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Samstag, 30.12.2017

Jedermanns Liebling

Es war sein Popjahr 2017: Ed Sheeran entthront Helene Fischer und beweist, dass Erfolg auch ohne Glamour, schlüpfrige Schlagzeilen oder krasse Inszenierung zu haben ist.

Von Andy Dallmann

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Ed Sheeran stellte mit seinem dritten Album gleich mehrere Rekorde auf und ist hierzulande der erfolgreichste Pop-Künstler des Jahres.
Ed Sheeran stellte mit seinem dritten Album gleich mehrere Rekorde auf und ist hierzulande der erfolgreichste Pop-Künstler des Jahres.

© Warner

Aufregend war das vergangene Pop-Jahr nur für einen. Und ja, vielleicht für seine Fans. Ed Sheeran räumte auf allen Ebenen ab – und alle Welt gönnt ihm seinen Erfolg. Diese Abwesenheit von Neid immerhin ist neu im ansonsten an Neuerungen armen Jahr. Aber kein Wunder, blieb der Wuschelhaarbursche aus dem nordenglischen Städtchen Hebden Bridge doch trotz aller Rekorde, die sein drittes Album „Divide“ einfuhr, doch so unfassbar bodenständig. Nicht einmal, dass ihn Prince Charles Anfang Dezember mit dem Order of the British Empire dekorierte, ließ ihn abheben. Und: Wem seine säuselpoppigen Lieder nicht das Herz wärmen, dem tun sie zumindest nicht weh. Der 26-Jährige ist jedoch nicht nur jedermanns Liebling, er verkaufte 2017 mehr Platten als alle anderen.

Anfang des Jahres schaffte er es, mit den Songs „Shape of You“ und „Castle on the Hill“ auf Anhieb Platz eins und zwei der deutschen Single-Charts zu entern. Das gab es noch nie. Bei Spotify entwickelte sich „Shape of You“ zum Knaller schlechthin. Die Nummer wurde 1,4 Milliarden Mal angehört, so oft wie kein anderes Stück Musik. Selbstredend ist Sheeran zudem der meistgestreamte Künstler des Jahres, sein Album das am häufigsten gestreamte.

Musikmarkt wächst weiter

Das alles reicht, um hierzulande eine Art Machtwechsel anzuzetteln: Als erfolgreichster Künstler des Jahres entthronte dieser nette Junge gar Helene Fischer. Die weiterhin omnipräsente Schlagerheldin brachte mit „Helene Fischer“ zwar im Mai ein äußerst erfolgreiches Album heraus, konnte aber nicht an die Rekordwerte des Vorgängers „Farbenspiel“ anschließen. Immerhin einen Zusatzpunkt holte die Platte – sie verkaufte sich so rasant wie nichts seit Herbert Grönemeyers 2002er-Album „Mensch“. Ernsthafte Sorgen muss sich Frau Fischer also nicht machen, sie bleibt die Lieblingsblondine der Deutschen. Wie auch der Schlager an sich keinen Niedergang in Sachen Popularität erlebte. In inzwischen bereits bewährter Manier wechselten sich Vertreter des Herz-Schmerz-Genres mit ihren rüpeligen Hip-Hop-Kollegen an der Chartspitze ab. Sensationen fielen unter reinem Verkaufsaspekt aus.

Die Buchhalter der Plattenfirmen wiederum können sich die Hände reiben. Gingen die mit Musik erzielten Umsätze doch erneut nach oben. Mittlerweile halten die Deutschen nicht mehr ganz so kräftig an physischen Produkten fest; bei Downloads und Streaming geht die Kurve rauf. Gut 20 Prozent mehr Musik wurde über diese beiden Kanäle verkauft. Insgesamt legte die Branche bis zum Halbjahr um fast drei Prozent zu. Keine Überraschung mehr: Die
Vinylnische wächst weiter und kommt auf ein Plus von fünf Prozent.

Stabiler Erfolg könnte einen ja dazu bringen, Wagnisse einzugehen. Die hiesigen Plattenfirmen probierten das jedoch weniger mit Inhalten aus als vielmehr bei der Selbstinszenierung. Ergebnis: Dem wichtigsten deutschen Musikpreis ging fast das Licht aus. Kümmerte sich ab 2009 die ARD um die Übertragung der Gala zur Echo-Verleihung, durfte im April erstmals Vox ran. Der Sender übertrug das Ganze nicht mehr live, sondern einen Tag später und rauschte so ins Quotentief. Statt der bisher üblichen dreieinhalb Millionen Zuschauer waren nur 1,28 Millionen dabei. Flugs polierten Vox und der Bundesverband Musikindustrie (BVMI) das zuvor auch inhaltlich gestraffte und um ein paar Preiskategorien erleichterte Programm auf. So wird am 12. April 2018 wieder live übertragen. Zudem erklärte BVMI-Geschäftsführer Florian Drücke: „Das neue Echo-Konzept jetzt noch ein Stück weiterzuentwickeln, ist eine kreative und organisatorische Aufgabe, auf deren Ergebnis alle gespannt sein können.“ Bei Kritikern, die sich seit jeher an einer Preisvergabe auf der Grundlage reiner Verkaufszahlen stoßen, dürfte dennoch kaum Euphorie aufkommen.

