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Freitag, 13.10.2017

In Zahnpastagewittern

Auf der Frankfurter Buchmesse kommt es zu Zickereien zwischen einem rechten Verlag und einer linken Stiftung.

Von Oliver Reinhard, zzt. Frankfurt am Main

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Eine Besucherin am 11. Oktober 2017 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main vor einem Regal (Symbolfoto).
Eine Besucherin am 11. Oktober 2017 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main vor einem Regal (Symbolfoto).

© dpa

Immerhin passte die Wahl der Mittel zur frühen Morgenstunde. Noch vor der Eröffnung des ersten Messetages verliehen Unbekannte mithilfe von Kaffee und Zahnpasta ihrem politischen Protest Ausdruck: Sie versahen diverse Bücher des Antaios-Verlags mit braunen und weißen Flecken. Für den Verleger Götz Kubitschek aus Schnellroda in Sachsen-Anhalt, Vorzeige-Intellektueller der Neuen Rechten, war die Sache scheinbar klar: „Nachdem die Leitung der Buchmesse schon extra die Amadeu-Antonio-Stiftung uns gegenüber platziert hat, hätte man eigentlich etwas erwachsenere Umgangsformen erwarten können als über den Stand verteilten Kaffee und Zahnpasta“, schrieb er im Internet.

Wenig später spazierten Angestellte des Börsenvereins des deutschen Buchhandels vor dem Antaios-Stand auf und ab mit Schildern wie „Gegen Rassismus“ und „Für Freiheit und Vielfalt“. Und schwupps, hatte die Buchmesse ihre erste Top-News und ein Teil der rechten Szene erneut einen Anlass zum Opfer-Spielen. Im Antaios-Webforum war man sich sofort einig: Klar waren das die „Linksfaschisten“!

Schon als im Vorfeld bekannt wurde, dass der Antaios-Verlag einen Stand haben würde, hatte es Proteste gehagelt. „Wir wurden von allen Seiten bedrängt, Antaios gefälligst wieder auszuladen“, sagt Alexander Skipis vom Börsenverein. Selbst Frankfurts OB Feldmann wetterte gegen die „Fehlentscheidung, … rechte Verlage zuzulassen“. „Aber wir setzen uns seit Jahren für Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt ein“, bekräftigt Skipis. „Und wir haben die Pflicht, alle Verlage zuzulassen, solange diese nicht gegen Gesetze verstoßen.“ Warum dann trotzdem diese Protestaktion? „Weil wir keinen Staat wollen, wie viele Antaios-Autoren ihn propagieren. Mit Freiheitlichkeit hätte das nichts mehr zu tun. Dagegen wollten wir Haltung zeigen.“

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Für Mick Prinz von der Amadeu-Antonio-Stiftung war die Demo ein „sehr erfreuliches Signal. Es hat uns gezeigt, dass wir nicht alleine sind in unserem Kampf gegen Rassismus.“ Das kann man allerdings kaum übersehen: Überall auf der Messe hängen, noch größer und noch schwärzer, die Slogans der Protestplakate. Auch durch die nachträgliche Platzierung des Stiftungs-Standes schräg gegenüber Antaios wollte die Buchmesse dem Verlag offenbar einen – je nach persönlicher Perspektive pädagogisierenden oder aufklärerischen – Rahmen verschaffen. „Wir sind ebenfalls für Vielfalt“, sagt Mick Prinz. „Aber Antaios verlegt Schriften gegen unsere demokratische Grundordnung. Das dürfen wir nicht unkommentiert lassen.“ Kaffee- und Zahnpastaflecken hält er gleichwohl für ungeeignete Kommentare. „Natürlich waren wir das nicht. Dass Herr Kubitschek so was einfach behauptet, zeigt doch nur, wie gerne er uns als Feindbild benutzt.“

Götz Kubitschek, der Bücher wie „Identitär“, „Widerstand“, „Postdemokratie“ und das den Holocaust relativierende „Finis Germania“ publiziert, gibt sich gelassen. „Klar dürfte doch zumindest sein, dass die Kaffeeschmierer aus dem linken Spektrum stammen, wo auch die Amadeu-Antonio-Stiftung zu Hause ist.“ Und wenn der Börsenverein sich zur Vielfalt bekennt, „dann aber so eine Demo organisiert, finde ich das schon ein bisschen seltsam. Aber naja, nun haben sie ihren Fackelzug gehabt. Wir können uns über zu wenig kostenlose PR wirklich nicht beklagen.“

Es ist schon eine bizarre Situation: Wenige Meter trennen Antaios und die Stiftung, aber außer einer kurzen Begrüßung von Kubitschek und Prinz gab es keinen weiteren offenen Austausch. Nur im Internet wechselte jeweils ein offener Brief die Seiten. „Wir haben die Stiftung zum Gespräch aufgefordert“, beteuert Kubitschek. „Aber die wollen nicht.“ „Stimmt“, bestätigt Mick Prinz. Antaios habe durch den ganzen Medienwirbel ohnehin schon viel Raum bekommen. „Den wollen wir nicht noch vergrößern.“

Das wäre auch nicht nötig. Während bei Amadeu Antonio gelegentlich Interessierte vorbeischauen, ist bei Antaios immer Betrieb, zu dem freilich auch Kubitscheks Ehefrau Ellen Kositza und diverse Kinder des Paars beitragen. Protest und Berichte zeigen offenbar Wirkung. „Aber eines verstehe ich nicht“, sagt Götz Kubitschek feixend: „Warum begreift der Börsenverein nicht, dass wir nur ein Scheinriese sind?“

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Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. Timo Reinfrank

    Wer sich gegen die Neue Rechte engagiert, "zickt" rum, wer sich für das Grundgesetz und die freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetzt, ist automatisch "links". Wer so schnell die Sichtweise der Neuen Rechten übernimmt, kann sich bei der nächsten Ursachenanalyse für die hohen AfD-Wahlergebnisse in Sachsen an die eigene Nase fassen. Timo Reinfrank, Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung

  2. Aleister Crowley

    @Timo Reinfrank: Mit Meinungsfreiheit hat es Ihre Stiftung nicht so, stimmts? Dieses Problem hatte Frau Kahane ja schon früher... Au weia, jetzt vergaß ich, es geht ja gegen "Rechts", da ist jedes Mittel erlaubt, belehren, zensieren, diffamieren, verbieten, beschädigen.

  3. Martin H.

    @2. Frau Kahane hat zumindest ihre Rolle in der DDR reflektiert: "Deren „Systemfehler“ eines verordneten Antifaschismus habe die DDR „genuin unfähig“ gemacht, dortigen Rechtsextremismus und Rassismus zu bekämpfen. Dazu brauche es „eine vielfältige, demokratische, lebendige Gesellschaft“, die Diskussion und Auseinandersetzung ermöglicht." Diesen Systemfehler baden wir jetzt gesamtdeutsch aus, durch Pegida, AFD und Aleister Crowleys. Gelle.

  4. Aleister Crowley

    @Martin H.: Ich würde mich ja gerne mit Ihnen geistig duellieren, aber wie ich sehe, sind Sie unbewaffnet.

  5. Martin H.

    @4: Mit einem Brett vor dem Kopf können Sie auch nichts sehen.

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