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Samstag, 01.07.2017

Popstars, Entertainer und legere Erzähler

Erst spielten die Pet Shop Boys am Elbufer ein Konzert voller Effekte. Einen Tag später plauderte Sänger Neil Tennant ganz leger an der Kunsthochschule mit Studenten.

Von Kai-Uwe Reinhold

Die Pet Shop Boys in Dresden

Mit Lichtspektakel, Lasershow und Visuals zelebrierten Neil Tennant (l.) und Chris Lowe (r.) Popmusik an der Elbe.
Mit Lichtspektakel, Lasershow und Visuals zelebrierten Neil Tennant (l.) und Chris Lowe (r.) Popmusik an der Elbe.

© Andreas Weihs

Es ist eine oft bestätigte Tatsache, dass das Konzertpublikum mit den musikalischen Helden altert. Das trifft auch auf die Pet Shop Boys zu. Für ein Gros des Publikums, das am Donnerstag zum Konzert ans Elbufer pilgerte, gehört es zur persönlichen Biografie, den Aufstieg des britischen Duos miterlebt zu haben, das maßgeblichen Anteil an der Popularisierung der Popmusik hatte. Auch an den „Pop Kids“, so der Titel jener Hommage an die 80er- und 90er-Jahre, hinterlässt die Zeit ihre Spuren.

Die Pet Shop Boys in Dresden

Hits durch glückliche Zufälle

Und dennoch faszinieren die Pet Shop Boys auch jene Generation, die große Hits wie „Go West“ aus dem Jahr 1993 bestenfalls als musikalisches Hintergrundrauschen von ihren Eltern in die Wiege gelegt bekamen. Am Freitag, einem Tag nach dem Konzert am Elbufer, sitzt sie ein wenig ehrfürchtig auf dem Boden eines Ateliers in der Hochschule für bildende Künste und lauscht dem Gespräch von Carsten Nicolai und Neil Tennant, seines Zeichens Sänger der Pet Shop Boys. Anstatt in den roten Sesseln hocken beide leger auf der Bühnenkante. Die legere Haltung passt, denn für den 62-jährigen Tennant spielt sein Ego nicht die Hauptrolle, auch wenn er ein Star ist. Das mag auch daran liegen, dass die Karriere der Pet Shop Boys von Glück und Zufall protegiert wurde. „Viele Hits sind einfach durch glückliche Zufälle entstanden“, gesteht Tennant ein. Oft steckte dahinter kein ausgetüfteltes Songwriting, sondern simples Herumspielen, bis es irgendwann Klick machte. Ohnehin ist Tennant kein Freund ausgeklügelter Pläne, sondern einer, der glaubt, dass hinter guter Kunst eine einfache Idee steht, und dass diese Idee meist durch ausprobieren und experimentieren kommt. Ein Schmunzeln lief über die Gesichter der knapp 80 Zuhörer, von denen ein Großteil in den Zwängen der Studienordnung zappelt.

Weitaus mehr Besucher pilgerten am Tag zuvor zu den Filmnächten ans Elbufer. Und standen erst einmal in einer Schlange, die sich unter der Augustusbrücke bis zum Goldenen Reiter am Neustädter Mark zog. Doch bis zum Beginn der Show der Pet Shop Boys waren alle 4 000 Besucher auf den Rängen und vor der Bühne verteilt. Trotz trüber Aussichten vermieste der wolkenverhangene Himmel nicht Stimmung.

Halb zehn war es dann so weit. Lichterkaskaden zuckten über die Bühne, der Sound wurde lauter und die Pophelden drehten sich von den Rückseiten der zwei kreisrunden Projektionsflächen auf der Bühne zum Publikum. Behelmt und im Anzug eröffneten sie mit einem antikapitalistischen Statement das Konzert. Dollarzeichen rollten über die Leinwände und „Let‘s Make Lots Of Money“ dröhnte aus den Boxen ins Publikum.

Wenige Songs später legte Tennant nicht nur seinen Helm ab, sondern es fiel auch die winddurchwehte Leinwand, auf der sich bunte Kreise und Kugeln in- und auseinanderformten. Durch den gefallenen Vorhang offenbarte sich, dass neben Tennant und Chris Lowe weiterhin eine dreiköpfige Band auf der Bühne agiert: Zwei Schlagzeuger, die vor allem auf elektronischen Drum-Pads spielten, und eine Keyboarderin, die gelegentlich zur klanglich verfremdeten Violine griff. Aus dem puristischen Duo wurde ein dynamisches Quintett, das von einer beeindruckenden visuellen Choreografie umwoben war. Abstrakte Formenspiele liefen über in filmische Sequenzen, Nebel stieg auf, Lasergewitter entluden sich und zum Schluss hingen leuchtend bunte Kugeln vom Bühnenhimmel. Ein vielgestaltiger Wechsel durchzog die Show. Nicht nur visuell.

Pathos, Pop und Rummelbums

Selbstverständlich gaben die Pet Shop Boys nicht nur Klassiker wie „It‘s a sin“, „New York City Boy“ oder „West End Girls“ zum Besten. Auch neuere Songs wie „Pop Kids“, der zu Beginn des Sets gespielt und am Ende noch einmal kredenzt wurde, kamen zu ihrem Recht. Die Show lieferte aber nicht nur den obligatorischen Mix aus alten Hits und neuen Stücken, sondern packte einige alte Stücke in neue Kleider. Nicht immer schien das neue Outfit passend zu sein. Ob es unbedingt eine gelungene Aufhübschung darstellt, Electropop mit Rummelbumstechnobeats zu unterlegen, wird Geschmackssache bleiben. Nicht minder kann endlos die Frage diskutiert werden, ob selbst eine minimalistische Version von „Go West“ in unsere Gegenwart passt. Denn selbst die reduzierte Variante kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Song eine vor Pathos triefende Freiheitshymne ist. Aber Pathos gehört zur Show der Pet Shop Boys. Vor den Zuhörern an der Hochschule für bildende Künste leugnete Tennant nicht, dass die Popmusik der Pet Shop Boys nicht primär die Welt verbessern will, sondern mehr von einer Theaterinszenierung hat, die unterhalten will. Und wo Theatralität und Entertainment ineinander fallen, können die Boxen schon einmal vor Pathos überquellen.

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