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Freitag, 12.01.2018

Staatsvogel oder Stachel im Fleisch

Thomas Rosenlöcher und andere Künstler diskutieren in Dresden über verlorene Utopien und die Greifarme der Öffentlichkeit.

Von Karin Großmann

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Thomas Rosenlöcher beobachtet Möwen analog und digital.
Thomas Rosenlöcher beobachtet Möwen analog und digital.

© picture alliance / dpa

Gerade geht etwas heftig kaputt. Das gemeinsame Wollen ist in der Republik abhandengekommen. So beschreibt es der Chef der Sächsischen Akademie der Künste Holk Freytag. „Nicht mal die Charta der Menschenrechte gilt noch unangefochten.“ Diesen Befund ergänzt der Dichter Thomas Rosenlöcher mit eigener Erfahrung. Er habe sich in der DDR lange von einem Wir-Gefühl getragen gesehen; vom Gefühl, aus der Mitte der normalen, einfachen Leute zu kommen. Heute fragt er sich, ob dieses Einverständnis vielleicht ein Irrtum war. Angesichts der Pegida-Aufmärsche spricht er von einem Abbruch seines Grundempfindens. „Diese Erschütterung, die kriege ich nicht mehr los.“

Thomas Rosenlöcher, Holk Freytag, der Komponist Manos Tsangaris und der Leipziger Fotograf Maix Mayer versammeln sich am Mittwochabend in der Akademie in Dresden zur Beantwortung einer Gummibandfrage. Braucht die Gesellschaft die Kunst? Das lässt sich beliebig lange in jede Richtung ziehen. Und also tun es die Herren. Dass Frauen in der Runde fehlen, soll nicht wieder vorkommen, schwört Freytag. Der Saal aber ist gut gemischt gefüllt, und wieder mal sitzen etliche Zuhörer draußen vor der Tür. Der sächsische Staat scheint Künstler nicht sehr zu brauchen, sonst würde er ein größeres Domizil finanzieren, meint Rosenlöcher.

Natürlich ist jeder in der Runde felsenfest von der eigenen Notwendigkeit überzeugt, sonst würde keiner früh aufstehen zum Kunstmachen. Nötig aber wozu? „Ist der Künstler ein Staatsvogel oder der Stachel im Fleisch?“, fragt Moderator Thomas Bille. „Sind Theater eine Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung oder eine schlecht bezahlte sozialpädagogische Anstalt?“ Holk Freytag, etliche Jahre Intendant des Dresdner Staatsschauspiels, verteidigt die Autonomie der Bühne und die Subjektivität der Künstler. Die Nähe zu Schiller und Euripides sei größer als die Nähe zur Politik. „Aber jedes Theater hat eine Vorstellung von der Gesellschaft.“ In der Abhängigkeit vom Staat als Finanzier sieht Freytag keinen Konflikt: „Die öffentliche Unterstützung verpflichtet uns zur Teilhabe – wir sind verpflichtet, kritisch auf den Staat zu gucken.“ Aber Förderer erwarten schon auch eine Bringschuld, meint der Fotograf und Filmemacher Maix Mayer. Vor allem Architekten fühlten sich als „Nutten der Gesellschaft“ vereinnahmt. Mayer spottet über Glasfassaden, die sich als demokratisch, weil transparent ausgeben: „Das ist nur eine fiktive Sichtbarkeit und hat nichts zu bedeuten.“

Akustisch verschmutzt

Der Komponist Manos Tsangaris beschreibt die Erwartungen der Öffentlichkeit an die Kunst mit dem Bild von Tentakeln: „Sie greifen nach uns.“ Er findet es gefährlich, wenn sich Künstler als Illustratoren gesellschaftlicher Themen zur Verfügung stellen. Die jüngste Documenta nennt er als Beispiel. Er versuche es lieber mit Globuli, sagt Tsangaris, mit Kunst in kleinen, homöopathischen Dosen. „Ein Gedicht kann durch seine Poetik, seine Präzision gesellschaftlich relevant sein, auch wenn die Me-Too-Debatte nicht darin vorkommt.“

Der Komponist fühlt sich noch auf eine andere Weise bedrängt: ausgeliefert an alle Arten von „Endgeräten“ und medialer Inszenierung. Bei einer Wahl, sagt er, gewinnt nicht mehr die Partei mit dem besseren Programm, sondern die mit der besseren Werbeabteilung. Der Komponist Tsangaris klagt über zu viel Beschallung. Der Fotograf Mayer spricht von akustischer und visueller Verschmutzung. Der Dichter Rosenlöcher verdeutlicht das Problem am Beispiel einer Hiddensee-Fähre, die auf einem Monitor die Landschaft vorbeiflimmern lässt, die just in Echtzeit zu sehen ist. Eine wirklich hübsche Absurdität: Möwe analog und digital.

Es war nicht zu erwarten, dass der Abend die Grundsatzfrage erschöpfend beantwortet. Sie ist zu vertrackt. Schon Goethes Dichter Torquato Tasso kannte den Zwiespalt, dank Fürstengunst sorglos schreiben zu können und dafür den goldenen Käfig zu akzeptieren. Der Dresdner Schauspielstudent Emil Borgeest bot den Tasso-Monolog zum Auftakt des Abends. Künftig soll jede Akademieveranstaltung mit einem jungen Künstler beginnen. Er dürfte sogar mit auf dem Podium sitzen.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. Feigenblatt

    Mal weg von der selbstverliebten Hochkultur. So lange der Staat die Bürger niveaulose Radio- und Fernsehprogramme zwangsfinanzieren lässt, damit die seichte Unterhaltung die Menschen vom Nachdenken und 'eigene Meinung bilden' abhält, sind solche Veranstaltungen hübsche Feigenblätter.

  2. Berg

    #1 Feigenblatt: es gibt bessere Argumente gegen eine Abgabe für Rundfunk und Fernsehen. Aber bei Dutzenden Radio- und Fernsehsendern aus allen 16 Bundesländern pauschal ALLEN "seichte Unterhaltung" vorzuwerfen, ist weit überzogen. Gucken Sie eigentlich gelegentlich auch mal in die Programmhefte? - Wir sind auch täglich unterschiedlich anspruchsvoll und finden oft erst nach langem Suchen die passende Radio- bzw. Fernsehsendung. Doch nicht, weil alles zu "seichte Unterhaltung" wäre.

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