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Samstag, 13.01.2018

Meine Altnazis, deine Altnazis

Geht doch: Warum die zweite Staffel der Serie „Tannbach“ um einiges besser ist als die erste.

Von Oliver Reinhard

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Die Ostberlinerin Rosemarie (Anna Loos) heiratet nach West-Tannbach und ist nun Gräfin von Striesow. Der Gatte ist allerdings ein harter Chauvi-Brocken. Ganz anders als der vom BND bedrohte Journalist Gustl Schober (Maximilian Brückner).
Die Ostberlinerin Rosemarie (Anna Loos) heiratet nach West-Tannbach und ist nun Gräfin von Striesow. Der Gatte ist allerdings ein harter Chauvi-Brocken. Ganz anders als der vom BND bedrohte Journalist Gustl Schober (Maximilian Brückner).

© ZDF

Mit dem Jahr 1960 ziehen ernstere Zeiten auf im kleinen Örtchen Tannbach, mitten auf der deutsch-deutschen Grenze in Thüringen. Konnten die Bewohner noch relativ problemlos ihre Verwandten auf der jeweils anderen Seite besuchen, werden die Kontrollen allmählich verschärft: Der DDR rennen die Menschen scharenweise weg, auch ortsansässige Bauern, die sich nicht in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zwingen lassen wollen. Als einer von ihnen aus Verzweiflung seinen Hof anzündet, hindert ein Grenzer (mit brauner Weste) die West-Feuerwehr am Löschen. Es gibt Tote. Auch im Westteil. Dort findet ein Junge im Wald eine Granate und stirbt durch die Explosion. Alte Wehrmachtsmunition, so die offizielle Erklärung. Doch einige Tannbacher wissen, dass die Granate Teil eines geheimen Waffendepots der US-Armee ist, angelegt für den Ernstfall. Als ein Journalist darüber schreiben will, versagen auf abschüssiger Strecke die Bremsen seines Autos ...

Wer schon vor drei Jahren die erste Staffel der ZDF-Historienserie „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ gesehen hat, dem dürfte bald aufgefallen sein: Die neuen Folgen, ausgestrahlt in dieser Woche und bis zum 6. Februar in der ZDF-Mediathek abrufbar, unterscheiden sich durchaus von den drei ersten Neunzigminütern. Schon in ihrer Darstellung der Menschen und Handlungen. Lag im Erzählzeitraum von 1945 bis 1952 ein wesentlich dunklerer Schatten über dem Osten inklusive der Rotarmisten im Dorf, dominieren in den Jahren 1960 bis 1968 hüben wie drüben die Grautöne in verschiedenen Abstufungen.

Bis auf durchklischierte Ausnahmen wie den gänzlich verkommenen Altnazi Franz Schober (Alexander Held) gönnen die Autoren den meisten Figuren ziemlich komplexe Charakterentwicklungen, sodass sich die Zerrissenheit des Landes in vielen Tannbacher Seelen widerspiegelt. Wie im jungen LPG-Leiter Friedrich Erler (Jonas Nay), der trotz immer größerer Zweifel am Realsozialismus den Idealismus des Neuanfangs nicht aufgeben möchte. Seine Frau und LPG-Leitungskollegin Anna (Henriette Confurius) ruft sich selbst in Momenten tieferer Verstörung immer wieder zur Staatsdisziplin, lässt aber trotzdem ihre Kinder taufen. Vom ausgleichenden Pfarrer (Clemens Schick), der jedoch ein dunkles Verrätergeheimnis aus alten Zeiten hütet. Und selbst Annas kommunistenfressendem Vater und US-Kontaktmann im Westen, Graf von Striesow (Heiner Lauterbach), gehen die Machenschaften der Amerikaner dann doch zu weit. Kurz: „Gut“ oder „Böse“ sind hier keine brauchbaren Wertungskategorien, weil sie immer zu zweit auftreten und in differenzierten Mischungsverhältnissen zueinander stehen.

Gewiss, „Tannbach“ bewegt extrem viele Inhalte und stopft möglichst viele Facetten der Teilungsgeschichte in sich hinein. Schließlich soll die Serie große Historie exemplarisch im Kleinen erzählen. Außer Altnazis auf beiden Seiten werden unter anderem BND und Stasi verhandelt, Plan- und Marktwirtschaft, West-Waren aus Ost-Produktion, Betriebssabotage, Homosexualität, die unterschiedlichen Rollenbilder der Frau. Und nicht nur, wenn beim Stasi-Major Robert Leonhardt (Rainer Bock) die Liebe den Ausschlag zur Abkehr vom SED-System gibt, muss man auch schon mal an einem etwas zu dicken Bissen schlucken.

Umso erstaunlicher, dass dieser proppevolle Dorfladen dennoch nicht implodiert und den Zuschauern um die Ohren und Augen fliegt. Das liegt gleichermaßen an der verfügbaren Zeit von 270 Minuten – da passt schließlich einiges hinein, – am Erzählenkönnen von Autorenteam und Regisseur Alexander Dierbach sowie am durchweg famosen Schauspielerensemble. Sodass man nach neun Stunden konstatieren darf: Mit „Tannbach“ hat das ZDF trotz gewagter Ambitionen wesentlich mehr richtig als falsch gemacht.

Alle Folgen in der Mediathek: sz-link.de/tannbach

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. scharfesschwert

    Und ich sage die erste Staffel war besser.

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