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Samstag, 14.04.2018

Voran, ostwärts!

Das Staatsschauspiel Dresden wird in der nächsten Spielzeit noch politischer, vernachlässigt aber etwas Entscheidendes.

Von Johanna Lemke

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Das Staatsschauspiel will in Zukunft noch mehr ungewöhnliche Texte junger Autoren zeigen – wie „Nationalstraße“.
Das Staatsschauspiel will in Zukunft noch mehr ungewöhnliche Texte junger Autoren zeigen – wie „Nationalstraße“.

© Sebastian Hoppe

Wer in den letzten Wochen das Dresdner Staatsschauspiel besuchte, kam vielleicht ein klein wenig verstört heraus. In der zweiten Hälfte der Spielzeit hatte das Team um den neuen Intendanten Joachim Klement mehr Experimente gewagt. Vielleicht traf das nicht jeden Geschmack, doch der Intendant resümiert: „Wir sind glücklich über die vergangene Spielzeit.“ Er fühle sich ermutigt, so weiterzumachen. Politischer, vielfältiger.

Und so wirken die paar Klassiker im Plan für die Spielzeit 2018/2019 auch wie Pflichtübungen in einem Haus, das sich mehr und mehr den neuen Formen verschreibt. Zwar startet die Spielzeit am 7. September konservativ mit „Der Untertan“ nach dem Roman von Heinrich Mann. Doch gleich die zweite Premiere im September wird die Uraufführung „Wir sind auch nur ein Volk“ sein, inszeniert vom gefeierten Regisseur Tom Kühnel. Es geht um Klischees, um Ossis und Wessis und setzt gleich zu Beginn eine Marke: Ab jetzt gibt es hier öfter neue Texte zeitgenössischer Autoren.

Klassiker treiben Gähnen ins Gesicht

Da sind dann Stücke dabei wie „9 Tage wach“, die autobiografische Erzählung eines ehemals Crystal-abhängigen Schauspielers. Oder „Odyssee“, ein neues Stück von Roland Schimmelpfennig, einem der wichtigsten zeitgenössischen Autoren. Tilmann Köhler, langjähriger Hausregisseur, wird es inszenieren. Weitere Bekannte in der Regie sind Jan Gehler, Jan-Christoph Gockel und Sebastian Baumgarten. Opulent verspricht „Schuld und Sühne“ in der Regie von Sebastian Hartmann zu werden, der kürzlich das sensationelle „Erniedrigte und Beleidigte“ am Staatsschauspiel vorlegte. Der alte Dresdner Bekannte, Volker Lösch, zeigt ein Stück mit dem Arbeitstitel „Dresden 2029“. Es geht um die Utopie einer Stadt, in der seit zehn Jahren eine populistische Partei regiert, passend zur Landtagswahl im nächsten Jahr.

Die Klassiker im Spielplan hingegen treiben einem das Gähnen ins Gesicht. „Ein Sommernachtstraum“, „Biedermann und die Brandstifter“ oder „Tod eines Handlungsreisenden“ sind unter den bekannten Werken diejenigen mit dem wenigsten Rumms. Immerhin wurden für die Interpretation Regisseure ausgesucht, denen man zutraut, dass sie die Werke ordentlich durchquirlen. Philipp Lux inszeniert „Die Verwandlung“, „Kabale und Liebe“ wird der 1989 geborene Georgier Data Tavadze bearbeiten. Joachim Klement setzt bewusst einen neuen Schwerpunkt als Theater am „Brückenkopf zwischen Ost und West“. So kommt als letzte Inszenierung im Juni 2019 die des Ungarn Árpád Schilling nach Dresden. Er steht in seiner Heimat wegen seines innovativen Theaters unter ständigem Druck, ist aber europaweit einer der spannendsten Regisseure. Er widmet sich in einem Rechercheprojekt der Verbindung von Ostdeutschland und Ungarn.

Und was fehlt? Richtig gelesen, bisher fiel kein einziger Name einer Regisseurin. Zwar finden sich im Spielplan mehrere Stücke, die sich mit der Frage um Geschlechtergleichheit beschäftigen. Es verwundert daher, dass diese Aufmerksamkeit offenbar nicht für die Wahl der Künstler reichte. Nur ein Drittel der inszenierenden Regisseure sind Frauen. Immerhin gibt es eine Hausregisseurin: Mina Salehpour inszeniert zwei Premieren. Ihre Kollegin Daniela Löffner erwartet ein Kind und pausiert daher. Friederike Heller bearbeitet „Ein Sommernachtstraum“, Babett Grube inszeniert die Feminismus-Analyse „Mit freundlichen Grüßen eure Pandora“. „Ich bin Muslima – haben Sie Fragen?“ heißt ein Stück der Bürgerbühne mit Dresdner Musliminnen. Eine weitere Inszenierung wird mit Bürgern aus Freital arbeiten: „Früher war alles“. Auch hier wurde ein Auftrag an einen guten Bekannten gegeben: Der renommierte Dramatiker Dirk Laucke schreibt den Text extra für Dresden. Stücke wie dieses lassen die Spielzeit 2018/19 zu einer der politischsten seit Langem werden.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Friedemann

    Beruhigend, dass sich wenigstens im subventionierten Staatsschauspiel die Künstler noch austoben können, während Comödie und Boulevardtheater sich ausschließlich aus ihren Einnahmen finanzieren müssen.

  2. Wechselgefühle

    Es wird teilweise nur noch erzieherisches Polittheater, garniert mit Klassikern für das ältere Stammpublikum geboten. Im Kleinen Haus wird politische Bildung bzw. Indoktrinierung wichtiger genommen als neues experimentelles Theater ohne politischen Zeigefinger. Wenn sich dieser Trend nun auch im Großen Haus fortsetzt, sollte man mit dem Anrechtsgeld vielleicht anderen Kultureinrichtungen unterstützen.

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