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Samstag, 12.08.2017

Im Gleichschritt Richtung Untergang

Der Kapitalismus hat keine Zukunft, aber „kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“: eine Debatte in der Frauenkirche.

Von Oliver Reinhard

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Zu ewigem Kaufrausch verdammt: „Wir müssen konsumieren, um Arbeitsplätze zu sichern“, sagt die Publizistin Ulrike Herrmann.
Zu ewigem Kaufrausch verdammt: „Wir müssen konsumieren, um Arbeitsplätze zu sichern“, sagt die Publizistin Ulrike Herrmann.

© getty images

Höher, schneller, weiter. Und vor allem: mehr, mehr, mehr! So grob und so ungefähr lässt sich die einzig mögliche Richtung der weltbeherrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung umschreiben. Denn die Grundvoraussetzung des Kapitalismus geht davon aus, dass sich immer wieder irgendwie neuer Mehrwert generieren lässt und das „Streben nach Gewinn im kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb“, wie der Soziologe Max Weber es formulierte, auf immer und ewig weitergehen kann.

Doch inzwischen ist unübersehbar: Das kann es eben nicht. Längst sind die Mehrwertschöpfungsmöglichkeiten an feste Grenzen gelangt. So fest, dass die Finanzwirtschaft ihre größten Zugewinne heute zum Beispiel durch Wetten auf einen Börsencrash und das Hantieren mit erfundenen Unternehmenswerten macht. Hat der Kapitalismus also ausgedient? Gibt es Alternativen oder zumindest Auswege?

Darüber diskutieren am Donnerstag im Souterrain der Frauenkirche die Publizistin Ulrike Herrmann, Autorin des Bestsellers „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“, und Martin Gillo, Wirtschaftsmanager und Ex-Wirtschaftsminister Sachsens. Zur Freude des gut gefüllten Saals legt Herrmann hemdsärmelig los, fragt „Warum hat niemand der unzähligen Wirtschaftsexperten die Finanzkrise von 2008 kommen sehen?“ und liefert die Antwort gleich mit: „Weil sie die Wirtschaft nicht mehr begreifen.“

Beim Statistischen Bundesamt ist die 53-Jährige eine gefürchtete Dauer-Anfragerin. Immerhin kommt sie so an interessante Zahlen. Etwa die, dass „85 Prozent aller Wirtschafts-Lehrstühle und relevante Posten in Forschung und Lehre mit Anhängern der Neoklassik besetzt sind“, also des Neoliberalismus. Was bedeute, dass „430 000 Studenten nach einer Theorie unterrichtet werden, die keine Antworten mehr auf die aktuellen Probleme des Kapitalismus findet“. Die „Lösung“ der Finanzkrise fiel einigermaßen einfältig aus: Man folgte den 80 Jahre alten Empfehlungen des Ökonomen John Maynard Keynes, ließ den Staat Unsummen in die Wirtschaft pumpen und half ihr so vorübergehend wieder aufs Bein. Wenn den Experten nichts anderes einfalle als auf den arg betagten alten Keynesianismus zurückzugreifen, dann, schlussfolgert Ulrike Herrmann, „waren 80 Jahre wirtschaftswissenschaftliche Forschungen wohl umsonst“.

In ihrem Buch erinnert die taz-Redakteurin all die zahlenfixierten Auswendiglerner unter den Nachwuchswirtschaftlern mit großer Leidenschaft an die Lehren ihrer drei Lieblings-Ökonomen, die im Studium überhaupt nicht mehr vorkommen. In der Frauenkirche aber fragt sie erst einmal das Publikum ab: „Wer hat schon einmal etwas von Adam Smith gelesen?“ Zwei Zuhörer heben die Hand. „Von John Maynard Keynes?“ Fünf Hände. „Von Karl Marx?“ Der halbe Saal meldet sich – die DDR-Erlebnisgeneration ist reich vertreten. „Und wer hat den ersten Band von ,Das Kapital‘ durchgelesen?“ Der Händewald wird zur Steppe. „Trösten Sie sich“, sagt Ulrike Herrmann lächelnd. „Mit dem Ergebnis stehen Sie schon ziemlich gut da.“

Wir fahren gegen die Wand

Plastisch referiert Herrmann die großen Leistungen von Smith, Marx und Keynes. Trotz seiner diversen Fehlprognosen gibt sie dem Vollbartträger aus Trier in vielem recht: „Die heutige Marktbeherrschung der Großkonzerne hat Marx exakt vorhergesehen.“ Keynes wiederum habe schon vor dem Zweiten Weltkrieg darauf hingewiesen, dass der Kapitalismus vom Finanzmarkt gesteuert werde und deshalb das hemmungslos spekulative „Finanzkasino“ geschlossen werden müsse. „Warum also hält der Mainstream immer noch an der völlig unfähigen Neoklassik fest?“

