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Donnerstag, 11.01.2018

Wie eine Stradivari und auch ein bisschen Irrgarten

Der umgebaute Kulturpalast ist Juwel und Publikumsmagnet. Doch nach 260 Tagen Betrieb ist klar: Es ist nachzubessern.

Von Bernd Klempnow

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Ungewöhnliche architektonische und meist gelungene Lösungen fanden die Experten für den Umbau des Dresdner Kulturpalastes wie hier im Bereich der Zentralbibliothek. Aber manche Idee ging nicht auf. Es muss jetzt einiges nachgebessert werden.
Ungewöhnliche architektonische und meist gelungene Lösungen fanden die Experten für den Umbau des Dresdner Kulturpalastes wie hier im Bereich der Zentralbibliothek. Aber manche Idee ging nicht auf. Es muss jetzt einiges nachgebessert werden.

© kairospress

Großer Zuspruch und erstaunliches Lob – der umgebaute Dresdner Kulturpalast avanciert zu einer Erfolgsgeschichte. Trotz kleiner, ärgerlicher Mängel, die aber in diesem Jahr abgestellt werden sollen.

Gut 650 000 Gäste haben bislang das Ende April 2017 wiedereröffnete Gebäude mit seinen vielfältigen Einrichtungen und Angeboten von Konzerten über Kabarett-Vorstellungen bis Bibliotheksbesuchen und Lesungen genutzt. 200 000 erlebten im nun akustisch feinen, optisch faszinierenden Konzertsaal die 251 E- und U-Musik-Veranstaltungen der Dresdner Philharmoniker und deren Partner. Und die Nachfrage bleibt groß. Täglich werden gut 800 Tickets für den Konzertsaal verkauft, davon 200 für Fremdveranstaltungen.

Über 600 Lesungen, Vorträge und Führungen boten die Mitarbeiter der neu im Palast untergebrachten Zentralbibliothek. Und Zehntausende – nicht mitgezählte Tagesgäste – wandelten durch dieses Haus mit seiner markanten DDR-Architektur von Wolfgang Hänsch. Das war 1969 als Konzert- und Kongresshaus eröffnet worden. Es wurde, weil sanierungsbedürftig und eine neue Nutzung erfordernd, vom renommierten Architekturbüro Gerkan für 100 Millionen Euro umgebaut.

Herzstück ist und bleibt der Konzertsaal, der zuvor akustisch ungünstig war. „Ich erinnere mich leider an den trockenen Klang“, sagte Stargeigerin Anne-Sophie Mutter 2009 vor einem Auftritt. Sie habe dort immer nur aus langer Verbundenheit zu Maestro Kurt Masur musiziert. Als sie unlängst im neuen Saal einen Soloabend gab, war sie hin und weg: „Ich gratuliere Dresden zu dieser Stradivari – ein Konzertsaal der Extraklasse. Es war für mich ein unvergleichliches Erlebnis, im Kulturpalast zu musizieren. Ein großes Bravo an die Akustikfirma Peutz.“ Auch andere Gäste sind begeistert. Starmusiker Daniel Barenboim war unlängst von Klang und Schönheit des Saals beeindruckt. Der große Bariton Bryn Terfel sprach nach einem Liederabend zu den Musikfestspielen von „a wunderful hall“. „Dresden hat nun einen der besten Konzertsäle Europas“, meinte Stardirigent Ivor Bolton.

Trotzdem wird das Akustikbüro noch einmal ranmüssen. „Es wird im Saal Feinabstimmungen geben, um die Reflektionsvorgänge besser zu steuern“, sagt Philharmonie-Intendantin Frauke Roth. Diese Vorgänge seien durch die Weinbergsarchitektur komplexer als in einem normalen Schuhkartonsaal. Dort, wo die Pauken und Hörner sitzen, wird mit resorbierenden Flächen experimentiert. Sie sollen im Sinne eines ausbalancierten Klanges deren Durchschlagskraft etwas absorbieren. „Dieses Feinjustieren ist in allen Konzertsälen der Welt üblich. Auch im Wiener Musikverein weiß man aus Erfahrung, wie welche Instrumente für den idealen Klang platziert werden sollten.“ Ein Vergleich: In der Berliner Philharmonie hat Herbert von Karajan fast zehn Jahre experimentiert, bis er die optimale Klangbalance gefunden hatte. Auch in anderen Bereichen sind Nachbesserungen vonnöten, auch wenn in der Planungs- und Bauphase alle Beteiligten nach bestem Wissen und Können gearbeitet haben. Nach 260 Tagen Alltagsbetrieb ist klar: „Offenbar ist das Wegeleitsystem missverständlich.“ Immer wieder irren Besucher in den Foyers umher, weil etwa die Bezeichnung der Türen zum Saal zwar schick aussieht, aber nicht ausreichend und vor allem zu klein ist. Eine Zumutung fürs überwiegend ältere Publikum sind die Hinweise auf die ohnehin wenigen Toiletten. Die Zeichen sind nur wenige Zentimeter groß und auf dem Glas aufgebracht. Nur, wenn man davorsteht, sieht man sie. Immerhin: Die werden gerade neu geklebt!

