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Freitag, 29.12.2017

Sekretärin? Bei uns nennt man das Sklavin

Das Kinojahr 2017 brachte viel Qualität, ausreichend Kommerz und viel Aufmerksamkeit für feminine Anliegen.

Von Oliver Reinhard und Andreas Körner

Killt böse Deutsche auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs: „Wonder Woman“ (mit Gal Gadot) ist der am stärksten überbewertete Film des Jahres.
Killt böse Deutsche auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs: „Wonder Woman“ (mit Gal Gadot) ist der am stärksten überbewertete Film des Jahres.

© Warner Bros.

Um die Mitte des Jahres wirbelte sie so viel Staub auf, dass manch Geist sich vernebelte: „Wonder Woman“, weltweit gefeiert als Kino-Ereignis sondergleichen. Eins, in dem endlich das typisch männliche Stereotyp des Superhelden konsequent feminisiert wird. Eins, das die Emanzipation der First Actionkinoladies bis in die Frage treibt, ob man in diesem Genre auf Männer auch mal ganz verzichten könne.

Doch der Lorbeer sieht bei näherer Betrachtung recht welk aus. Ja, da ist Wonder Womans selbstbestimmte Sexualität, sind ein paar starke Worte des erdfremden Wesens wie „Sekretärin? Bei uns nennt man das Sklavin“. Ansonsten gibt es kaum einen Spruch, ein Gefühl, eine Tat, ein Motiv, in dem sie sich wesentlich unterscheidet von Fantasy-Heldinnen wie Katniss Everdeen („Tribute von Panem), Ava („Ex Macchina“) oder Tris Prior („Bestimmung“). Und: Völlig anders als sie sieht Wonderella aus wie das Sexobjekt feuchter Altmännerträume.

Die Vernebelung wirkte tief: Außerdem sei der Film toll erzählt, herrlich selbstironisch, super animiert, so der Tenor der Kritiken. Tatsächlich ist „Wonder Woman“ tricktechnisch veralteter Standard, nicht selbstironischer als Indiana Jones und erzählerisch teils schmerzhaft einfältig. Dafür lässt er Feindbilder des Kalten Krieges neu aufleben: Wenn der zweite Teil so russenfeindlich wird wie der erste deutschenfeindlich ist, könnte „Wonder Woman“ immerhin einen erstaunlichen kino-ideologischen Rücksturz markieren.

Und doch gab es sie, die wirklichen Ereignisse im Großkinoformat. Wie Christopher Nolans kolossal gefilmtes und geschachteltes Kriegsdrama „Dünkirchen“, Darren Aronofskys schockierenden Horrorpsychothriller „Mother!“, die zweite Verfilmung von Stephen Kings „Es“ und natürlich „Star Wars – Die letzten Jedi“. Dass dennoch in Deutschland auch der dritte „Fack ju Göhte“ Zuschauerkönig seiner auch insgesamt filmwirtschaftlich sehr erfreulichen Saison wurde, zeigt aufs Neue: Immerhin um den Kassenmagnetismus des heimischen Unterhaltungskinos muss man sich keine Sorgen machen.

Allerdings gehören „Star Wars“ einerseits und „Es“ sowie „Blade Runner“ auf der anderen zu den wenigen gelungenen Beiträgen zweier Spezies, die sich in Hollywood kaninchengleich vermehren: Endlos-Serien und Wiederverfilmungen. Auch wenn der achte (!) Teil von „Fast & Furious“ zeigt, das Einfallslosigkeit und Nummer-Sicher-Denken der Produzenten sich finanziell auszahlen, führt so etwas letztlich immer weiter in die kinokünstlerische Stagnation. Was bei Neuverfilmungen ebenfalls droht, wie der lahm dahinzuckelnde „Mord im Orient Express“ demonstrierte.