Das viel beschworene Entweder-oder zwischen Markt oder Staat als alleinigem Lenker geht Martin Gillo wiederum gehörig gegen den Strich. „Warum können wir das nicht als Sowohl-als-auch denken“, fragte er und verwies auf den ehemaligen BRD-Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, den Ulrike Herrmann leider eher abgetan habe. „Die Soziale Marktwirtschaft ist doch eine ausgezeichnete Idee!“

Damit läuft Gillo Ulrike Herrmann direkt in die offene Gabel: „Wir haben keine Marktwirtschaft. Wir haben Kapitalismus. Das ist etwas völlig anderes.“ Marktwirtschaft beruhe auf offenem Wettbewerb und Konkurrenz als Regulative. „Es gibt aber keine Konkurrenz im großen Stile mehr“, sagt Herrmann. Sie verweist auf den deutschen Markt, wo weniger als ein Prozent der Firmen fast 70 Prozent des gesamten Wirtschaftsumsatzes machen. „Es gibt nur noch Absprachen zwischen den Konzernen, bei den Autoherstellern genauso wie bei der Pharmaindustrie“. Man teile den Markt unter sich auf, in enger Zusammenarbeit mit der Politik. Deren Zutun ja auch sinnvoll sei, um zumindest gewisse Rahmen und Grenzen zu setzen. „Aber die Macht der Unternehmen macht die Politik im Zweifelsfall immer gefügig.“

Also, will ein Zuschauer wissen, gebe es keine Alternative als ewiges Wachstum auf Teufel komm raus? Da verweist Martin Gillo auf das andere, das eigentlich alles bestimmende Wachstum: „Vor 40 Jahren lebten 3,5 Milliarden Menschen auf der Erde. Heute sind es 7,5 Milliarden. 2050 werden es zehn sein. Es gibt nur eine Chance, die wachsende Menschheit zu versorgen: durch immer mehr Wachstum.“

Die Schlussfolgerung also lautet: Obwohl wir kein ewiges Wachstum generieren können, sind wir zu ewigem Wachstum verdammt. Das freilich ist nur schwer auszuhalten. Weshalb ein anderer Zuhörer auch auf „früher“ verweist und fragt, warum es keine Produkte mehr gäbe, die ewig halten, und stattdessen alles alle paar Jahre neu gekauft werden müssen?

Niemand erforscht den Bremsweg

Hierüber finden Ulrike Herrmann und Martin Gillo dann doch zu ratloser Eintracht und resümieren: Wir könnten mit weniger auskommen, sparsamer leben, nachhaltiger wirtschaften, ja. Aber die Erfahrung zeigt: Alles, was am einen Ende gespart wird, wird am anderen wieder ausgegeben. Zudem bedeutet weniger Konsum auch weniger Jobs, was zu anschwellender Arbeitslosigkeit führen und erst die Sozialsysteme, dann das ganze System kollabieren lassen würde. „Es fehlt an einem Übergang, an einer Brücke, die von der Wachstums- in die Post-Wachstumsökonomie führen könnte“, bilanziert Herrmann. Anders gesagt: Der Kapitalismus fährt gegen eine Wand, aber niemand erforscht den Bremsweg. Umso schlimmer, dass „kein Kapitalismus auch keine Lösung“ ist.

Bemerkenswert bleibt in der Frauenkirche: Kein einziger Angehöriger der DDR-Erlebnisgeneration im Saal bringt noch einmal auch nur ganz zart den Sozialismus ins Gedankenspiel. Was daran liegen mag, dass neben dem jüngsten Auto-Amigo-Eklat das blutig verendende venezolanische Maduro-System die aktuellen Schlagzeilen bestimmt. Und wieder einmal zeigt, dass mit dem Sozialismus leider erst recht kein Staat zu machen ist.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 30 Kommentare

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  1. Berg

    Danke, smoky, für die Entgegnung. Weitere Versuche, kapitalistisches und sozialistisches Wirtschaften zu definieren sollten wir uns sparen. Konkurrenz UND Multinationalagieren gehören im Kapitalismus so zusammen, wie im Sozialismus der Wettbewerb und der Erfahrungsaustausch. - Es zeigt sich aber immer deutlicher die Erkenntnis, dass es "Schönheitsreparaturen" am Kapitalismus nicht geben kann. Dagegen stehen die antagonistischen Widersprüche/Gegensätze, die aber dafür die Triebkräfte für die Entwicklung sind. Wir alle sind - mehr oder weniger - damit beschäftigt, unseren bestmöglichen Teil vom Wirtschaften abzubekommen. Manche werden steinreich - andere verlieren Vermögen (Schlecker, Becker :-) Daran lässt sich nichts ändern, denn die Menschen sind nunmal verschieden und rechtfertigen keine Gleichheit anVermögen.

