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Dienstag, 15.05.2018

Schwäne am Boden, der Prinz eine Frau

Auch in Sachsen hat offenbar kein Tanzkünstler mehr Lust auf Klassiker. In Leipzig verkommt „Schwanensee“ zum leeren Event.

Von Bernd Klempnow

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Im Nachthemd bei den unisex gefiederten Wesen im Wasser. Das Gewandhausorchester im Graben der Oper Leipzig schert sich nicht ums Bühnengeschehen und spielt die Musik von Peter Tschaikowskis „Schwanensee“-Ballett so, wie sie ist: romantisch, berührend, perfekt.
Im Nachthemd bei den unisex gefiederten Wesen im Wasser. Das Gewandhausorchester im Graben der Oper Leipzig schert sich nicht ums Bühnengeschehen und spielt die Musik von Peter Tschaikowskis „Schwanensee“-Ballett so, wie sie ist: romantisch, berührend, perfekt.

© Ida Zenna

Dieser Trend macht schlechte Laune. Ob in der Semperoper, ob in Görlitz oder Leipzig – kein Ballettchef in Sachsen hat noch Lust auf Klassiker. Zwar werden die Publikumslieblinge wie „Romeo und Julia“und „Don Quixote“ angekündigt, doch gezeigt werden auf Teufel komm raus modernisierte Fassungen. Der Klassiker ist vielfach nur noch an der Musik erkennbar.

Krass ist das derzeit in Leipzig zu erleben. Dort arbeitet mit Mario Schröder der eigentlich innovativste Meister für zeitgenössisches Handlungsballett Ostdeutschlands. Er nahm sich Peter Tschaikowskis Hit „Schwanensee“ vor. Es ist das ergreifendste Stück mit einer dramaturgisch wie emotional zwingenden Musik. Natürlich war von Schröder keine verklärte Inszenierung auf Spitzenschuh zu erwarten gewesen. Diese Romantik beherrscht seine auf modernen Tanz getrimmte Compagnie auch nicht. Doch er hat etwa bei Abendfüllern wie „Chaplin“ und „Van Gogh“ stimmige und originelle Erzählbögen bewiesen. Insofern war ihm ein spannungsreicher „Schwanensee“ zuzutrauen.

Doch der ehemalige Palucca-Schüler wollte alles anders als im Original machen. Der sentimentalen Liebe von einem Prinzen zu einer als Schwan verzauberten Frau traute er nicht. Er versuchte, die Geschichte einer jungen Frau zu basteln, die in einer „autoritären, patriarchalischen Welt um ein selbstbestimmtes Leben kämpft“. Dieses Ideal findet sie in der Fantasiewelt schwanenartiger Wesen – in einem weißen und einem ebenso guten schwarzen Schwan und deren Gefolge. Nur sollten diese nicht wie Schwäne aussehen. Auch bewegen mit den markanten Armhaltungen, wie es der russische Choreograf Lew Iwanow stilprägend im 19. Jahrhundert erfunden hat, sollten sie sich nicht. Deshalb rennen bei Schröder die unisex gekleideten Tänzer wie aufgescheucht über die Bühne oder kauern und liegen am Rand. Gelegentlich heben sie ein Bein oder tragen die Heldin. Alsbald gerät Schröders Story krude, gehen ihm Ideen und Bewegungen aus, fehlt der Handlung die psychologische Steigerung, die in der Musik hörbar ist.

Dafür wird ein Spiegel über dem Geschehen eingeschwebt. Der verdoppelt zunächst effektvoll die Szenen, kann aber auf Dauer nicht über die Dürftigkeit der Inszenierung hinwegtrösten. Einzig beim „Tanz der vier kleinen Schwäne“ inspiriert diese Bühnenlösung Schröder zu einem – immerhin – witzigen Arrangement. Der Spiegel wird so weit über den Tänzern abgesenkt, dass nur noch deren Beine hervorschauen und auch das Spiegelbild trippelnde Beine zeigt.

Das wäre ein Ansatz gewesen: „Schwanensee“ als Parodie. Doch dazu fehlten der Mut oder das Vermögen. Erstaunlich ist, dass das Publikum solchen Murks als Event feiert. Aber da sind die Leipziger den Zuschauern in Görlitz oder Dresden gleich.

„Schwanensee“ an der Oper Leipzig wieder am 26. Mai, 2., 3., 14. und 19. Juni ; Kartentel. 0341 1261261

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Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. DocBallet

    Klasse Artikel. Leider nehmen solche Profilierungsversuche der "Alles-Anders-Machen-Wollenden" inflationär zu. Wer besser als ein Petipa sein will, der muss schon was drauf haben. Ich mag auch moderne Inszenierungen aber einfach was zusammenschießen hat mit Kunst nicht viel zu tun. Tja und manches Publikum fühlt sich halt toll, zu sagen: "Heute habe ich Kunst genossen". Aber jedem Tierchen sein Plaisierchen...

  2. Kanonikus

    Der Begriff steht eigentlich für sich " innovativste Meister für zeitgenössisches Handlungsballett Ostdeutschlands". Man müsste dann natürlich auch ein zeitgenössisches Handlungsballett zur Verfügung haben. Aus der Geschichte einer sentimentalen Liebe einen Kampf um selbstbestimmtes Leben zu drechseln, auf so eine Idee muss man erst einmal kommen. Manchmal könnte man meinen, alle guten Stücke sind schon geschrieben, aber noch nicht alle verhunzt. Vielleicht fehlt auch die Kreativität eines Tschaikowskis.

  3. EausD

    Man muss heute eben sehr aufpassen, wofür man sein Geld für Ballettkarten ausgibt. Ich schätze durchaus moderne Choreografien (auch alter Ballette). So wie es vor langen Zeiten große Künstler gab, gibt und gab es sie auch im 20. und 21. Jahrhundert. Man denke an die tollen Arbeiten des Choreografen Tom Schilling, der sowohl mit modernen, als auch alten, neu bearbeiteten Ballettstücken Weltruhm erlangt hat, oder an die tolle Tänzerin und Choreografin Pina Bausch, um nur Einige zu nennen. Diese Künstler machen das Ballett unsterblich, den Murks in Leipzig kann man da getrost unter den Teppich kehren. Es passiert nicht viel, die Zuschauer werden es schnell vergessen.

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