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Freitag, 21.04.2017

Längst entschärft

In der Dresdner Neustadt wird am Donnerstag ein Blindgänger ausgebaggert. Jemand hatte bereits Hand an die Bombe angelegt.

Von Sandro Rahrisch

Die Entwarnung kam kurz vor 13 Uhr: Sprengmeister Jörg Lange hatte den Blindgänger bereits am Mittag in seinen Transporter geladen. Die Bombe wird jetzt zersägt, der Sprengstoff verbrannt.
Die Entwarnung kam kurz vor 13 Uhr: Sprengmeister Jörg Lange hatte den Blindgänger bereits am Mittag in seinen Transporter geladen. Die Bombe wird jetzt zersägt, der Sprengstoff verbrannt.

© René Meinig

Dresden. Vor seinem inneren Auge hat Jörg Lange den Tag schon abgespult: Straßen sperren, Häuser evakuieren, Bombe entschärfen. Und mit Sicherheit wäre die Dunkelheit über die Neustadt hereingebrochen, bevor Entwarnung hätte gegeben werden können. Doch an diesem Donnerstag läuft es anders als an den vielen anderen Tagen, an denen ganze Dresdner Stadtteile stillstanden, weil wieder ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg ausgebuddelt wurde. Denn irgendjemand hat die Arbeit des Sprengmeisters diesmal schon erledigt.

Es ist acht Uhr, als Baggerfahrer René Thonig die 250 Kilogramm schwere amerikanische Bombe plötzlich auf der Schaufel hat. Er hebt derzeit Erde an der Scheunenhofstraße aus. Auf dem Gelände zwischen Königsbrücker Straße und Bahndamm sollen drei neue Häuser mit 18 Wohnungen entstehen. Als er sieht, was er da aus dem Boden geholt hat, legt er den Sprengkörper schnell beiseite, steigt aus dem Bagger und alarmiert die Polizei.

Einen Frontzünder können die Beamten zwar nicht entdecken. Doch die Bombe liegt ungünstig und könnte noch einen Zünder an der Rückseite besitzen. Wie gefährlich sie wirklich ist, kann nur der Kampfmittelbeseitigungsdienst einschätzen. Der hat in Dresden viel Erfahrungen sammeln können. Allein in den letzten zwei Jahren entschärften die Sprengstoffexperten in der Landeshauptstadt gleich fünf Blindgänger von 1945.

An diesem Donnerstag wird Sprengmeister Jörg Lange in die Neustadt gerufen. Er weiß: Wenn die Bombe noch scharf ist, werden Tausende Dresdner ziemlich ungemütlich in den Feierabend starten. „Wir müssten einen Sperrkreis um den Fundort einrichten“, sagt er. Dieser könnte in bestimmte Richtungen bis zu 1 000 Meter groß sein. In diesem Bereich besteht Lebensgefahr.

Deshalb darf sich darin bis auf die Polizei niemand aufhalten, wenn Lange ans Werk geht. Um die 2 000 Dresdner mussten im Oktober ihre Wohnungen verlassen, als in Räcknitz ein Blindgänger gefunden wurde. Im Januar letzten Jahres, als an der Yenidze eine Fliegerbombe auftauchte, waren es etwa 800.

In der Neustadt müssten aber nicht nur Anwohner ihre Häuser verlassen. Auch die Königsbrücker Straße und die Bahnstrecken rund um den Neustädter Bahnhof wären dicht – zwei der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt. Bis Lange endlich anfangen könnte, würden Stunden vergehen. Der Mann, der bereits 13 Bomben entschärft hat, muss jetzt herausfinden, ob das Fundstück überhaupt scharf ist. Um einen besseren Blick zu bekommen, wird die Erde an den Rändern behutsam abgetragen.

Kurz vor 13 Uhr gibt Lange Entwarnung. Ja, höchstwahrscheinlich ist die etwa eineinhalb Meter große Bombe noch randvoll mit Sprengstoff gefüllt. Aber Zünder hat sie nicht mehr. Ein Baufehler? Nein, solche Bomben hat der Sprengmeister schon gesehen. „Nach dem Krieg sind Entschärfertrupps durch die Stadt gegangen und haben Blindgänger entschärft“, sagt er. Anstatt sie wegzuräumen, wie es heute üblich ist, seien die unschädlich gemachten Körper aber zurückgelassen und wieder verbuddelt worden. „Vermutlich auch deshalb, weil es für die Entschärfer damals so viel zu tun gab“, so Lange weiter.

Späteren Generationen will Lange nicht noch so einen Schreck zumuten. Deshalb hat er die Fliegerbombe in seinen Transporter geladen. „Sie kommt jetzt in die Kampfmittel-Zerlegeeinrichtung nach Zeithain. Dort wird sie zersägt und der Sprengstoff wird verbrannt.“ Die Polizei gibt Dammweg und Scheunenhofstraße am Mittag wieder für Autos und Fahrradfahrer frei. Auch die Busse können nach drei Stunden an der Haltestelle Dammweg halten.

Für Baustellen-Leiter Michael Frank ist der Spuk aber noch nicht vorbei. Zwar vergehen keine zehn Minuten, bis sich der Bagger wieder dreht und die Mitarbeiter an die Arbeit zurückkehren. Doch bald meldet sich eine Anwohnerin, die wissen will, dass noch eine Weltkriegsbombe in der Baugrube lauert. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst kehrt auf die Baustelle zurück und beginnt mit der Suche. Gefunden hat er aber nichts. Am späten Nachmittag rücken die Experten wieder ab. Möglicherweise werden sie die letzten Baggerarbeiten in den nächsten Tagen begleiten. „Bei solchen Arbeiten geht es immer um Menschenleben“, sagt Frank.