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Donnerstag, 15.09.2016

Zwei Morde, sieben Ermittler und das Ende der DDR

Er wurde bekannt als Kommissar Kain im Leipziger „Tatort“. Jetzt kommt Bernd Michael Lades bemerkenswerter Spielfilm „Das Geständnis“ ins Kino.

Von Oliver Reinhard

Kontrahenten in der Mordermittlungskommission: Die Polizisten Gerd (Thomas Schuch vom Dresdner Kabarett Breschke & Schuch) und Micha (Bernd Michael Lade, r.)
Kontrahenten in der Mordermittlungskommission: Die Polizisten Gerd (Thomas Schuch vom Dresdner Kabarett Breschke & Schuch) und Micha (Bernd Michael Lade, r.)

© PR

Auch diesem Anfang wohnt schon das Ende inne: Ein Team des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz unterbricht seine Arbeit und kommt als Parteigruppe zusammen. Das und die Verlesung der letzten SED-Parteitagsbeschlüsse sind zwar immer noch Pflicht im Juni 1988. Doch nur wenige von ihnen nehmen das Polit-Brimborium noch ernst; der Verfall der DDR bröckelt in die Reihen der Mordkommission hinein. Pardon: der Mord-Ermittlungskommission, weil es Mord im Sozialismus ja eigentlich nicht geben kann. Vor allem Micha (Bernd Michael Lade) hat für den Laden und die wenigen Linientreuen nur Zynismus übrig, am meisten für Gerd (Thomas Schuch). Wie eine Erlösung schrillt das Telefon dazwischen: Frau gefunden, tot, drumherum Geld und Zigaretten. West-Kippen!

Als sein Vorgesetzter einen Schwächeanfall bekommt, muss Micha die Ermittlungen leiten – und erfahren, dass er gar nicht richtig ermitteln soll. Es gibt nämlich bereits einen Wunschtäter. Praktischerweise einen Feind des Sozialismus. Wieder mal stellt Micha sich quer. Wieder mal ignoriert er die Anweisungen … „Das Geständnis“ heißt die Erzählung des Ex-Vopo-Ermittlers „C. Curd“, die Bernd Michael Lade zu seiner dritten Regie-Arbeit fürs Kino verarbeitet. Dass er zugleich die lebensgebeutelte, aber aufrechte Hauptfigur Micha spielt, mag ein wenig kokett wirken. Doch dafür bringt er als ehemaliger Leipziger „Tatort“-Kommissar Kain eine Extraportion Cop-Credibility mit.

Glaubwürdigkeit ist überhaupt der große Trumpf des Films, der mit minimalem Budget und minimalen Schaupieler-Gagen realisiert wurde, übrigens mitproduziert von „Polizeiruf“-Ermittlerin Maria Simon. Alles kammerspielt in äußerst dichter Stimmung in einem einzigen Raum, einer schäbigen Amtsstube, unter den Augen Honeckers an der Wand, in vergilbtem Zwielicht mit dunklen Schatten, in schrägen und sonstwie ungewöhnlichen Kameraeinstellungen; Look und Sound von „Das Geständnis“ erinnern angenehm an altmodische Defa-Experimente,

Das mag einigermaßen anstrengend klingen. Doch das strenge Konzept, die Konzentration auf Dialoge und Spiel, das famose Ensemble und die komplexe Geschichte machen den Film unter Lades Händen zu einer packenden Angelegenheit irgendwo zwischen Polizeithriller, Psychostudie, Polit- und Historiendrama. Zur nüchternen Parabel auf das Scheitern eines Systems an sich selbst. „Wir wollten die Spannung unter der Oberfläche spürbar machen“, sagt Bernd Michael Lade. „Genau diese Atmosphäre ist für mich charakteristisch für die DDR in ihren letzten Tagen.“

„Das Geständnis“ läuft im Dresdner Kino in der Fabrik.

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