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Montag, 14.05.2018

Revolution von ganz oben

Wim Wenders dreht einen Film mit Papst Franziskus und zeigt ihn in seiner ganzen Radikalität – im Kampf gegen Armut.

Von Marcus Thielking

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Ganz nah dran war die Kamera von Wim Wenders, der den Papst bei seinen Reisen durch die Welt begleitet hat. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der die Menschen wachrütteln soll. Am Sonntag lief er beim Filmfest in Cannes.
Ganz nah dran war die Kamera von Wim Wenders, der den Papst bei seinen Reisen durch die Welt begleitet hat. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der die Menschen wachrütteln soll. Am Sonntag lief er beim Filmfest in Cannes.

© 2018 CTV, Célestes, Solares, Neue Road Movies

Dieser Film ist pure Propaganda. Die Zuschauer erleben anderthalb Stunden Gehirnwäsche und Manipulation, mit allen Tricks der Kameraführung und Inszenierung. Sie sollen bekehrt werden, als andere Menschen aus dem Kino gehen. Das sollte wissen, wer vorhat, sich das neue Werk von Wim Wenders anzuschauen: „Papst Franziskus – ein Mann seines Wortes.“ Doch keine Sorge, es ist Propaganda für lauter gute Sachen: Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Umweltschutz. Dafür muss niemand katholisch werden.

Auf jeden Fall wird man über diesen Film sprechen. Er hatte am Sonntag beim Filmfestival in Cannes Premiere, am 14. Juni ist Kinostart. Dass der deutsche Regisseur Wim Wenders sich nun mit dem Papst beschäftigt, ist kein Zufall. Wenders stammt aus einem katholischen Elternhaus, wollte als junger Mann selbst Priester werden. Vor allem aber ist er weltweit bekannt für seine preisgekrönten Dokumentarfilme wie „Buena Vista Social Club“ oder „Pina“. Und er engagiert sich seit Jahren gegen globale Ungerechtigkeit. Das alles dürften Gründe dafür sein, weshalb Wenders vor fünf Jahren eine Anfrage aus dem Vatikan erhielt, ob er nicht einen Film über Papst Franziskus drehen will – schon wenige Monate nach Amtsantritt des Argentiniers. Angeblich hatten der Regisseur und sein Team völlig freie Hand bei den Dreharbeiten und bei der Produktion.

Herausgekommen ist aber kein Dokumentarfilm mit exklusiven Einblicken hinter die Kulissen des Vatikans. Es ist auch keine Biografie über Jorge Mario Borglio, den ersten Papst aus Lateinamerika. Es ist der Film zur Mission des Franziskus: Kampf gegen die weltweite, zum Himmel schreiende Armut. Um die Zuschauer zu packen, greift Wenders zu zwei wirkungsvollen Mitteln. Zum einen sind das eindrückliche Aufnahmen des Elends dieser Welt: Armenviertel, Müllberge, ertrinkende Flüchtlinge. Solche Bilder lassen niemanden kalt.

Zum anderen basiert der Film auf mehreren ausführlichen Gesprächen mit Franziskus. Dafür wurde eine spezielle Kameratechnik eingesetzt: Wenders hat den Papst über eine Art Teleprompter interviewt, damit dieser ihm direkt ins Gesicht antworten kann, ohne von der dahinter versteckten Kamera abgelenkt zu werden. Im Ergebnis blickt der Papst den Zuschauern beim Sprechen tief in die Augen. Es ist, als würde er ihnen ins Gewissen reden. Wenders nutzt so auf geschickte Weise das sympathische Charisma des 81-Jährigen, der mal freundlich lächelnd, mal ernst dreinblickend seine lebensklugen Mahnungen zum Besten gibt. Zum Beispiel erzählt er verschmitzt, wie er früher als Priester die Beichte abgenommen hat und zum Schluss oft gerne eine Fangfrage stellte, mit der er die Büßer voll ertappte. Diese Frage lautete: „Haben Sie heute schon mit Ihren Kindern gespielt?“

Dies ist für Franziskus eines der Grundübel der Gegenwart: Niemand nimmt sich mehr Zeit, alles muss immer schneller gehen, keiner lässt den anderen ausreden, man hört nicht mehr zu. Alle anderen Missstände leiten sich daraus ab: die Kultur des Wegwerfens, der Zwiespalt und Hass, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid anderer. Alles nur Worte zum Sonntag? Immerhin hat dieser Papst erkannt, dass die Macht des Wortes seine schärfste Waffe ist. Im Film sieht man ihn vor der UN-Vollversammlung und vor dem US- Kongress ebenso reden wie in Gefängnissen und Slums. Die Kamera ist immer dabei und zeigt Franziskus in seinem unermüdlichen Einsatz für das eine Ziel: die Menschen wachzurütteln. Nichts anderes soll nun offenbar auch dieser Dokumentarstreifen bewirken.

Bloß daran gemessen, ist Wenders ein bemerkenswerter Film gelungen. Allein die mit Schauspielern gedrehten Zwischenszenen aus dem Leben des Heiligen Franz von Assisi sind etwas kitschig geraten, ebenso an manchen Stellen die Hintergrundmusik. Beinahe völlig ausgeblendet sind die Konflikte der katholischen Kirche. Dass Franziskus im Vatikan auf massiven Widerstand stößt, wird zwar deutlich in der Szene, in der er seiner Kurie die Leviten liest und die Kamera die versteinerten Mienen der Kardinäle und Bischöfe zeigt. Aber was das bedeutet, darum kümmert sich der Film nicht. Auch Glaubensfragen und Theologie spielen kaum eine Rolle. Bei konservativen Klerikern könnte der Film also mehr Anstoß erregen als bei Atheisten.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Jonas

    Als sehr bemerkenswert empfand ich als Nichtgläubiger folgendes Zitat von Papst Franziskus. "Eine Kirche die nur reich sein will, ist eine Kirche ohne Jesu" ! Treffender kann es nicht formuliert werden. Denn die Geschichte hat uns gezeigt, was für die Kirche immer wichtiger war und ist. Der Glauben fängt ja bekanntlich da auf, wo das Wissen aufhört. Gerade deshalb finde ich die zunehmende Nähe des Staates zur Kirche in Deutschland als unheilvoll.

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