Ein vielfach schwärzerer Punkt in der Bilanz des Popmusikjahres ist der Terror, der wie nie zuvor zuschlug. Am 22. Mai sprengte sich beim Ariana-Grande-Konzert in Manchester ein islamistischer Attentäter in die Luft und riss 22 Menschen mit in den Tod, 59 Menschen wurden verletzt. Bei einem Country-Festival in Las Vegas erschoss Ende September ein bis dato unauffälliger 64-Jähriger 58 Menschen und verletzte zudem mindestens 527.

Konzertveranstalter verschärften die Sicherheitsvorkehrungen weiter. Auch beim Dresdner Großkonzert von Depeche Mode wurden spezielle Kontrollstellen installiert, was die Besucher mit Fassung trugen. Ähnlich unaufgeregt blieben die Fans, als im Juni das Festival Rock am Ring während des Broilers-Auftritts abgebrochen, das Gelände geräumt wurde. In diesem Fall blieb es beim unbestätigten Terrorverdacht, das Festival ging am nächsten Tag normal weiter. Die gute Nachricht am Rande ist, dass sich offenbar niemand die Lust an der Live-musik nehmen lässt. Nicht nur in Sachsen gibt es immer mehr Konzerte, auch sind schon jetzt etliche Shows im nächsten Jahr ausverkauft.

Hoffen auf Rammstein

Nicht mehr auftreten werden allerdings Al Jarreau, Chuck Berry, Daliah Lavi, Gunter Gabriel, Joy Fleming, Fats Domino, Johnny Hallyday, AC/DC-Gitarrist Malcolm Young und Tom Petty – sie alle starben 2017. Das Leben nahmen sich zudem Soundgarden-Sänger Chris Cornell und Linkin-Park-Frontmann Chester Bennington. Manche der entstandenen Lücken können die Musiker der nachrückenden Generation nur schwerlich füllen. Zumal es um den handfesten Rock derzeit eher mau steht. Die Alten machen, was sie immer schon getan haben, die Jungen eifern ihnen nach. So geht Metallicas „Hardwired … To Self-Destruct“ – obwohl im November 2016 veröffentlicht – als das erfolgreichste Rock-Album des Jahres 2017 durch. Da kann man nur hoffen, dass Rammstein im nächsten Jahr Neues raushauen, sich Tool endlich besinnen oder eben doch mal etwas völlig Neues auf dem Radar auftaucht. Die Pop-Szene hat es bitter nötig.

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Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Manfred

    Helene Fischers Album " Helene Fischer " liegt sowohl bei der Jahreschartsanalyse der Offiziellen Deutschen Jahrescharts der GfK, als auch der Jahrescharts der unabhängigen Media Control und dem Onlineportal Chartsurfer.de unanfechtbar auf dem ERSTEN PLATZ. Die Jahresanalyse der GfK umfasst über 90% des deutschen Musikmarktes, somit auch alle Streamingdienste. Das kann jeder mit Internetverbindung auf den entsprechenden Seiten recherchieren. Da muss man kein Redakteur sein. Da ich persönlich mit Verkaufszahlen zu tun habe weiss ich dass Frau Fischers Album schon 2 Wochen nach Veröffentlichung Ed Sheerans Album , was schon 2 Monate früher erschien, unübertreffbar überholt hatte. Die Verkaufszahlen von " Helene Fischer" übertreffen die Verkaufszahlen von " Farbenspiel" aus dem Jahr 2013 um mehr als das DOPPELTE! Das Album hat schon längst DIAMANTSTATUS erreicht. Das sind Fakten. Wie der Autor dieses Artikels auf seine Aussagen kommt ist mir ein Rätsel.

  2. Beobachter

    Sie haben Recht, lieber Manfred. Helene wird immer gerne kleiner gemacht als sie ist, ihre Hater bäffen das ganze Jahr über gegen sie. Dabei toppt sie längst alle im deutschen Showgeschäft. Beim Echo in 2016 lag sie auch vor Adele so wie heuer vor Ed Sheeran.

  3. Berg

    Wider Erwarten blieben wir bei der Helene-Fischer-Show am Bildschirm und sahen die letzten zwei Stunden mit wachsendem Respekt. Diese Frau ist längst nicht mehr nur eine Schlagersängerin, die man an CD-Verkaufs-Zahlen misst. Sie ist eine anziehende Moderatorin zwischen ihren Live-Songs (keineswegs atemlos!!), sie ist eine Akrobatin, sie ist eine Tänzerin und eine zurückhaltende Gastgeberin für hochangesehene Mitwirkende (Gianni Nanini u.a.). Und offenbar auch eine umsichtige Organisatorin in der Show-Vorbereitung. Alle Achtung. Größten Respekt. - Wer sie nur nach einem Schlagertitel von vor 5 Jahren beurteilt, liegt schief. Es zeichnet sich ein Einstieg ins Musical ab - vielleicht wird ihr schon eines "auf den Leib" geschrieben. Wir wurden jedenfalls Fans nach dieser Sendung.

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