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Samstag, 07.10.2017

Lebensversicherer wollen Altverträge loswerden

Immer mehr Anbieter versuchen in der Zinsflaute, hochdotierte Policen zu verkaufen. Der Bund der Versicherten warnt vor Folgen für die Kunden.

Von Friederike Marx, Frankfurt/Main

Keine Lust mehr auf Lebensversicherungen: Die Düsseldorfer Ergo sucht nach einem möglichen Käufer für sechs Millionen alte Verträge.
Keine Lust mehr auf Lebensversicherungen: Die Düsseldorfer Ergo sucht nach einem möglichen Käufer für sechs Millionen alte Verträge.

© picture alliance / daniel kalker

Teure Altverträge im Angebot: Deutschlands Lebensversicherer suchen nach Auswegen aus der Zinsfalle. Im Visier sind dabei auch hochverzinste Altpolicen klassischer Lebens- und Rentenversicherungen, die manche Unternehmen gern loswerden möchten. Inzwischen denken auch Branchengrößen wie Ergo oder Generali über einen Verkauf nach.

Dabei gibt es zwei Wege: Der Versicherer überträgt alte Bestände samt Eigenmitteln und Kapitalanlagen an ein Abwicklungsunternehmen, das diese weiterführt und alle Rechte und Verpflichtungen übernimmt. Oder der Lebensversicherer samt Mitarbeitern wechselt den Eigentümer. Auch hier müssen die Belange der Versicherten gewahrt werden, wie die Finanzaufsicht Bafin betont.

Die Assekuranzen leiden unter der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Den Lebensversicherern fällt es zunehmend schwer, die Zinsen für die hohen Garantieversprechen der Vergangenheit von bis zu vier Prozent am Kapitalmarkt zu erwirtschaften. Viele Unternehmen bieten mittlerweile Produkte ohne klassischen Garantiezins an. Nun wollen manche die Altverträge loswerden.

Der Versicherungsriese Generali schließt einen Verkauf seiner Lebensversicherungssparte in Deutschland nicht aus. Die Düsseldorfer Ergo-Versicherung sucht nach einem möglichen Käufer für sechs Millionen alte Lebensversicherungsverträge. „Wir sondieren den Markt und prüfen, was es überhaupt für Möglichkeiten gibt“, sagte eine Ergo-Sprecherin jüngst. Dabei handelt es sich um Verträge, die einst unter den Marken Hamburg-Mannheimer und Victoria-Versicherung verkauft wurden.

Auch der Chef von Axa Deutschland, Alexander Vollert, sieht für die Bestände mit klassischen Garantien in einer Übertragung auf eine Abwicklungsplattform durchaus eine Option. „Unter spezifischen Umständen kann es sinnvoll sein, wenn die Plattformen in der Lage sind, Kostenvorteile herzustellen“, sagte Vollert der Börsen-Zeitung. Über allem stehe aber, „dass es für den Kunden nicht von Nachteil sein darf, wenn sein Vertrag von einer Abwicklungsplattform verwaltet wird“. Der Bund der Versicherten (BdV) spricht von einem „Erdbeben“ in der deutschen Versicherungslandschaft und warnt vor Folgen für die Kunden. „Wenn ein Investor diese Bestände kauft, dann tut er das mit dem Ziel, möglichst viel Rendite zu erwirtschaften.

Das geht aber nur, wenn er den Versicherten möglichst viele Überschüsse vorenthält und in die eigene Tasche steckt“, befürchtet BdV-Chef Axel Kleinlein. Über die Höhe der Überschussbeteiligung entscheiden Versicherer jedes Jahr je nach Wirtschaftslage und Anlagestrategie neu. Hinzu kommt der vom Staat festgelegte Garantiezins. Beides zusammen ergibt die laufende Verzinsung.

Versicherungsexperte Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) warnt indes vor Panik. „Die Frage, ob Kunden bei Abwicklern geringere Überschüsse erzielen, gleicht einem Blick in die Glaskugel.“ Die Käufer könnten möglicherweise kosteneffizienter arbeiten und einen Teil der Ersparnis an die Kunden weitergeben. Im Gegensatz zu klassischen Versicherungsunternehmen brauchen Abwickler keinen Vertrieb und müssen keine neuen Produkte entwickeln.

Gatschke rät betroffenen Kunden, die jährliche Standmitteilung, die Aufschluss über die Entwicklung ihrer Lebensversicherung gibt, genau zu lesen. „Dann kann ich immer noch die Reißleine ziehen und mir beispielsweise überlegen, ob ich noch weiter Geld reinstecken will.“ (dpa)

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