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Sonntag, 31.12.2017

Nach dem Rausch

Silvester, Geburtstage, der Feierabend: Ein Anlass zum Trinken findet sich immer. Wer Alkohol meidet, steht oft blöd da. Aber nicht mehr lange.

Von Rafael Barth

„Es gibt keinen Grund, einen Drink zu nehmen, wohl aber immer einen Anlass“, heißt einer der vielen Sprüche, die den Rausch legitimieren. In Deutschland gehört Alkohol zum Alltag. Aber es gibt immer mehr Alternativen.
„Es gibt keinen Grund, einen Drink zu nehmen, wohl aber immer einen Anlass“, heißt einer der vielen Sprüche, die den Rausch legitimieren. In Deutschland gehört Alkohol zum Alltag. Aber es gibt immer mehr Alternativen.

© plainpicture/Blend Images/PBNJ P

Du hast dich zum gemütlichen Abend verabredet, ganz egal, ob in der nächsten Eckkneipe oder einer ausgewählten Bar. Vielleicht bist du müde oder willst morgen früh raus, ohne Kater im Kopf. Womöglich ist dir kalt, aber dieses süße Etwas namens Glühwein kommt für dich nicht infrage. Jedenfalls bestellst du diesmal: einen Tee.

Staunen.

Blicke.

Dem Kellner fährt bei der Bestellung von drei Pils und einem Pfefferminztee ein tsss über die Lippen. Dann die Fragen der anderen. Bist du krank? Musst du fahren? Trockener Alkoholiker? Moslem, was? Oder, reserviert für Frauen im entsprechenden Alter, wobei eine Abendrunde das nicht so streng sieht: Schwanger?

Etwas trinken gehen heißt, Alkohol zu trinken. Etwas feiern bedeutet, ein Glas zu heben, in dem die Prozente perlen. Den Tag ausklingen zu lassen, das tut eine ganze Reihe von Leuten selbstverständlich zur Begleitmusik von Bier, Wein oder Flüssigem mit weitaus mehr Wums. Es ist der Abend, der sich zum Vergnügen und Vergessen anbietet und darum dem Trinken die große Bühne öffnet. Längst nicht die einzige. Ob Frühschoppen im Zelt oder Mittagessen im Restaurant, ob Radtour oder Schifffahrt, Geburtstag oder weil das neue Regal endlich steht: Es gilt einer der vielen Trinksprüche aus der Karte einer Cocktailbar in der Dresdner Neustadt. „Es gibt keinen Grund, einen Drink zu nehmen, wohl aber stets einen Anlass.“

Die alkoholische Daueruntermalung des Lebens spiegelt sich in erstaunlichen Zahlen wider. Die deutsche Alkoholwirtschaft beziffert ihren Jahresumsatz mit 15 Milliarden Euro. Dem steht ein Schaden von knapp 27 Milliarden gegenüber, verursacht durch trinkbedingte Krankheiten. Hierzulande betanken sich mehr als neun Millionen Erwachsene im Alter bis Mitte sechzig mit derart viel Stoff, dass sie Körper und Geist gefährden. Laut Statistik nimmt jeder Einwohner im Jahr 9,6 Liter reinen Alkohols zu sich, was für die Praxis umgerechnet bedeutet: eine ganze Badewanne voll alkoholischer Getränke. Der Mittelwert weltweit liegt bei 6,2 Litern. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung kommt zu dem Schluss: „Deutschland ist ein Hochkonsumland.“

Wo Alkohol zum Alltag gehört, verwischt die Grenze zwischen trinken und zu viel trinken. Zu viel meint eben nicht nur den armen Teufel, der sich auf der Straße durchschlägt, nach Wodka müffelt und schon vormittags lallt. Zu viel konsumieren auch nutzbringende Mitglieder der Gesellschaft, denen man ihr Pensum nicht anmerkt oder nicht anmerken möchte. Der Kassierer und die Architektin, Lehrer oder Bundestagsabgeordnete. „Die Wahrheit ist, dass man sogar erstaunlich viel erreichen kann, auch wenn man übermäßig trinkt“, bemerkt der Journalist Daniel Schreiber in seinem Essay „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück“. Er weiß, wovon er spricht. Er war jahrelang alkoholabhängig.

Wo Alkohol zum Alltag gehört, wird es beinahe als Affront betrachtet, wenn man sich ihm verweigert. Der Nüchterne ist der Bremsklotz im Rausch der anderen. Ein Spielverderber und Schänder der Schwipsseligkeit. Dass die anderen in der Mehrzahl sind, gibt ihnen scheinbar recht. Und dass das schon immer so war, bei Griechen, Römern, Germanen, jaja, auch die alle haben gebechert. Und dass im Film die gefüllten Gläser klirren und in der Werbung die gekühlten Flaschen kreisen und so die geistige Getränkekarte der Nation bestücken. Alkoholalltag. „Es gibt in Deutschland buchstäblich kein Bild von Nüchternheit“, notiert Daniel Schreiber.

So war das bisher, und so ist es in weiten Teilen noch heute. Noch ist es üblich, dass der, der dankend ablehnt, sich dafür rechtfertigen muss. Noch fehlen Vorbilder, die zeigen, dass man auch mit wenig oder ganz ohne Bierweinschnaps gut kann. Noch wissen zu wenige, dass sich über Tee und Saft genauso fachsimpeln lässt wie über Wein.

