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Donnerstag, 28.12.2017

„Im pegidafinsteren AfD-Sachsen“

Skandalisierungsversuch um das Silvesterkonzert von Christian Thielemann: Auf dem Programm stehen zwei Lieder aus einem NS-„Durchhaltefilm“.

Von Oliver Reinhard

Christian Thielemann
Christian Thielemann

© Ronald Bonß

Auch das fällt im Jahresrückblick auf: Der Freistaat Sachsen steht unter intensiver medialer Beobachtung. Sobald sich zwischen Zittau und Plauen etwas zuträgt, was in den Nasen geruchsempfindlicher Aufpasser nach „rechter“ Kontaminierung staatlicher Institutionen duftet, kann man sicher sein: Es kommt an die große Presseglocke. Wie gern geschehen nach jener Einschätzung der Staatsanwaltschaft Chemnitz, laut der ein „Pegida-Galgen“ mit Reservierungsschildern für Angela Merkel und Sigmar Gabriel von einem reaktionären erzgebirgischen Verein als Souvenir vertrieben werden darf. Oder wie geschehen nach der Entdeckung eines Polizeipanzer-Sitzbezug-Logos, das mit Schwingenemblem samt dem Wort „Sachsen“ in Frakturschrift an die T-Shirt-Ästhetik heutiger Rechtsextremisten erinnert.

Nun, am Heiligabend, kam es erneut zum Versuch, das ganz große Mediengeschütz gegen eine sächsische Institution aufzufahren. Weil ausgerechnet in der weltoffenheits-bekenntnisreichen Semperoper etwas geschehen wird, das „hochgradig zündelnd“ sei „in Zeiten von wachsendem und offen gezeigtem Antisemitismus“, entsetzt sich die Tageszeitung Die Welt. Und dies drohe gerade hier, gerade „im pegidafinsteren AfD-Sachsen“.

Geröhrte Nazischlager

Das „hochgradig Zündelnde“: Das Silvesterkonzert der Staatskapelle dreht sich ums 100. Gründungsjubiläum der Ufa. Auf dem Programm stehen etwa Hits aus „Der blaue Engel“, „Die Drei von der Tankstelle“ und „Münchhausen“, aber auch aus „Die große Liebe“, einem sogenannten NS-Durchhaltefilm von 1942. Unter dem schmissigen Titel „Die Ufa, die SS und das Dresdner Silvesterkonzert“ kritisiert die Welt, dass in jenem Streifen Zarah Leander „vor schunkelnden SS-Offizieren“ zwei „dezidierte Nazischlager ... röhrt“, nämlich „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“.

Tatsächlich war „Die große Liebe“ geschrieben als propagandistischer Volksstimmungsaufheller. Es geht um die Liebe zwischen einem Piloten und einer Sängerin (Leander). Mitten im NS-Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion vermittelt der Film, dass erstens Liebe trotz aller Widrigkeiten möglich sei und zweitens trotz militärischer Rückschläge Hoffnung bleibe: Am Schluss blickt das Paar zu ostwärts fliegenden Bombern auf. „Im Programmheft findet sich keinerlei Erwähnung, geschweige denn eine Einordnung dazu“, empört sich die Welt darüber, dass zwei von 27 Songs des Abends aus jenem Problemfilm stammen. Und witzelt: „Was gibt es dann als Nächstes? Die Rhapsodie über Themen aus ,Jud Süß‘ im ,Kurkonzert‘?“

Chefdirigent Christian Thielemann ist das Stirnrunzeln am Telefon anzuhören. „Das Programm taugt überhaupt nicht zum Skandal. Wir haben es ja eigens so gestrickt, dass es anhand der Lied-Auswahl die komplexe und auch teils schwierige Geschichte der Ufa widerspiegelt. Und Sie können doch unmöglich im Programmheft zu jedem Lied einen extra Kommentar schreiben.“ Obwohl das interessant wäre, auch angesichts der vielen Songs verfemter jüdischer Komponisten im Programm.

Die SS schunkelt nicht

Noch einen Punkt aus der Geschichte von „Die große Liebe“ gibt Thielemann zu bedenken. „Der Texter Bruno Balz (ein verfolgter Homosexueller, d. Red.) wurde für den Film aus dem KZ geholt – man kann sein ,Davon geht die Welt nicht unter‘ und ,Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn‘ auch ganz anders verstehen. Nämlich als gegen den Nationalsozialismus gemünzt.“ Was große Teile des damaligen Publikums auch getan haben.

„Aber“, wendet die Welt ein, „in den Filmbildern schunkelt eben auf ewig die SS“. Tatsächlich singt Leander ihr „Davon geht die Welt nicht unter“ während eines Wehrmachtskonzertes. Wohl sieht man im Publikum kurz einen einzelnen SS-Mann, die ungefähr 200 übrigen jedoch sind Soldaten von Luftwaffe und Heer. Die Szene „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ spielt sogar nur vor Zivilisten.

Mag sein, dass die Durchsichtigkeit des Skandalisierungsversuchs dann doch zu offensichtlich war. Auch wenn man beim Lesen den Eindruck bekommen kann, in der Semperoper würden nicht zwei Lieder aus dem Soundtrack von „Die große Liebe“ gespielt, sondern der ganze Propagandaschinken gezeigt: Anders als die Polizeipanzersitzbezugs-Dummheit fand die Opernempörung der Welt außer einem sanften Kräuseln im Twitterglas keinen Widerhall.

Vielleicht wird 2018 ja wirklich mal ein Wunder geschehen und die Großpresseglocke nur bei echten Unwuchten in Sachsen geläutet. Davon gibt es schließlich genug.

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