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Donnerstag, 04.01.2018

Prosit in bedachtem Walzerschritt

Die Lausitzer Philharmoniker begrüßten das neue Jahr in Hoyerswerda musizierfreudig, aber nicht überschwänglich.

Von Karsten Blüthgen

Neujahr ist kaum der Tag, an dem Berge versetzt werden. Da heißt es eher ankommen, neu in die Gänge kommen. Im Konzert der Neuen Lausitzer Philharmonie in Hoyerswerda war dieser Prozess zum Greifen. Ein Musizieren, dessen Verve ansteckt, musste erst errungen werden. Am Ende hieß es, sich nach drei Zugaben loszureißen. Das Orchester hatte Fahrt aufgenommen, die nicht blasenden Musiker sangen dem Publikum zu ihrem Spiel einen Neujahrsgruß. Das Publikum klatschte im Rhythmus einer Johann-Strauss-Polka und der „Fledermaus“-Ouvertüre.

Diese Dauer-Knaller hatte sich das Orchester für den Schluss aufgehoben. Statt des wohlbekannten operettensüßen Konfettiregens von Anbeginn gab es zunächst Einblicke in schwach beleuchtete Kapitel der Musikgeschichte. Selten zu hören ist etwa Alfredo Casellas „Italia“ (1909), eine raffinierte, mit Zitaten aus Volksliedern wie „Funiculì, Funiculà“ angereicherte Rhapsodie für Orchester. Rar sind ebenso die Romanzen für Singstimme und Klavier von Giuseppe Verdi, die Landsmann Luciano Berio 1991 behutsam orchestrierte, dabei verfremdete und historisch kommentierte.

Schwung nach Anlaufphase

Andrea Sanguineti animierte sein Orchester zu vitalem und dynamischem Spiel. Von dessen sichtbar großer Leidenschaft blieb bei der klanglichen Umsetzung des ambitionierten Neujahrsprogramms zunächst jedoch einiges auf der Strecke. Im rasanten Beginn von „Italia“ brauchten die Celli einige Zeit, um sich einzurütteln. Solist Alin Stoica fand in den Romanzen dankbar viele Momente, mit seiner geschmeidigen Tenorstimme zu schwelgen und sie zu forcieren. Manchmal tat er dies jedoch selbstvergessen und war vom Dirigenten schwer einzufangen. Noch bei Richard Strauss’ übersinnlich schöner „Rosenkavalier“-Suite bedurfte es einer Anlaufphase, bis sich im Orchester Binnenspannung aufbaute, die Motive an Kontur gewannen und die Intonation stimmte, um ein delikates harmonisches Geflecht zu zaubern.

Nagte der – bei aller Stimmung, die im Laufe des Abends wuchs – nur mäßige Besuch im großen Saal an der Lust? Wird innerer Abschied vom Generalmusikdirektor allmählich hörbar? Dem Italiener wird die Polin Ewa Strusinska folgen. Den Philharmonikern der Lausitz tut Sanguinetis Temperament gut. Es macht den Orchesterklang lichter, leichter, ohne die Interpretationen leichtfertig werden zu lassen. Bis zum Sommer darf vom scheidenden Dirigenten noch einiges erwartet werden. Darunter zwei sinfonische Brocken, die „Fünften“ von Tschaikowski und Mahler, zunächst die weiteren Auflagen eines – dank zweier Raritäten und des Strauss-Klassikers – hörenswerten Neujahrsprogramms.

Wieder in den Theatern Bautzen (4.1.), Görlitz (5./9.1.) und Zittau (6.1.), im Bürgerhaus Niesky (7.1.) sowie im Hotel „Stadt Dresden“ Kamenz (14.1.)

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