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Freitag, 29.12.2017

Schieferdeckers Schlüsselerlebnisse

Der Dresdner Künstler erzählt von ganz privaten Momenten und dramatischen Ereignissen in seiner Stadt.

Von Birgit Grimm

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Jürgen Schieferdecker und seine Schlüsselerlebnisse in der Dresdner Galerie Rahmen & Bild. In zahlreichen Fotocollagen blickt er auf seine Vorbilder, seine Helden, auf seine Werke, auf wichtige Ereignisse in seiner Stadt, aber auch auf Freunde und Familie.
Jürgen Schieferdecker und seine Schlüsselerlebnisse in der Dresdner Galerie Rahmen & Bild. In zahlreichen Fotocollagen blickt er auf seine Vorbilder, seine Helden, auf seine Werke, auf wichtige Ereignisse in seiner Stadt, aber auch auf Freunde und Familie.

© Matthias Rietschel

Hier ein Blatt, das an einen Sommerurlaub im Jahr 1986 erinnert.
Hier ein Blatt, das an einen Sommerurlaub im Jahr 1986 erinnert.

© Matthias Rietschel

Ob Penck das wusste? Ein frühes Selbstporträt von ihm, es hängt in der Wohnung des Dresdner Künstlers Jürgen Schieferdecker, hat einen wuchtigen Holzrahmen, der auch als Schlüsselbrett taugt und der irgendwann einmal der Untersatz einer Waschmaschine gewesen sein soll. Schieferdecker wurde im November 80. Sein zwei Jahr jüngerer Künstlerkollege A. R. Penck ist im Mai gestorben. Auf diese Art gerahmt zu sein, dürfte ihm gefallen haben. Wahrscheinlich nannte sich Ralf Winkler noch gar nicht A. R. Penck und auf jeden Fall hat er sich noch rasiert, als er dieses Selbstbildnis malte. Da Schieferdecker keine Kunst ohne tieferen Sinn und höhere Bedeutung macht, wird er damals schon erkannt haben, dass Penck eine wichtige Figur in seinem Leben ist. Viele Jahre später nimmt er den Penck aus dem Rahmen und nutzt das Geviert, um sein Leben und sein Schaffen zu rahmen. Eine Biografie in Collagen entsteht und ist jetzt in der Galerie Rahmen & Bild in Dresden zu sehen.

Schieferdecker hat dafür Schlüsselerlebnisse ausgewählt, aber nicht chronologisch geordnet. „Das ist ein offener Zyklus“, sagt er. „Es fehlen noch Kaliber wie Bertolt Brecht, zum Beispiel.“ Künstlerfreunde, Lehrer und Vorbilder sind dabei. An Prominenz mangelt es nicht: Spinoza und der Dalai Lama, Hermann Glöckner und Georg Nerlich, Max Ernst und Ernst Bloch, Jorge Gomondai und Marwa El Sherbini, Mutter Schieferdecker und seine erste Ehefrau, die starb, als die gemeinsame Tochter anderthalb Jahre war. Urlaubsfotos und glückliche Momente mit Kindern und Enkeln und seiner zweiten Frau. Schieferdecker sagt: „Seit meinem zehnten Lebensjahr weiß ich, dass ich Künstler werden will. Ich habe nicht besser und nicht schlechter gezeichnet als andere Kinder in dem Alter. Aber mir war klar, dass ich das mein Leben lang machen will.“ Seine Mutter unterstützte ihn. Studiert hat er dann aber doch Architektur. Künstlerische Techniken eignete er sich selbst an. Er hat die Gabe, ironisch zu formulieren und den Mut, nicht drumherum zu reden. Bilder, Schrift und Gegenstände montiert er zu klaren Aussagen über Religion und Politik, Überwachungsstaat und koloniale Übergriffigkeit, über alte Kunst und neue Architektur. Schieferdecker mischt sich ein.

