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Dienstag, 14.11.2017

Morrissey lädt zur Nabelschau

Mit den Smiths und als Solokünstler schrieb Morrissey Musikgeschichte. Nun ist er mit einem neuen Album zurück - und verschärft darauf stellenweise einen obskuren Eindruck: Ist Morrissey ein „Angry white man“ geworden?

Von Oliver Beckhoff

Morrissey am 13. Oktober 2014 bei einem Konzert in Rom.
Morrissey am 13. Oktober 2014 bei einem Konzert in Rom.

© dpa

London. Wer wie Morrissey mit den Smiths Musikgeschichte geschrieben hat, muss sich schon gewaltig ins Zeug legen, um das eigene Denkmal ins Wanken zu bringen. Dass er es in den vergangenen Jahren trotzdem nicht wenigstens versucht hätte, kann man dem 58-Jährigen jedenfalls nicht vorwerfen.

Mal lobte Morrissey den Brexit-Wegbereiter und Rechtspopulisten Nigel Farrage, mal bezeichnete der militante Vegetarier den Amoklauf des Norwegers Anders Behring Breivik als „Nichts“ im Vergleich zum Betrieb von Fast-Food-Restaurants. Mal sprach er den „Mainstream-Medien“ jede Glaubwürdigkeit ab, als Fernsehsender im französischen Präsidentschaftswahlkampf die Nationalistin Marine Le Pen nicht zur Siegerin eines TV-Duells erklärten.

Am Freitag erscheint Morrisseys elftes Studioalbum „Low in High School“ - und belehrt jeden eines besseren, der allmählich Altersmilde oder Einkehr erwartet hatte. Produziert hat es Joe Chiccarelli, der in der Vergangenheit unter anderem schon für die White Stripes, Beck und Frank Zappa an den Reglern saß. Dass Morrissey sich auch mit annähernd 60 Jahren wenig darum schert, einen Ton zu treffen, den andere angesichts seines musikalischen Lebenswerks als standesgemäß empfinden könnten, wird schnell klar.

Stellenweise verschärft er sogar den Eindruck, um den er sich mit streitbaren Äußerungen seit dem Vorgänger-Album „World Peace Is None Of Your Business“ bemüht hat: Morrissey, der als Frontmann der legendären Smiths schöner und zugleich trauriger über Sehnsucht, Außenseitertum, Liebe und Rebellion sang als irgendjemand sonst und damit Millionen berührte, scheint ein „Angry white man“ geworden zu sein - eine Spezies, die spätestens seit dem Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus ein unerwartetes Revival erlebt.

Und so klingt es nicht grundsätzlich anders als die Presseschau im Oval Office oder Anhänger der AfD auf Facebook, wenn der 58-Jährige auf dem Langspieler gegen die „Propaganda“ der „Mainstream Medien“ wettert oder in der ersten Single-Auskopplung „Spent the day in bed“, trällert, er empfehle all seinen Freunden, keine Nachrichten mehr zu schauen, weil die „News“ die Leute „ängstigen“ und „klein halten“ wollten.

Dass am Ende nicht ganz klar ist, bei welchen Äußerungen es sich um Koketterie handelt, um Überzeugung oder bloßes Exzentrikertum, ist Teil der Marke Morrissey. Denn was wie ein Bruch mit der alten Identität wirkt, ist letztlich eine Konstante: Wie schon in den Achtzigern, als die Smiths den Weg für ganze Generationen von Indie-Bands ebneten, beweist der 58-Jährige auch heute Gefühl für Gruppen, die sich einem empfundenen Zeitgeist entgegenstellen. Nur, dass diese Menschen ganz anders aussehen und reden als in den Achtzigern - und wahrscheinlich auch niemals Platten von Morrissey oder den Smiths kaufen würden.

Eine weitere Parallele zum früheren Ich sind die Gefühlslandschaften, die Morrissey gut 30 Jahre nach Ende der Smiths auf „Low in a High School“ ausbreitet. Es sind Themen, die ihn auch als junger Mann beschäftigten: Das Empfinden, ein Außenseiter zu sein, unerfüllte Sehnsüchte, Skepsis gegenüber Autoritäten und ein gewisses Leiden am „Gesamtzustand“. Mit Weltschmerz ließe sich das allerdings nicht übersetzen, da der gealterte Morrissey auf „Low in High School“ vor allem die eigenen Qualen thematisiert.

Das gilt auch für die beschwingte Single „Spent the Day in Bed“: Es hat etwas Altherrenhaftes und erinnert ein bisschen an den reaktionären Ekel-Alfred (gespielt von Heinz Schubert) aus der Serie „Ein Herz und eine Seele“, wenn sich Morrissey für die Entscheidung lobt, morgens gleich im Bett geblieben zu sein. Eine schlimmere Gesamtkritik an der Welt kann man nicht formulieren, als dass sie es nicht wert sei, aufzustehen.

Doch es wäre nicht Morrissey, würde er die selbstgesäten Zweifel an seinem Oeuvre nicht an anderer Stelle wieder zerstreuen. In der Antikriegs-Hymne „I bury the living“ führt der 58-Jährige den inneren Monolog eines Soldaten. Den tendenziell eher pazifistischen Anhängern aus Smiths-Zeiten dürfte das Psychogramm zusagen: „Gib mir einen Befehl und ich sprenge eine Grenze, gib mir einen Befehl und ich sprenge deine Tochter“, singt er. Und: „Nenn mich mutig, nenn mich einen friedensstiftenden Helden. Nenn mich, wie du willst, nur nicht das, was ich bin.“

Auch die Widerstands-Hommage „The girl from Tel Aviv who wouldn’t kneel“ und die gleichnamige Liebeserklärung an „Israel“, die zugleich Kritik an der Regierungspolitik ist, wirkt angesichts der jüngeren Ausfälle Morrisseys wie ein Versöhnungsangebot an die Fans. Szenarien eines Atomkriegs, wie sie aktuell durch das Säbelrasseln zwischen dem koreanischen Diktator Kim Jong Un und Donald Trump befeuert werden, setzt der 58-Jährige mit „All the young people must fall in love“ die Universalmedizin der Popkultur entgegen: Liebe.

Dass sein Gesang dabei auch nach Jahrzehnten und einer 2014 diagnostizierten Krebserkrankung in guten Momenten noch an die herzzerreißende Stimmgewalt seines jungen Ich erinnert, dürfte für Fans und Freunde des Briten ein Argument sein, das alle anderen Fragen aussticht. (dpa)

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