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Mittwoch, 16.05.2018

Kein Licht mehr im Tunnel

Eine Schaffenskrise befällt viele Menschen, vor allem Künstler. Wie es einem Schriftsteller dabei ergeht, führt Henry Hübchen vor.

Von Klaus Braeuer

Henry Hübchen spielt den Schriftsteller Paul Bacher.
Henry Hübchen spielt den Schriftsteller Paul Bacher.

© dpa

Früher war es das Blatt Papier, das leer blieb – heute ist es die Seite auf dem Bildschirm, die gefüllt werden will. Doch was passiert, wenn einem Autor nichts mehr einfällt? Nicht genug damit, passiert dem geplagten Mann auch noch ein schrecklicher Unfall. Von all dem erzählt ein Film mit dem Titel „Spätwerk“.

Paul Bacher ist ein schon etwas älterer Schriftsteller aus Berlin und tingelt auf einer Lesereise durch die schwäbische Provinz, was er als Tortur empfindet. Nach einer Lesung in einer Kleinstadt sitzt er mit einer Zuhörerin, der deutlich jüngeren Grundschullehrerin Teresa, bei einer Flasche Rotwein im Regen. Gerne würde er mit ihr die Nacht verbringen, doch sie lehnt ab. Ziemlich betrunken reist er nächtens mit dem Wagen ab, um kurz darauf den Tramper Daniel mitzunehmen. Der junge Mann redet ziemlich viel, weshalb Paul ihn auf einer Landstraße rausschmeißt und dabei versehentlich überfährt. Er lässt den verletzten Mann an einem Baum zurück und flüchtet.

Sowohl seiner Lektorin Hannah, mit der er eine Affäre hatte, als auch Teresa, mit der er eine Affäre beginnt, erzählt er nichts von dem Unfall. Später fährt er zurück an den Ort des Geschehens, findet Daniels Leiche, schafft sie in den Kofferraum und verbuddelt sie in einem Wald. Aus welchen Gründen er noch einmal dorthin zurückkehrte, ob aus Reue oder aus Furcht vor Entdeckung, bleibt offen.

Autor Karl-Heinz Käfer („Die Auferstehung“) und Regisseur Andreas Kleinert („Sag mir nichts“) zeigen das düstere Drama eines vereinsamten Mannes auf einer seltsamen Flucht vor sich selbst. Die Dialoge ihres satirischen, teils bösen Filmes sind geschliffen, dazu ertönt leise Jazzmusik. Der Film gewährt entzaubernde Einblicke in die Welt des Literaturbetriebes, und eine bittere Wahrheit drängt ans Licht: Bücher und ihre Figuren sollten nicht mit dem wirklichen Leben verwechselt werden.

Henry Hübchen (71, „Kundschafter des Friedens“) prägt den Film. Er spielt sehr überzeugend einen trinkfreudigen Mann in der Krise, der selbst nicht mehr weiß, ob noch etwas und wenn ja was von ihm zu erwarten ist und darüber in Zynismus verfällt. Auf die Bemerkung einer Zuhörerin bei einer Lesung, seine letzten Werke seien ihr zu ironisch und zu kalt, entgegnet er süffisant lächelnd: „Dann nehmen Sie das doch als meinen Beitrag gegen die Erderwärmung“. In seinen Büchern erzählt er viele Paargeschichten, doch seine einzige Ehe ist lange her, und dazu sagt er: „Ich bin nicht masochistisch genug für die Ehe“. Vielleicht gilt das auch fürs Schreiben. Nach seiner vierjährigen Schreibblockade setzt er sich doch an sein „Spätwerk“, in einem Ferienhaus am Meer. Aber die ungesühnte Schuld am Tod eines Menschen sorgt mit dafür, dass auch am Ende des Tunnels kein Licht zu sehen ist. (dpa)

„Spätwerk“, 20.15 Uhr. ARD

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