In der Bibliothek ist mancherorts die Beleuchtung nicht optimal. Es fehlen noch Möbel und die Verschattung der riesigen Fensterfronten funktioniert nur mangelhaft. Die Technik im Veranstaltungssaal der Bibliothek muss teils umgerüstet und ergänzt werden. Und es soll eine ursprünglich geplante, dann doch der architektonischen Offenheit wegen weggefallene gläserne Lesesaalabtrennung noch in diesem Frühjahr kommen, kündigt der Bibliothekarische Fachdirektor Roman Rabe an. „Es ist wie im Privaten. Man plant vor dem Umzug alles penibel. Doch erst nach dem Einzug merkt man eben, was funktioniert und was nicht.“ Mehrkosten für den Steuerzahler entstünden nicht. Teils sind es Mängel, die die Baufirmen beheben müssen. Teils setzen die Einrichtungen Restmittel und Gelder für den laufenden Betrieb ein.

Dringend verbessern soll sich die Außendarstellung der Hauptnutzer. Bislang verweisen nur schmale, glänzende Schriftzüge auf Philharmonie, Bibliothek und „Herkuleskeule“. Künftig bekommt jedes Institut einen der drei Fahnenmasten vor dem Haus zur Werbung zugeteilt. Die Schaukästen an den Außenwänden als Teil des denkmalgeschützten Gebäudes sollen zurückkehren. Auch im Hauptfoyer soll sich der Besucher über neue Displays besser informieren können. Lärmdämmende Verbesserungen soll es am bislang zu lauten Tickettresen geben.

Freilich richtig ins Geld geht es, um ein arges Versäumnis wettzumachen. „Unsere bisherige Sprach- und Musikbeschallungsanlage im Festsaal ist imageschädigend“, sagt Frauke Roth. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen war eine Anlage beauftragt worden, die für Notrufe und Fluchtansagen, aber nicht für Moderationen und Musikverstärkung geeignet ist. Nun Technik jedes Mal anzumieten und einzumessen würde bei der engen Taktung der Veranstaltungen zu lange dauern. „Wir brauchen eine qualitativ hochwertige und leistungsfähige Anlage, die wir allen Nutzern zur Miete anbieten können“, so Roth. „Einmal gekauft, einmal eingemessen, wäre sie schnell und universell für Klassik bis Pop einsetzbar.“ Noch ist die Finanzierung der wohl sechsstelligen Summe unklar. „Aber ohne eine optimierte Beschallungsanlage ist der Saal des Kulturpalastes auf Dauer für Veranstalter speziell aus dem Unterhaltungsbereich weniger attraktiv.“

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Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. JulesWDD

    Da wurde jetzt der unsagbar häßliche DDR Schrott für 100 Millionen EURO "umgebaut" und dabei "vergessen", eine taugliche Sprach- und Musikbeschallungsanlage zu installieren. Unglaublicher Pfusch!

  2. Nutzer

    Zum Bedenken für Kommentator Nr. 1: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Thukydides (um 455 - 396 v. Chr.), griechischer Flottenkommandant im Peloponnesischen Krieg und Historiker

  3. Andi

    @JulesWDD,Hätten Sie nur mal eher die verantwortlichen auf diesen Mangel hingewiesen.Da wäre das nicht passiert

  4. SP

    Meine Eltern hatten neulich Karten für den ersten Rang und hatten eigenen Aussagen zufolge Mühe, in selbigem ohne Handlauf die Stufen zu ihren Plätzen sicher hinunter zu gelangen.

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