  2. C.G.

    Auch wenn Gillo das unbedingte Wirtschaftswachstum mit Zahlen zu begründen versucht: Er lässt außer Acht, sicher auch ganz bewusst, dass von den heute 7,5Milliarden Menschen die Allerwenigsten im Kapitalistischen Wirtschaftsraum leben und somit Nutznießer des, seiner M. n., notwendigen Wachstums sein können. Das wird sich auch bis ins Jahr 2050 nicht ändern. Der prognostizierte Bevölkerungszuwachs resultiert vor allem aus den Geburtenraten außerhalb der Kapitalistischen Gesellschaftsform. Somit frage ich mich, wieso er das Wirtschaftswachstum mit ausgerechnet diesem Argument zu rechtfertigen versucht.

  3. Berg

    Danke, schlussmitlustig, für Ihre Entgegnung. Ja, hier kann und muss man mit kurzen einfachen , aber zutreffenden Argumenten schreiben. Schließlich ist das Forum keine Dissertationsarbeit. Und nur mit den ursprünglichen Definitionen kommt man dem heutigen Problem näher. - An meiner Stimme zum Wahltag wird das Wahlergebnis kaum bemessen. Aber: da ich mich nicht zu den passiven, destruktiven, desinteressierten Leuten zähle, bin ich überwiegend auf Seiten der Regierungen (Land, Bund), um sie mit Aktivität, Konstruktivität und Aufmerksamkeit zu unterstützen. So galt meine Stimme sowohl Kohl, als auch Schröder, als auch Merkel. Das werden Sie nun gleich wieder "komisch" finden - ist mir aber egal.

  4. C.G.

    Herr Berg, noch andere haben und hatten gar kein Vermögen, nie gehabt! Zb. die Verkäuferinnen bei Schlecker. Der sein Vermögen auf Kosten seiner Mitarbeiter angehäuft hat und dieses bei der Insolvenz auf kriminellen Wegen der Insolvenzmasse und dem Zugriff seiner Gläubiger entzog. Es soll Verkäuferinnen geben, die immer noch offene Lohnforderungen gegen Schl. haben. Oder zb. Berggruen, der Karstadt auf dem Gewissen hat. Über Nacht vom Millionär zum Privatinsolvenzer, von dem nichts mehr zu holen ist. Oder Schneider, - Sie erinnern sich? Dank ihm sind Firmen pleite gegangen. Aber eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus. Sie erwähnen den Wettbewerb im Soz. als Gesellschaftstypisch . Der ist gut! Genau wie unlängst im Forum der Witz von den freien Wahlen in der DDR, (nicht von Ihnen). Sie meinen doch nicht etwa den Wettstreit um das bunteste Brigadetagebuch, die tollste Frauentagsfeier und die meisten Theaterbesuche im Brigadeverbund? Und wehe, einer hat sich ausgeschlossen ...

  5. NichtStichhaltig

    Ich finde das Gespräch wenig konstruktiv. Da wird die lernbereite Zuhörerschaft bloßgestellt und damit e. Diskussion abgewürgt. Ein paar statistische Einsprengsel u. Allgemeinplätze stellen noch lange keinen echten Gedankenaustausch dar. Die Ursache für d. maßlose Bevölkerungswachstum in Afrika ist: -Überversorgung mit Dumping-Lebensmittelimporten -fehlende kulturelle Adaption nicht mehr als 2 Kinder zu machen, damit d. erwirtschaftete Geld auf diese Chancen konzentriert werden kann; stattdessen immer noch das alte Altersvorsorgemodell mit möglichst viel Kindern; Paschakultur; Clan-Kultur(je mehr Mitglieder, desto mächtiger) -Aberziehung der Eigenverantwortlichkeit durch schlechte Entwicklungshilfe, die die Persönlichkeitsbildung vernachlässigt -religiöse Fehlprägungen -Verstädterungswahn -Slummilieu(Sex,Drogen,Gewalt) -Kriege, ständiger Überlebensstreß -Wirtschaftsmodelle, die auf Knechtschaften basieren -sexuelle Ausbeutung der Frau in Gewalt-Macho-Systemen -Korruption -Gentechnik

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