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Mittwoch, 03.01.2018

Walter Ulbrichts „Yeah, yeah, yeah“

Johannes Grützke wollte sich nicht anpassen. Als im Westen alle abstrakt malten, blieb er den Figuren treu.

Von Ulrike Uhlig

Johannes Grützke war ein gefragter Porträtist. Ob Walter Ulbricht dieses Bild von 1970 kannte und ob er damit zufrieden war, ist leider nicht überliefert.
Johannes Grützke war ein gefragter Porträtist. Ob Walter Ulbricht dieses Bild von 1970 kannte und ob er damit zufrieden war, ist leider nicht überliefert.

© VGBild-Kunst, Bonn 2017

Befragte man Leute in Dresden, Chemnitz oder Rostock, wer wohl Johannes Grützke sei, würden die meisten mit Schulterzucken antworten: „Kenn ich nicht.“ Ähnlich reagierten wahrscheinlich Düsseldorfer, Wormser oder Essener, wollte man von ihnen wissen, ob sie mit Werner Tübke etwas anfangen können. Eine gute Gelegenheit, eine Wissenslücke auf dem Gebiet der Kunst zu schließen, bietet das Museum Gunzenhauser. Man feiert zehnjähriges Jubiläum und zeigt aus diesem Anlass etwa 200 Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Plakate und plastische Arbeiten des im Mai, kurz vor seinem 80. Geburtstag, verstorbenen Johannes Grützke. Schon zur Eröffnung des Museums 2007 war sein monumentales Gemälde „Die Erziehung Alexanders“ an prominenter Stelle platziert. Nicht ohne Grund, gehörte es doch zu Alfred Gunzenhausers Lieblingsbildern, das lange in seinem Haus am Ammersee hing. Seit den 1970er-Jahren beschäftigte Grützke sich mit biblischen und antiken Stoffen, kannte sich in der Sagen- und Mythenwelt bestens aus. Sein Blick auf die Vergangenheit ist ironisch, humorvoll, manchmal bizarr, respektlos immer. Der große Alexander, selbst ernannter Zeussohn in einem Erdloch, umgeben von drei fülligen Nackten. Die eine versucht, ihn zu füttern, die andere erlaubt sich sogar einen Blick unters Gewand. Der junge Kerl in Siegerpose und doch abhängig von Frauen?

Johannes Grützke wächst in Berlin auf. Sein Vater ist Besitzer einer Glas- und Spiegelmanufaktur. Eine seiner vier Schwestern erinnert sich an die ersten Worte des jüngeren Bruders: „Will nicht!“ Fast könnte man dieses kindliche Statement als roten Lebensfaden bezeichnen. Auf alle Fälle will sich Grützke nicht anpassen. Als in der jungen Bundesrepublik die abstrakte Kunst dominiert, malt er realistisch. 1969 entsteht eine illustre „Tischrunde mit Sigmund Freud, Karl Marx, Herbert Marcuse und Julius Grützke“. Marx grinst, Freud lächelt altväterlich und Marcuse sieht man nur von der Seite. Drei große Männer, aus der Zeit gefallen und vom Sockel geholt. Vor ihnen steht der fünfjährige Sohn Grützkes und schaut über die Schulter: „Was haltet ihr von denen?“

Grützke liebte die Musik, fand sich mit Gleichgesinnten im anarchischen Musikensemble „Die Erlebnisgeiger“ zusammen. Er schrieb Gedichte, arbeitete mit Regisseur Peter Zadek, schuf legendäre Bühnenbilder für dessen Inszenierungen.

Sein Hauptthema war der Mensch

Die Gründung der „Schule der Neuen Prächtigkeit“ mit drei Malerkollegen schien folgerichtig. Mit einem von Grützke verfassten Theaterstück „Die Maßregelung auf dem Floß der Medusa“ reiste die Künstlertruppe sehr erfolgreich durchs Land. Ziel war nicht nur, den verehrten Malerkollegen des 19. Jahrhunderts eine Referenz zu erweisen, sondern auch kräftige Seitenhiebe an die Abstrakten zu verteilen. Wilhelm Nay wurde über Bord geworfen, Kandinsky und Beuys gar geschlachtet und gebraten. Der sozialistische Realismus im Osten bekam auch sein Fett weg. Ein aufgeblasener Walter Ulbricht dürfte sich über sein Konterfei kaum gefreut haben. Da halfen auch die vier um ihn herumtanzenden Damen im Folklorelook nichts.

Ganz gleich, ob in ironischer Verfremdung oder sarkastischer Verzerrung, ob an Historie oder Mythologie angelehnt, Grützkes Hauptthema war der Mensch. In all seinen Facetten stellte er ihn immer wieder dar. Er war ein gefragter Porträtist, der betonte, dass ein Porträt durch ihn „hindurchgehen“ müsse. Geschönt hat er die Dargestellten nie, auch wenn es sich um Auftragswerke handelte. Überliefert ist, dass da schon mal ein Bildnis wiederholt werden musste. Auch seinen Galeristen und Freund Alfred Gunzenhauser hat er viermal porträtiert, zu dessen vollster Zufriedenheit. Zwei von diesen lebensprallen mit schwungvollem Pinselstrich ausgeführten Bildnissen sind in der Ausstellung zu sehen: Heiter und zugewandt der Blick, ein klein wenig Bauernschläue und ein ganz großes Herz für die Kunst. Mit Sicherheit wäre der Mäzen mit der Jubiläumsausstellung zufrieden gewesen.

Johannes Grützke, bis zum 14. Januar im Museum Gunzenhauser, Falkeplatz 2 in Chemnitz, geöffnet Di – So 11 – 18 Uhr; Katalog 28 Euro

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