Die Rückkehr des Elefanten Celebes

Schon sein Kunstlehrer in der Oberschule musste einsehen, dass er ihm nichts beibringen kann. Und sein Professor an der Technischen Universität Dresden, Georg Nerlich, hielt sein Leben lang Kontakt zu Schieferdecker. „Er hat mich noch besucht, da war er schon neunzig. Nerlich hat eine großartige demokratische Tugend, indem er genau das beförderte, was in jedem von uns steckte. Er wollte keine kleinen Nerlichs aus uns machen und er hatte Vertrauen, zeigte uns Westliteratur.“ Das war in Zeiten, da man schon exmatrikuliert werden konnte, wenn man sich zu offensichtlich für Van Gogh oder Picasso interessierte, alles andere als selbstverständlich. „Auch war der Architekt in der DDR ja nicht unbedingt ein Künstler. Aber es sind etliche gute Leute wie Walter Herzog, Gottfried Reinhardt, Karl-Heinz Georgi und Peter Albert aus dieser Schule hervorgegangen“, erinnert sich Schieferdecker. Er selbst war später jahrzehntelang Hochschullehrer, hat das Logo der Technischen Universität entworfen. Auf dem Campus steht seit 1984 eine Figur des Künstlers, die „Ulbrichtsche Kugel“. Schieferdecker nennt sie „Die Heimkehr des Elefanten Celebes“ nach einem Gemälde von Max Ernst. Den verehrt er sehr, und er kannte das Gemälde, hatte es aber nie im Original gesehen. „Ich dachte lange Zeit, es sei verschollen. Bis mein Sohn Alexander mir ein Foto aus der Londoner Tate Gallery schickte.“ Schieferdeckers Ulbrichtsche Kugel ist keine Hommage an den DDR-Staatsratsvorsitzenden, der nie die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen. „Sie ist eher ein technisches Denkmal, gemacht aus einer Vorrichtung eines Professors Ulbricht, der um 1900 damit Glühfäden getestet hat. Das war meine erste große Plastik. Ich war auch der erste Künstler, der sich mit Marwa El Sherbini beschäftigt hat.“ Das klingt stolz. Dieses Blatt heißt schlicht „Die schöne Ägypterin“ und ist einer klugen Frau gewidmet, die 2009 in Dresden erstochen wurde. Es war nicht der erste fremdenfeindlich motivierte Mord in Dresden. Der Mosambikaner Jorge Gomondai „fiel“ aus einer Dresdner Straßenbahn und starb 1991 an den Folgen des Sturzes. Schieferdecker entwarf ein Plakat mit Gomondais Gesicht. Man liest: „Die Sachsen sind gemütlich“ und „Das hier war keiner“. Das Dresdner Rathaus wollte so ein Plakat damals weder drucken noch in der Stadt anbringen lassen.

Gern erinnert der Künstler sich dagegen an die Aufstellung der fünfzehn Meter hohen Plastik „Mast mit zwei Faltungszonen“ von Hermann Glöckner am Fritz-Förster-Platz: „Es war ein ziemlicher Kampf: Ein abstraktes Kunstwerk von fünfzehn Metern Höhe! Das war DDR-weit einmalig. Das Büro für architekturbezogene Kunst hatte Glöckner den Auftrag gegeben. Ich hatte Fotomontagen gemacht von der Plastik in der reellen Situation vor der Neuen Mensa.“ Die Veröffentlichung dieser Bilder in der Tageszeitung „Die Union“ war eine starke Argumentationshilfe, um das Projekt durchzusetzen. 1981 war Glöckners Kunstwerk fertig, die Aufstellung beschlossene Sache. „Doch dann mussten wir noch ewig um das Fundament und den Zement dafür kämpfen.“ Alles Baumaterial wurde für das Wohnungsbauprogramm der DDR gebraucht. 1984 wurde der Mast endlich aufgestellt, und der Konstruktivist Hermann Glöckner bekam den Nationalpreis.

Für die Kunst und für so manchen Künstler machte sich Schieferdecker als Vorsitzender des Dresdner Künstlerbundes stark. Privat organisiert er auch jetzt Ausstellungen für junge Künstler und für ältere, die seiner Meinung nach zu Unrecht unbekannt sind.

Einen anderen seiner Helden, den Philosophen Ernst Bloch, hat Schieferdecker neben seiner Enkelin Laura platziert. Das Prinzip Hoffnung verbindet. Er ist stolz auf seine Patchwork-Familie, in der die einen in seine großen Fußstapfen treten, andere auf anderen Gebieten erfolgreich sind. Eine Sippe, in der keiner vergisst, woher er kommt und wohin er gehört. Auf einem Familienporträt, das ein Fotograf als Gesellenstück ablieferte, sieht er aus wie ein südamerikanischer Drogenboss. „Meine Frau wollte es nicht ausstellen. Da habe ich es eben noch ein bissel aufgehübscht.“ Da ist sie wieder, Schieferdeckers Ironie. Manchmal macht der Rahmen das Bild.

Jürgen Schieferdecker, „Schlüsselerlebnisse“ , bis 31. Januar 2018 in der Galerie Rahmen & Bild in Dresden, Bautzener Landstr. 28. Geöffnet dienstags bis freitags 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr.

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