.

Nach der Haft sieht es zunächst gut aus für ihn. Er hat ein Mädchen kennengelernt, bei dem er wohnen kann. Aber das funktioniert nur anderthalb Monate, dann geht die Beziehung in die Brüche – und Lindner landet im Heim von Ute Grajek.

Die Leiterin ist voll des Lobes für den jungen Mann. In Rekordzeit habe er seinen Hartz-IV-Antrag gestellt, erzählt sie. „Die Frauen haben es echt drauf“, hat Lindner zuvor geschwärmt. Ohne Ute Grajek und ihre Kolleginnen vom DRK Riesa hätte er den Papierkram nicht geschafft, sagt er. „Da falle ich immer in ein Loch, schon wenn ich die Formulare sehe.“

Die Frauen im Heim hätten aber jeden Termin ihrer Bewohner auf dem Schirm und auch langes Ausschlafen komme nicht infrage. „Ich brauche das auch, ein wenig in den Arsch getreten zu werden“, sagt Lindner und lächelt.

Wenn alles gut läuft, wird er nicht lange im Heim bleiben müssen. „Ich habe ja keine Mietschulden, nur Justizschulden von 20 000 Euro von der Gerichtsverhandlung.“ Den Unterhalt für seinen dreijährigen Sohn, der geboren wurde, bevor Lindner ins Gefängnis kam, übernimmt seine Familie für ihn. „Ich sehe ihn auf Bildern, telefoniere mit seiner Mutter und schicke zum Geburtstag Geld, aber mehr ist nicht“, sagt Lindner. „Er hat jetzt einen Papa, den er auch so nennt, und kennt mich gar nicht.“ Obdachlosenheim und keine Arbeit – „da kann ich keine Ansprüche stellen“.

Das mit der Arbeit könnte sich bald ändern, Lindner hat eine Stelle in der Eventtechnik in Aussicht. Elektro-Festivals wie Tomorrowland mit aufzubauen und so die Party-Kultur von der anderen Seite zu sehen, wäre ein Traum für den 29-Jährigen. „Das hält einen dann auch weg davon.“

Weg vom Party-Machen, weg von der Droge. Denn das sagt Lindner auch: „Es ist schwer, dort nicht hinzugehen, und es ist schwer, dann nichts zu nehmen.“ Er würde sich selbst belügen, wenn er behaupten würde, er nehme nie wieder etwas, sagt er. „Ich habe 16 Jahre lang konsumiert und es wird bestimmt wieder der Zeitpunkt kommen, wo ich auf Party fahre und wieder zugreife.“ Denn Fehler mache jeder, nur dürfe man sich dann nicht fallenlassen. „Es ist ja kein Problem, auf Entgiftung zu fahren“, sagt Lindner. „Dann bin ich halt ein halbes Jahr weg, dafür aber wieder sechs oder sieben Jahre clean.“ Nur Autos stehlen und wieder im Gefängnis landen, das wolle er auf keinen Fall mehr.

Und das Tattoo im Gesicht? Das ist ein anderes Kapitel aus Benjamin Lindners Jugend. „Als ich 16, 17 Jahre alt war, war bei uns die rechtsradikale Szene großgeschrieben“, erzählt er. Das Tattoo sollte ein Erkennungszeichen der WWT sein, der „Weiße Wölfe Terrorcrew“. „Das hat sich dann alles verlaufen“, sagt Lindner. „Gott sei Dank.“