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Dienstag, 12.09.2017

Von der Frauenkirche ans Brandenburger Tor

Gehen die Berliner jetzt auch auf die Barrikaden? Mit dem Bus-„Monument“ kommt erstmals ein Dresdner Kunstwerk auf den berühmtesten Platz der deutschen Hauptstadt.

Von Oliver Reinhard

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So wie in dieser Fotomontage könnte es aussehen, wenn die Skulptur „Monument“ des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni demnächst in Berlin aufgebaut wird. Die Installation aus drei hochkant stehenden Bussen, die in Dresden für Streit sorgte, soll im November vor dem Brandenburger Tor stehen.
So wie in dieser Fotomontage könnte es aussehen, wenn die Skulptur „Monument“ des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni demnächst in Berlin aufgebaut wird. Die Installation aus drei hochkant stehenden Bussen, die in Dresden für Streit sorgte, soll im November vor dem Brandenburger Tor stehen.

© SZ-Fotomontage: dpa/Gregor Fischer; Ronald Bonß

Der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni hat das Kunstwerk „Monument“ vor der Dresdner Frauenkirche geschaffen. Bald werden die drei Busse vorm Brandenburger Tor in Berlin zu sehen sein.
Der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni hat das Kunstwerk „Monument“ vor der Dresdner Frauenkirche geschaffen. Bald werden die drei Busse vorm Brandenburger Tor in Berlin zu sehen sein.

© ronaldbonss.com

Das „Monument“ hatte auf dem Dresdner Neumarkt für teils massive Proteste gesorgt.
Das „Monument“ hatte auf dem Dresdner Neumarkt für teils massive Proteste gesorgt.

© René Meinig

Anfang April wurden die Busse in Dresden wieder abgebaut und nach Berlin gebracht.
Anfang April wurden die Busse in Dresden wieder abgebaut und nach Berlin gebracht.

© Robert Michael

Dresden/Berlin. Auch die Kultur kennt viele Sinnsprüche. Einer davon lautet: Ein Künstler, der es allen recht macht, ist kein Künstler. Aber für sich selbst drückt Manaf Halbouni ausnahmsweise mal ein Auge zu. „Ich freue mich, dass nun beide Seiten zufrieden sein können und mein ,Monument‘ in Berlin aufgestellt wird – wie die Befürworter und die Gegner es gewollt haben“, sagte der deutsch-syrische Künstler der SZ. Tatsächlich wird das in Dresden zuerst errichtete und sehr umstrittene „Monument“ aus drei aufgerichteten Bussen nach dem Vorbild einer Straßensperre im syrischen Aleppo zum dritten Herbstsalon des Berliner Gorki Theaters vom 11. bis 26. November vor dem Brandenburger Tor stehen. Das gab das Theater am Dienstag bekannt. Es ist das erste Mal, dass ein Dresdner Kunstwerk an einem derart zentralen Ort für die deutsche Geschichte und Gegenwart seinen Platz findet.

Von Februar bis April dieses Jahres stand das „Monument“ vor der Frauenkirche, gedacht als Friedensmahnmal für zivile Opfer militärischer Gewalt weltweit. Noch vor Aufstellung der Busse hatte es teils sehr massiven Widerspruch dagegen gegeben. Bei der Einweihung waren Oberbürgermeister Dirk Hilbert und Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch von einer Gruppe Protestler lauthals beschimpft und angepöbelt worden. Sogar Morddrohungen hatte Hilbert empfangen.

Neben rein geschmäcklerischen Argumenten wie „Gefällt mir nicht“ oder „Das soll Kunst sein?“ oder „Schrottkunst“ wurde auch inhaltlicher Protest laut. Vor allem weil das Vorbild des „Monument“, die Barrikade in Aleppo, von einer islamistischen Miliz angeblich zum Schutz für deren Kämpfer errichtet worden sei. Eine Behauptung, die durch intensive Recherchen der Sächsischen Zeitung als widerlegt gilt. Während der Proteste wurde aus den Reihen der Gegner immer wieder der Wunsch laut, das Kunstwerk solle doch nach Berlin, wo es hingehöre, weil dort die Mitverantwortlichen für den Syrienkrieg säßen. Doch auch Befürworter waren froh über die Nachricht, dass das „Monument“ nach dem Abbau nicht einfach eingelagert, sondern vom Berliner Gorki-Theater zur weiteren Verwendung ausgeliehen würde.

„Das Brandenburger Tor war schon lange als einer von vielen möglichen Plätzen für eine Aufstellung im Gespräch“, so Manaf Halbouni. „Aber das Gorki-Theater hat sich besonders intensiv für diesen Ort eingesetzt und die zuständigen Stellen schließlich überzeugen können.“ Er rechnet nicht damit, „dass es in Berlin zu solchen heftigen Protesten kommt wie in Dresden“.

Schirmherr des Projekts in der Hauptstadt ist Klaus Lederer. „Ich kann mir kaum einen besseren Ort für das Monument von Manaf Halbouni vorstellen, als den Platz des 18. März“, so der Kultursenator. Damit dürfte er nicht allein stehen: Freilich ist das weltweit bekannte Brandenburger Tor ein Sinnbild für die Tradition des preußischen Militarismus, der Mitverursacher für zwei Weltkriege war. Aber eben auch für Zerstörung und Wiederaufbau, für Trennung und Wiedervereinigung. Damit liefert der Platz dem „Monument“ einen durchaus ähnlichen Kontext wie die Frauenkirche. „Hier bündeln sich historische und aktuelle Linien, die für die freiheitliche und demokratische Tradition, für die erkämpften und friedlich errungenen Freiheitsrechte stehen“, sagt Kultursenator Lederer. „Das Monument soll uns mahnen, dass all das nicht selbstverständlich ist. Es soll uns in Gespräche und Austausch bringen darüber, wie Zerstörung, Leid, Krieg überwunden werden können und Versöhnung möglich ist.“

Für Manaf Halbouni hat die Berliner Entscheidung den Aussagen seines Kunstwerks noch eine weitere hinzugefügt: „Eine Einigung ist immer möglich. Man muss sie nurwollen.“

Rückblick: Bei der Eröffnung des Mahnmals am 7. Februar versuchten sich SPD-Landespolitiker mit aufgebrachten Demonstranten zu unterhalten. Es blieb beim Versuch, wie dieses Video zeigt. Darin ist Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig im "Gespräch" mit einer Bürgerin zu sehen:

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