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Montag, 16.04.2018

Souverän durch die eigene Bandgeschichte

Tocotronic singen in Dresdens Altem Schlachthof von Provinz-Melancholie und dem Neustart in der Großstadt.

Von Philipp Demankowski

Nach der Liebe kam die Rückbesinnung auf das eigene Leben. Viel wurde geschrieben über die neuerliche Selbsterfindung von Tocotronic, die wie keine andere Band ihrer Generation ihr Gesamtwerk in Phasen zu kleiden vermag. Zwar sind auch bei Tocotronic die Alben die Zäsuren, doch die Verschiebungen finden nicht nur musikalisch statt, so wie bei den meisten der wenigen Bands, die das Kunststück vollbringen, über 25 Jahre relevant zu bleiben. Das Hamburger Quartett schafft es darüber hinaus, seine Alben thematisch so einzukleiden, dass sie zwar in sich geschlossen wirken, dabei aber trotzdem nicht als Konzeptalben daherkommen. Gibt es ein übergreifendes Thema, so steht es nicht für sich, sondern immer im Kontext der Band und ihrer Protagonisten. Nachdem das neunte Album „Wie wir leben wollen“ auch von der Band selber als intellektueller Höhepunkt gewertet wurde, ging es beim selbstbetitelten roten Album vor drei Jahren um die romantische Liebe. Auf dem aktuellen Werk „Die Unendlichkeit“ beschäftigt sich Sänger Dirk von Lowtzow auffallend offensiv mit der eigenen Biografie, singt über die Provinz-Melancholie und den Neustart in der Großstadt.

Quasi nebenbei haben sich auch die musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten der Band vervielfacht, was jedes Tocotronic-Konzert zu einem Erlebnis macht. Dennoch hallt der Schrammel-Indierock mit den großen Adoleszenz-Hymnen aus den Anfangstagen auch im Alten Schlachthof immer noch nach, wenn das Quartett alte Hits wie „Drüben auf dem Hügel“ oder „Letztes Jahr im Sommer“ anstimmt. Überhaupt umarmt die Band die eigene Bandgeschichte und spielt fast aus jedem Album mindestens ein Lied. Dirk von Lowtzow gibt auf der Bühne dazu den Conférencier, agiert mit großer Gestik wie im Theater.

Authentisch will hier niemand sein. Stattdessen wird Kunst gemacht, die aber trotzdem berühren kann. Auch die mit der Band gewachsenen, wahrscheinlich längst im Leben angekommenen Fans haben Déjà-vus und spüren plötzlich wieder das Gefühl der Ausgrenzung und der Geringschätzung. Schaut man sich im Alten Schlachthof um, haben aber offensichtlich auch viele junge Menschen Tocotronic für sich entdeckt. Vielleicht hat sich am Ende in 25 Jahren doch nicht so viel getan. Jan Müller macht jedenfalls nicht den Eindruck einer großen Veränderung. Der Bassist sieht aus wie auf den Fotos von 1993, was von Dirk von Lowtzow anerkennend kommentiert wird.

Einfach gute Rockmusik

Rick McPhail, inzwischen auch schon seit 15 Jahren festes Bandmitglied, beeindruckt, indem er mitunter Synthesizer-Linien an der Gitarre nachspielt, dabei aber kaum seine freundliche Miene verzieht. Auch Schlagzeuger Arne Zank ist ein perfektes Beispiel dafür, dass Tocotronic heute vielleicht keine virtuose, aber doch eine souveräne Rockband sind, die nicht in Routine erstarrt und zu der es sich bestens tanzen lässt. Am Ende werden die Dresdner Besucher mit drei Zugaben belohnt, als Schlusspunkt gar mit der ewigen Bandhymne „Freiburg“.

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