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Donnerstag, 28.12.2017

Mit verbundenen Augen

Das Tanzensemble Derevo zeigt in Hellerau womöglich seine letzte Uraufführung. In „Der Strom“ gibt es eine wirre Folge von Gestaltwandlungen.

Von Uwe Salzbrenner

Anton Adasinsky (l.), Begründer und künstlerischer Leiter des russischen Theaterensembles Derevo, und Makhina Dzhuraeva sind in „Der Strom“ zu erleben.
Anton Adasinsky (l.), Begründer und künstlerischer Leiter des russischen Theaterensembles Derevo, und Makhina Dzhuraeva sind in „Der Strom“ zu erleben.

© dpa

Der Strom ist beim Theater Derevo unsichtbar, in der Nacht verschwunden, nur zu hören im Plätschern der Wellen, die gegen das Ufer schlagen. Der Strom, das ist hier der Strom der Gedanken und Erfindungen, die ein Wissenschaftler auf die Tafel kritzelt, auswischt und verbessert. Flink berechnet ist der Regenbogen. Das ist vor allem ein Überfluss an geschwinden und geschmeidigen Verwandlungen auf dem Laufsteg, der Uferpromenade, die vier Frauen zustande bringen. Weiße Königin, Elfe, Springinsfeld, Hund, Vogel, rote Königin. Ordner, Reinigungskraft und Bonbonwerfer. Mänade mit Peitschenärmeln, Reisende, Kranke, Bettlerin. Dieser Overkill, diese Probe aufs schnelle Bild ist womöglich ein Symptom der Anstrengung. „Der Strom“ ist voraussichtlich Derevos letzte Uraufführung in Hellerau. Carena Schlewitt, künftige Intendantin des Europäischen Zentrums der Künste, will die Kooperation nicht über den Sommer 2018 hinaus verlängern.

Der Kulturausschuss hat zudem entschieden, dass die in Dresden ansässige Truppe russischer Künstler im kommenden Jahr keine institutionelle Förderung bekommt. Die Begründung: mangelnde Weiterentwicklung von Formensprache und Ästhetik, zu wenig Präsenz in den heimischen Spielstätten. Darüber kann man streiten. Auftritte von Zwingerteich bis Schaubudensommer in den letzten vier Jahren, Open-Air am Hygiene-Museum, Solostück im Projekttheater, Improvisation im Albertinum, Installation zur Ostrale — für diese Aktionen passt Derevos Kunst und ist voll entwickelt.

Als Theater, das seine Mittel zugleich vorstellt, verwendet und verwirft, ist das Ensemble nach wie vor spitze. Es fehlt eher der strukturierte Stoff, das dem Ensemble fremde Thema, an dem es über sich hinaus kommt. Improvisation, Bilderreigen, keine schlüssige Geschichte, schließen an ein ähnliches Märchen aus dem Vorjahr an. Dennoch war Ensembleleiter Anton Adassinskij noch 2013 der herausragende Einzeldarsteller der Saison, und im Jahr darauf dessen Schüler Pawel Aljechin.

Stattdessen jetzt straffer Durchlauf, kurze Szenen auch für den Chef. Hinzu kommen kalte, viereckige Lichter, finstere Bühnenbauten, kräftiger Puls aus dem Synthesizer, Hemdchen und Uniformen: Willkommen im Allezeit und Nirgendwo der Spätmoderne!

Das Märchenhafte und Altertümliche in Derevos Spiel ist weitgehend weggeputzt, die altrussische Spinnerei, der Zirkus, die Clownerie, Gogols Fantasmen; all diese sprechenden Hintergründe, durch die man früher das Nötige auch ohne Story zu deuten gewusst hat. So ist nahezu alles unverständlich. Die Feinheiten des Spiels, die Zweideutigkeit, sieht man ohnehin bloß in den ersten Reihen. Bleibt noch das Vermögen Derevos, jedes Manko durch blitzartig aufscheinende Schönheit aufzuwiegen und ebenso rasch einfallenden Schrecken.

Je rascher die Bilder kommen, desto seltener glaubt man, das zu sehen. Im „Strom“ erkennt man noch, wie es ist, in Schönheit unbehaust zu sein: Hinter dünnen Zelttüchern wird das Eis auf den Waschschüsseln mit der Stirn zerschlagen. Man sieht Anton Adassinskij sich ohne den Gebrauch der Hände eine Binde über die Augen wickeln, beim Abwickeln vom Kopf seiner Mitstreiterin. Der gemessene Beifall des Publikums sagt auch: Bitte das nicht weglassen! Am Ende weist Adassinskij auf die Petition für den Erhalt der Förderung hin, die sich an den Kulturausschuss Dresdens richtet, im Grunde aber an eine höhere Instanz. Seine Fans sieht der Schauspieler und Tänzer hinter sich: Solange sie Derevo lieben, meint er, sei alles in Ordnung.

Wieder am 28.12. im Festspielhaus Hellerau. Am 29.12. wird dort noch einmal „Der letzte Clown auf Erden“ gezeigt, am 30.12. um 17 Uhr „Harlekin“.

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