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Freitag, 11.08.2017

Konservierungsmittel

Die Grünen verbeißen sich in die Ökologie, um nicht über die Ökonomie reden zu müssen.

Von Michael Bittner

Der besorgte Bürger und SZ-Kolumnist Michael Bittner.
Der besorgte Bürger und SZ-Kolumnist Michael Bittner.

© Ronald Bonss

Ich weiß nicht, wieso die Grünen sich so über eine ihrer Abgeordneten in Niedersachsen aufregen, die jüngst zur CDU übergelaufen ist. Beschritt diese Frau Twesten doch nur den Weg, auf dem die meisten anderen Grünen sich auch befinden. Sie war nur schneller am Ziel. Das war’s wohl, was Neid weckte. Nicht nur die meisten Funktionäre, sondern auch die meisten Wähler der Grünen fühlen sich inzwischen in der Gegenwart von Christdemokraten recht wohl. Wo schwarz-grüne Koalitionen zusammengefunden haben, regieren sie so reibungslos, als hätte eine Fusion stattgefunden.

Aber waren nicht viele Grüne in ihrer Jugend linke Rebellen? Das waren sie. Und vielleicht sind sie damals bei der Lektüre von Karl Marx auf dessen Beobachtung gestoßen, dass siegreiche Revolutionäre dazu neigen, konservativ zu werden. In ihren wilden Jahren dachten sie sich aber noch nichts dabei. Inzwischen haben die erwachsenen Grünen dank Bildung, Fleiß und Anpassungsbereitschaft passable Posten und ein kleines Vermögen ergattert. Und die Revolution steht gewöhnlich nicht hoch im Kurs bei denen, die etwas zu verlieren haben. Stattdessen geht es ums Bewahren. Die Demokratie soll bewahrt werden und Europa, der Wohlstand und die Wildkatze. Allenthalben suchen die Grünen heute also Konservierungsmittel – sofern es nicht ums Essen geht.

Die besser verdienenden Grünen entdecken auch, dass sie nicht mehr ganz so gern mit den Habenichtsen teilen. Hat man denn überhaupt etwas zu tun mit den Proleten, die sich partout das Rauchen und das Autofahren nicht abgewöhnen wollen, trotz aller pädagogischen Bemühungen? Die vom vegetarischen Tag so wenig wissen wollen wie vom Gender-Sternchen? Soll man denn wirklich diesen rohen Menschen das sauer verdiente Einkommen in den Rachen werfen? So offen sagt das nur noch keiner. Man verbeißt sich in die Ökologie, um nicht über die Ökonomie reden zu müssen.

Im Laufe seines Lebens politische Überzeugungen zu ändern, das ist nicht verwerflich. Bloß sollte man besser, um nicht lächerlich oder verlogen zu erscheinen, sich selbst und andere über diese Tatsache nicht täuschen. Die Grünen sind dort am erfolgreichsten, wo sie sich, wie Boris Palmer, offen dazu bekennen, „gerne Spießer“ zu sein.

Vielleicht wird es Zeit fürs bundesweite Coming-out?

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