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Mittwoch, 13.09.2017

Vom Untergegangenen im Heute

In seinem neuen Band schreibt der Radebeuler Jörg Bernig über das einmalige Reich der Kindheit und beweist Sprachbewusstsein auf hohem Niveau.

Von Michael Ernst

Jörg Bernig
Jörg Bernig

© Matthias Schumann (Archiv)

Buchhaus Loschwitz in Dresden, ein schwieriges Pflaster angeblich. Eine Buchvorstellung von und mit Jörg Bernig – das macht die Sache nicht unbedingt leichter. Der Gedichtband heißt „in untergegangenen reichen“. Alles in Kleinschrift gehalten. Lyrische Bilder darin, vielfarbig assoziativ, poetisch durchmischt. Jetzt nur nicht den Text mit dem Leumund verwechseln!

Aber davor ist ja, zum Glück, die Kraft der Gedichte. Sie sind stärker als üble Nachrede oder selbst verschuldetes Abseits. Der Dichter Jörg Bernig hat sich mit einer zumindest missverständlichen Rede ins Sumpfige manövriert, er hat geradezu trotzig nachgelegt. Die Sächsische Zeitung veröffentlichte die Rede und einen weiteren Text des Autors im Vorjahr. Wie soll man nun vorbehaltlos seine Lesung besuchen? Ganz einfach: mit offenen Ohren und wachem Verstand. Das ist sowieso nötig in Tagen wie diesen, da aus einem Mutmaßen rasch eine Vorverurteilung ohne Widerspruchsrecht werden kann. Teils sind es rätselhafte Texte. Mal voller Allegorien – immerhin schreibt Bernig von „tischvolk“ und von „sirenen“. Mal legen sie Fährten: „und doch ziehn wir durch die städte/ als wenn keine und keiner ein herkunftsland hätte“.

Argwohn macht sich breit, selbst in der Poetik: Von welchen Reichen schreibt der Dichter hier, die untergegangen sein sollten? Vor zahlreichem Publikum wird Bernig deutlicher, legt nahe, dass es um die Kindheit gehen könnte, die eigene zumal – was für ein einmaliges Reich ist sie gewesen, einmal verlassen, nur mehr im Traum wiedererlebbar.

Jörg Bernig, 1964 in Wurzen geboren und heute schreibend in Radebeul zu Hause, betrachtet „im gegenlicht“ die verrinnende Zeit, sieht „die jahre fliehn und die tage stehn“. Raunend fragt er: „vielleicht sehn wir das ende der welt“? Das sind keine anstößigen Worte, das ist nachdenkliche Dichtkunst, die freilich der Auslegung harrt und sich so oder so interpretieren lässt. Sprachbewusstsein auf hohem Niveau, fein ediert in einem kleinen Bändchen.

Immer mal wieder geht es um wertvolle Lebenszeit, in „vorbereitung“ etwa klingt das ganz und gar unverfänglich an: Fliehende Schwalben, kommende Schwalben – nach dem Herbst ist vor dem Herbst. Manche trennen, andere verbinden die jahreszeitlichen „himmelsnähte“. Manche Stunde schwingt voller Vergänglichkeitsgefühl. Naturnähe sieht Bernig im Kohleabbau, wo am Restloch schon der künftige See geahnt wird. Vom „anfangen und aufgeben“ schreibt er, erwähnt „die schiffbrüchigen splitter des glücks“. Da hält ein dichterisches Ich Rückschau, ein Mensch, der nicht weiß, wie viel Ausblick noch bleibt, findet klare Worte und schöne Metaphern dafür. Hie und da rettet er sich schon mal in Zitate: „zum raum wird hier die zeit“.

Sonst aber findet sich in diesem Gedichtband kaum wagnerianisches Wabern. Stattdessen im Gedicht „babylonisches lallen“ die Angst des Autors vor eigener Verlorenheit; da geht wer seiner Wege und fürchtet die Frage nach dem Wohin.

Die „untergegangenen reiche“ werden sowohl räumlich als auch historisch gedeutet. Ausflüge in die Geschichte führen quer durch die Welt und gerne ins Böhmische, wo Bernigs Familie herstammt. Im titelgebenden Gedicht begibt sich der Autor auf Sinnsuche, das Untergegangene im Heute zu prüfen.

Jörg Bernig: in untergegangenen reichen. Edition Rugerup, 124 Seiten, 18,90 Euro

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