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Mittwoch, 16.05.2018

Von Buchenwald nach Schwarze Pumpe

Von Oliver Reinhard

Dichter und Deserteur, Querulant und Sympathisant, Arbeiter und Industriedirektor: Hasso Grabner (1911–1976)
Dichter und Deserteur, Querulant und Sympathisant, Arbeiter und Industriedirektor: Hasso Grabner (1911 – 1976)

© Foto: Verlag Voland & Quist

Zu den kostbareren Erbstücken des verrückten 20. Jahrhunderts gehören die vielen verrückten Geschichten, die es hinterlassen hat. Samt all der Lebensläufe, wie sie nur im Zeitalter der Extreme haben gelebt werden können oder müssen. Womöglich erfährt auch deshalb die Biografie seit 20 Jahren einen Boom. Wie überraschend, ja umwerfend das Genre sein kann, zeigt die mehr als verrückte Vita des Hasso Grabner, der 1911 in Leipzig geboren wurde und eines dieser Jahrhundertleben führte: Jungsozi, Verlagslehrling, Kommunist, NS-Widerstand, Buchenwald-Häftling, Wehrmachtssoldat, Deserteur, FDJ-Funktionär, Rundfunk-Intendant, degradierter Querulant, Direktor der DDR-Schwerindustrie, strafversetzter Gießerei-Arbeiter, Schriftsteller ... Das Leben als Achterbahn mit Überholspur. Oder, wie das Buch über Grabner nun heißt: als „Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert“.

Selbst der Werdegang des Bandes war kurios. Ein Leipziger Autor, der sich aus angeblicher Öffentlichkeitsscheue hinter den Tarnnamen „Francis Nenik“ duckt, suchte als Objekt einen Dichter, der erstens so richtig „was erlebt“ hat, aber zweitens vergessen und völlig unbeschrieben sein muss. Sobald Nenik im Literaturlexikon einen Kandidaten entdeckt zu haben glaubte, suchte er nach Infos über ihn im Internet. Fand er was, war der Kandidat durchgefallen. Bis er auf Hasso Graber stieß. Der hatte zwar einen Wikipedia-Artikel, aber mehr als zehn Zeilen standen dort nicht. Nenik hatte seinen Mann gefunden. Und man darf sich glücklich schätzen, dass der Dresdner Verlag Voland & Quist schließlich auf Nenik stieß. Oder umgekehrt.

Nackt unter Funktionären

Denn Nenik scheint nicht nur ein ebenso obsessiver wie begnadeter Rechercheur mit Trüffelschweinsnase zu sein. Er kann auch schreiben. Und wie. In seinem angenehm dimensionierten 192-Seiter vermählen sich satte Spurenelemente des Erzähltalents angelsächsischer Historiker inklusive Ich-Perspektive mit der Lust von Schelmenromanciers am Fabulierstil. Freilich wäre das Etikett „Sächsischer Grimmelshausen“ arg überdimensioniert. Aber viele der Grabnerschen Lebensvolten klingen aus Neniks Feder derart unglaublich, dass man sich immer wieder fragt: Kann es ein solches Leben wirklich gegeben haben?

Offenbar ja. Francis Nenik verknüpft die biografische Schnur seines Helden immer wieder mit Erzählsträngen über Bruno Apitz, Franz Selbmann, Arnolt Bronnen, den Fäden der großen Geschichte und der Historie im Kleinen, Regionalen, Lokalen. So erfährt man Reichliches über die linke Szene Sachsens in den Dreißigern, den Alltag deutscher Besatzungssoldaten auf einer abgeschiedenen griechischen Insel, den Neuanfang in Leipzig nach Kriegsende unter sowjetischen Besatzungssoldaten, den Wiederaufbau der Schwerindustrie, Tiefen und Untiefen des Schriftstellerverbandes, die Neugier der Stasi auf Grabner, die mühsamen Anfänge des Kombinats „Schwarze Pumpe“, dessen Aufbauleiter er war ...

Das alles schildert Nenik plastisch und prall; eine Stimmungskanone ist er ebenfalls. Und Schriftsteller, was ihn natürlich intensive Blicke auf Grabner als Literaten werfen lässt. Der veröffentlichte mal weniger, mal mehr erfolgreiche Agitprop-Texte, Gedichte, Lieder, Pamphlete, Artikel, aber auch Gedichte, Erzählungen, Romane. Vieles atmete in dieselbe Richtung wie der damalige Zeitgeist. Etwa die NS-Widerstandsgeschichte „Die Zelle“ oder der Roman „Der Weg der Rohrschweißer zur Brigade der Kommunistischen Arbeit – Vom Leben der Jugendbrigade Grigorij Sitalo, Dnepropetrowsk“. Ein Titel, der offenbar ebenso staatskundepädagogisch wertvoll war wie der Inhalt. Die Arbeiter darin, so Francis Nenik, „handeln jedenfalls alle, als seien ihnen Ulbrichts ,Zehn Gebote‘ in Fleisch und Blut übergegangen.“ Trotzdem bekam Grabner immer wieder Ärger mit der Bezirksparteikontrollkommission.

Genosse Egoist

Was war das bloß für eine Type, dieser ostdeutsche Simplex Simplicissimus des 20. Jahrhunderts, der so viele Haken schlug, schlagen musste, in dieser ohnehin hakenreichen Zeit? Jedenfalls kein durchgängiger Anpasser, aber doch wendehalsig. Nenik zeichnet die Charakter-Umrisse eines pragmatischen, sturköpfigen, romantischen Idealisten. Wahrscheinlich lag der DDR-Schriftstellerverband gar nicht mal so furchtbar falsch, als er sein unbequemes Mitglied wie folgt einschätzte: „Insgesamt gibt Genosse Hasso Grabner das Bild eines widerspruchsvollen Egoisten.“

Kein Wunder, dass jemand wie er niemals wirklichen Frieden finden konnte. In seinen Spätfünfzigern zieht sich Grabner auf eine Flussinsel im Brandenburgischen zurück und heiratet seine junge Geliebte. 1968 verfasst er linientreue Kommentare gegen den Prager Frühling und tilgt mit dem Judaslohn seine Schulden. Um sechs Jahre später umso wütender gegen die SED-Attacken auf Alexander Solschenizyn zu wettern. Und 1976 voller Zorn und Frust wegen ignoranter Parteibonzerei an Herzschwäche zu sterben.

„Wer seine Abrechnung mit dem Teufel macht, hat am Ende immer noch etwas zu zahlen“, resümiert der Biograf, der den Biografierten als „Chronist einer Groteske namens Geschichte“ dingfest zu machen versucht. Es sind überhaupt ein paar kluge Dinge, die er aus dem Versteck „Francis Nenik“ als persönliche Draufgabe beilegt. Darunter diese: „Die Geschichte wiederholt sich nicht, sie wechselt nur nicht gerne die Klamotten.“ Umso erfreulicher, dass die Geschichte des Hasso Grabner einen Einkleider wie Nenik gefunden hat.

Francis Nenik: Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert. Verlag Voland & Quist, 192 S., 19 Euro

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