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Mittwoch, 15.11.2017

Letzte Aufnahme von der Steinstraße

Fotografenmeister Wolfgang Blachnik schließt sein Geschäft in Görlitz. Einen Nachfolger gibt es nicht.

Von Matthias Klaus

Wolfgang Blachnik an der Tür seines Fotogeschäftes an der Steinstraße: Ende des Monats schließt er. Dennoch, der Fotografie bleibt Wolfgang Blachnik treu, kümmert sich um Fotomuseum, Fotofestival.
Wolfgang Blachnik an der Tür seines Fotogeschäftes an der Steinstraße: Ende des Monats schließt er. Dennoch, der Fotografie bleibt Wolfgang Blachnik treu, kümmert sich um Fotomuseum, Fotofestival.

© nikolaischmidt.de

Görlitz. Es sieht nach Abschied aus. Auf Fotoalben aller möglichen Größen kleben rote Zettel. Sonderangebot, Ausverkauf. „Was noch rauskommt, kommt raus“, sagt Wolfgang Blachnik. Wie das eben so ist, wenn ein Geschäft aufgegeben wird. Fotografenmeister Wolfgang Blachnik macht Schluss. Zum Ende des Monats gibt er seinen Laden an der Steinstraße auf. Laden, das ist kein guter Begriff, sicherlich. Denn Wolfgang Blachnik beherrscht sie noch, die Fotokunst jenseits von Computerprogrammen. Dunkelkammer, Entwickler, Fixiersalz – damit startete Wolfgang Blachnik. „Fragen Sie mal heute einen Fotografen nach Natriumthiosulfat“, schmunzelt er. Seine Hände fangen schon an zu jucken, wenn er nur an die unverzichtbare Chemikalie der Analogfotografie denkt.

Einen Nachfolger für das Geschäft an der Steinstraße gibt es nicht. „Fotograf, das ist wohl auch so ein aussterbender Beruf“, sinniert Wolfgang Blachnik. Die digitale Kamerawelt, sie sei eben Segen und Fluch zugleich. „Ich mag es, wenn man Bilder anfassen kann. Wenn sie nicht nur irgendwo auf einer Festplatte gespeichert sind. Was passiert, wenn der Computer ausgemustert wird? Dann sind die Bilder auch weg.“ Wolfgang Blachnik kann sich angesichts dieser Aussichten ein bisschen aufregen. Irgendwann, habe er gelesen, wird es deshalb wohl eine bildlose Zeit geben. Wobei, er hat sich auch schon ertappt. Im Urlaub im vergangenen Jahr hat er Fotos mit dem Mobiltelefon geschossen. „Ehrlich gesagt, die Qualität ist gar nicht so schlecht“, räumt der Fotoexperte ein. Die technische Entwicklung schreite eben voran. „Es gibt ja heute auch niemanden mehr, der Ritterrüstungen herstellt.“ Wolfgang Blachnik lacht. Er liebt, was er macht. Und aufhören zu fotografieren – das kommt sowieso nicht infrage. „Aber ich will keinen Laden mehr haben. Ich will nicht mehr diesen Zwang, jeden Tag da sein zu müssen“, sagt Wolfgang Blachnik. Etwas ruhiger angehen lassen, das wünscht er sich, Wohl auch, weil er in der Vergangenheit gesundheitlich etwas angeschlagen war. Wolfgang Blachnik ist Jahrgang 1952, geboren am 1. Juni.

Seit 2010 ist er an der Steinstraße mit seinem Geschäft vertreten. Fotografie, Film – schon als Jugendlicher hatte Wolfgang Blachnik eine Leidenschaft fürs Bild. Menschen in Lebenssituationen festhalten aber auch stille Momente in der Natur ablichten – das mag er. „Und natürlich andere an den Fotos teilhaben zu lassen“, sagt Wolfgang Blachnik. Der Weg zum Fotografenmeister, einfach war er nicht. Eigentlich wollte der Görlitzer Regie an der Filmhochschule der DDR studieren. „Sechs Plätze gab es pro Jahr. Ich bin sogar in eine zweite Auswahlrunde gekommen“, erinnert er sich. Am Ende fehlte das Entscheidende, das Parteibuch. Wolfgang Blachnik lernte einen „anständigen Beruf“, wie er sagt, wurde Kraftwerkstechniker. Geselle, Meister im Fotografenberuf 1995, die weiteren beruflichen Stationen. Heute muss man kein Meister mehr sein, um sich als Fotograf zu bezeichnen. „Nicht mal mehr eine entsprechende Ausbildung ist notwendig“, sagt Wolfgang Blachnik. Schade, findet er das. „Es geht sehr viel Wissen verloren, Wissen um das Ursprüngliche der Fotografenarbeit.“

Den Standort seines Geschäftes an der Steinstraße – er mochte ihn. Stammkunden kamen, aber auch viel Laufkundschaft. Das Einwohnermeldeamt in der nahen Jägerkaserne lockt, wenn mal ein Ausweis abgelaufen war oder verloren ging und neue Passfotos benötigt wurden. „Eigentlich hatten wir Händler in der Steinstraße auf die baldige Wiedereröffnung des Kaufhauses am Postplatz gesetzt“, sagt Wolfgang Blachnik. „Aber leider.“

Dann hat er schon wieder zu tun, ein junger Mann kommt ins Geschäft, fragt nach neuen Passbildern. Arbeit bis zur letzten Minute. „Das ist doch gut so“, sagt Wolfgang Blachnik. Inzwischen ist das mit den Passfotos ja eine Minutenangelegenheit. „Die neue Technik eben“, sagt Wolfgang Blachnik. Er bleibt aber auch der alten treu, mit Fotomuseum, dem Fotofestival. Das lasse er sich nicht nehmen.

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