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Samstag, 13.01.2018 Satire

Liebe Catherine Deneuve!

Offener Brief an die Schauspielerin, die nichts gegen lästige Männer hat

Catherine Deneuve
Catherine Deneuve

© Britta Pedersen/dpa

Neulich stand ich im Fahrstuhl, die Herren näher am Ausgang als die Damen, die Türen öffneten sich. Wer geht als Erstes? Verlegenes Trippeln, höflich den Vortritt gewährende Gesten, irgendwann gingen die kichernden Damen zuerst. Einer der Herren brummelte: „Früher war das irgendwie einfacher!“

Meinten Sie das, was Sie als „Klima einer totalitären Gesellschaft“ bezeichnen? Diese Unsicherheit, wie man sich verhalten soll? Vor ein paar Tagen erschien ein öffentlicher Brief, unterzeichnet von einhundert französischen Frauen, unter anderem von Ihnen. Darin beklagen Sie die „Kampagne der Denunziation und öffentlicher Anschuldigungen“, die im Gange sei, seit prominente Frauen den amerikanischen Filmmogul Harvey Weinstein der zigfachen Nötigung und Vergewaltigung bezichtigten. Seit weltweit Tausende unter #metoo ihre Erlebnisse von Sexismus, Belästigung und Missbrauch öffentlich machen. Vergewaltigung, natürlich, die finden Sie auch nicht toll, aber „hartnäckiges oder ungeschicktes Flirten“ sei doch kein Delikt.

Endlich ist es raus! Flirten darf man also noch, wenn sogar Sie das sagen, die Ikone des französischen Films! Ein flüchtig berührtes Knie oder „ein erhaschter Kuss“, das steht wirklich in dem Brief, sei doch gar nicht schlimm. Ich nehme mir das mal zu Herzen, wenn mich demnächst wieder ein „Hallohoooo“ von der Baustelle gegenüber erhascht, wobei das auch nicht mehr so oft passiert, Älterwerden hat auch was Gutes.

Apropos: Sie sehen auch mit 74 noch großartig aus. Eine echte Pariserin eben, wie sie von der halben Welt verehrt wird: stets schlank, gut gekleidet und immer ein bisschen verrucht. Alle Frauen wollen doch begehrt werden, nicht wahr? Und vielleicht auch mal ein bisschen über das „Nein“ hinaus? Deswegen plädieren Sie in Ihrem Brief für die „Freiheit, lästig zu sein“. Merkwürdig, wenn ich mich daran erinnere, wie meine Freundin gerade noch abwehren konnte, dass ein Bekannter ihr eine Zigarette in den Ausschnitt steckte – ich habe nicht das Gefühl, dass da eine Freiheit bedroht, sondern eher, dass Lästigsein Normalität für viele ist.

Ach, Frau Deneuve, ich liebe doch die französischen Filme, in denen die Erotik pulsiert und es im Grunde keine Handlung gibt außer der Spannungen zwischen den Geschlechtern. In denen die Frau den Mann reizt, bis sie dann übereinander herfallen. Das ist die Tradition, aus der Sie stammen, die totale Liberalisierung der Sexualität, selbstbestimmt und frei wie Ihr Land – oder wie es früher war?

Endlich gibt es eine Fürsprecherin für all die Männer, die sich in den letzten Wochen zu Hause eingeschlossen haben. Aus Unsicherheit. Aus Angst. Vor den vielen aufschreienden Frauen. Die nicht mehr wussten, wer zuerst aus dem Fahrstuhl steigen darf, die gern mal Knie berühren oder flüchtige Küsse erhaschen möchten. Sie alle können nun aufatmen und sich wieder auf die Straße trauen. So ein Glück.

Ihre Johanna Lemke

Der Offene Brief ist eine Rubrik aus dem Wochenendmagazin der Sächsischen Zeitung, das immer samstags erscheint.

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