Rechter Terror mit Oscar-Chancen

Womit wir bei einer weiteren unschönen Entwicklung in der Branche wären. Denn was vor Jahren noch Vielfalt hieß, trägt längst seinen richtigen Namen: Kannibalismus. Sage und kaum glaube über 600 neue Filme waren und sind 2017 auf deutsche Leinwände gekommen. Die meisten haben sich gegenseitig aufgefressen. Wer bitte soll wöchentlich zwölf oder 15 neue Streifen spielen, geschweige sehen? Wo ein durchschnittlicher Kinobesuch pro Einwohner und Jahr von 3,0 (wie es der cinephile Dresdner 2016 geschafft hat) schon ein Spitzenwert ist? Der Programmkinosektor inklusive deutscher Filme – fernab einsamer Hits wie „Toni Erdmann“ – ist davon besonders betroffen. Das merkt man dem auslaufenden Kinojahr an.

Mittlerweile gilt schon die Grenze von 100 000 Zuschauern als magisch. Doch auch sie wird im Land kaum noch erreicht. Dreieinhalb Mal so viele schaffte aber die einzige echte Überraschung: „Weit – Die Geschichte von einem Weg um die Welt“, eine pfiffige, eher privat anmutende Reisedokumentation von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser. Seit Juni läuft sie. Was ebenso tröstlich ist wie die freudige Erkenntnis, dass sich Ruben Östlunds fulminante Gesellschaftssatire „The Square“ vom Kritikerliebling zum Publikumserfolg mausern konnte. Das ging aber nur, weil er in den Kinos genug Zeit bekam zu wachsen und nicht nach spätestens drei Wochen wieder dem nächsten Film Platz machen musste. Ein Glück, das auch Fatih Akin und seinem Thriller „Aus dem Nichts“ beschieden war. Er konnte mit dem indirekt aufgegriffenen Thema NSU aufregen – und findet sich nun auf der Oscar-Shortlist wieder, zusammen mit dem Schweden Östlund.

Tröstlich zum Dritten: Zwar wirft das gerade in Sachsen so beliebte französische Kino immer wieder verlässliche Erfolge ab, die ihre Qualitätsstandards halten. Dennoch war 2017 das Jahr der fatalen Trikolore. Die Komödien-Masche, nach der deutsche Verleihe beim westlichen Nachbarn einkaufen, zieht gerade noch; Pierre Richard kann mit „Monsieur Pierre geht online“ davon berichten. Doch die Zahl der schlechten Franzosenfilme nimmt zu. Das könnten die vielen Guten aus Osteuropa ausgleichen, obläge deren Präsentation nicht immer noch den seltenen Festivals im Land wie jenem in Zittau. Auch Dresden hat da mit den „Osteuropäischen Filmtagen“ im November Beispielhaftes zu bieten. Wunderbar positive Ausnahme im Kinoalltag war das ungarische Drama „Körper und Seele“, das die magische 100 000-Grenze noch knapp schrammen könnte.

Ermuntert sei der Filmfreund intensiver denn je, beim Fahnden im Programm genauer nach kleinen Perlen zu suchen. Und Fachjournalisten ruhig einmal zu glauben, wenn sie kaum unterstützte Filme wie „Die letzten Männer von Aleppo“, „Blind & Hässlich“ oder „Das Beste aller Welten“ ein wenig heller strahlen lassen.

Ein überfälliger Aufschrei

Kannibalismus also. Das Dumme: Jeder in der Branche weiß es, kaum einer stemmt sich dagegen. Bis wirklich alle heulen. Ein überfälliger Aufschrei war 2017 jedoch laut zu vernehmen: Seit Oktober klagen, initiiert von Opfern des Hollywoodmoguls Harvey Weinstein, immer mehr Prominente die gerade im Filmbusiness tief verankerte Pestilenz aus Missbrauch, Herabwürdigung und Benachteiligung von Frauen an. Das könnte, anders als „Wonder Woman“, die Branche wirklich zum Besseren verändern.

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