Heute ist es doch so: Im guten Restaurant erzählt die Sommelière vom Winzer und wie der Winzergroßvater den Weinberg anlegte. Sie beschreibt Boden, Bouquet, Balance. Was aber sagt sie, wenn man heute keinen Alkohol trinken möchte?

Als Nicole Klauß sichtbar schwanger war und essen ging, fragten Kellner direkt, ob sie das Wasser lieber mit oder ohne Kohlensäure hätte. Wenn sie sich nach alkoholfreien Alternativen erkundigte, bekam sie ein Nein oder den Hinweis auf Colafantasprite, vielleicht noch Bionade und Apfelschorle. Einmal garniert mit dem Satz, der Saftsommelier habe heute frei.

Nicole Klauß, geboren 1969, Halbjapanerin und zu Hause in Berlin, hatte ihren letzten Vollrausch bei der Abifeier. Wein mag sie noch immer. Wenn ein Gastronom seine Weinkarte erneuern will, dann berät sie ihn, das ist ihr Job. Aber manchmal möchte sie auf Alkohol verzichten. Einfach so. Ohne bestimmten Grund. In solchen Momenten will sie etwas trinken, das nicht nach Verlegenheitslösung schmeckt. Etwas, dass nicht so läppisch und deprimierend daherkommt, dass die kulinarische Depression sie doch noch zum Alk treibt. Etwas, dass tatsächlich zur Speise passt. An der Erfüllung dieses Wunsches ist die deutsche Gastronomie regelmäßig gescheitert.

So fing Nicole Klauß an, selbst zu experimentieren. Mit Wasser und Tees, mit Säften und Milch. Mit Kräutern, Obst, Gemüse, Blüten, Sprossen und Gewürzen. Mischen, pürieren, aufkochen, kalt stellen, ziehen lassen. Ihr Mann und die beiden Kinder nehmen es hin, dass seltsame Flüssigkeiten Kühlschrank und Speisekammer blockieren.

Der Aufwand lohnt. Klauß hat nicht weniger erarbeitet als einen Leitfaden für alkoholfreien Trinkgenuss. Eine aromenbasierte Kuppelanleitung für Speisen und Getränke, die weder Vorwissen braucht noch extravagante Küchentechnik. Was jeder zu Hause einschenken kann, um Steak, Curry oder Kürbissuppe perfekt promillelos zu begleiten, das beschreibt sie in ihrem Buch „Die neue Trinkkultur“ (Westend Verlag, 272 Seiten, 26 Euro).

Der Titel ist selbstbewusst gewählt. „Ich bin auch belächelt worden“, sagt Frau Klauß am Telefon. Motto: Welche Sau wird denn jetzt schon wieder durchs Dorf getrieben. Die meisten Reaktionen fielen aber sehr positiv aus. Motto: Ah, mal was anderes. Vor allem Frauen seien aufgeschlossen, erzählt die Autorin, die achteten generell mehr auf ihre Gesundheit. Manchmal bringen die Frauen ihre Männer auf den Geschmack. Manche der Männer sind Köche oder betreiben ein Restaurant. Gerade in Berlin, in der gehobenen Gastronomie, bieten junge Typen nicht mehr nur Silvaner und Chardonnay an. Sondern neuerdings auch Saft von Wurzelgemüse und Kürbiswasser, das Glas zu zehn Euro.

Die hausgemachten Getränke bescheren den Betreibern neben guten Einnahmen auch Aufmerksamkeit. So was hat kaum einer sonst. Zumindest noch nicht, sagt Nicole Klauß. Das Trinken wird in den nächsten Jahren dem Pfad anderer Genussformen folgen. Es ist der Weg des Ja, aber. Menschen rauchen nach wie vor, aber längst nicht mehr so intensiv wie früher. Man isst Fleisch, aber fleischfrei essen wird beliebter. Bewusst zu konsumieren ist angesagt, befördert durch Trends von anderswo. In skandinavischen Restaurants seien fermentierter Möhrensaft und Wasser mit Kräutern nicht mehr erklärungsbedürftig, erzählt Klauß. „Es ist einfach auf der Karte, und keiner lacht darüber.“

Für Deutschland sieht es im Moment so aus, dass sich die neue Alkoholfreiheit von der Sterne- in die Alltagsküche ausbreitet. Mit ihr ist kein übellauniges Abstinenzlertum verbunden. Sie kommt ideenreich und souverän daher, charmant und stilvoll. Die illustrierte Trinkfibel von Nicole Klauß, gestaltet im aparten Dreiklang aus Schwarz/Weiß/Violett, hat die Stiftung Buchkunst zu einem der schönsten Bücher des Jahres gekürt. Aufwendig gemachte Fruchtseccos kauft man nicht nur in der Großstadt oder im Internet, sondern auch beim Fachhändler in Radebeul oder Bautzen. Sie bieten keinen Rausch. Aber das Prickeln, das schon. Außerdem einen feinen Geschmack und ein gutes Gefühl am nächsten Morgen, am neuen Tag, ein Tag ohne Kater.

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