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Samstag, 13.01.2018

„Ich bin fit und unverbraucht“

Marek Janowski soll Chef der Dresdner Philharmonie werden. Darüber redet er nicht, aber über Murks in Bayreuth und die Liebe zur Eierschecke.

Von Bernd Klempnow

Marek Janowski: derzeit noch Gast der Dresdner Philharmonie, alsbald wohl – wie schon 2001 bis 2003 – deren Chef.
Marek Janowski: derzeit noch Gast der Dresdner Philharmonie, alsbald wohl – wie schon 2001 bis 2003 – deren Chef.

© Felix Broede

Marek Janowski soll Mitte 2019 neuer Chefdirigent der Dresdner Philharmonie werden. Das haben die über 100 Musiker im vergangenen Oktober vereinbart. Seitdem verhandelt die Stadt mit dem 78-Jährigen, und der drei Jahre geltende Vertrag ist faktisch unterschriftsreif. Dieser würde einen international hochgeschätzten Kapellmeister der alten Schule an das städtische Orchester binden, einen Mann, der für seine intensive Arbeit und große Werkkenntnis geschätzt wird. An diesem und am nächsten Wochenende leitet er planmäßig als Gast die Philharmoniker im Kulturpalast. Gelegenheit für ein Gespräch mit ihm über jene Stadt, die er schon zweimal im Zorn verlassen hat, über Dinge, die ihn reizen und Wunschgespräche beim Kaffee mit Richard Strauss.

Herr Janowski, wie war Ihre erste Reaktion als Sie vom Votum der Philharmoniker für Sie erfahren haben?

Als ich den Anruf des Dresdner Orchestervorstandes bekommen habe, hatte ich gerade eine Generalprobe beim Orchestre National in Paris hinter mir und ganz anderes im Kopf. Mit der Dresdner Philharmonie waren ja jährlich ohnehin zwei Wochen Proben und Konzerte vereinbart gewesen. Nicht eine Woche und noch mal eine Woche, sondern möglichst zwei hintereinander. Ich sage ganz ehrlich, ich freue mich auf eine erneute Zusammenarbeit mit dem Orchester. Aber: Solange der Vertrag nicht fertig verhandelt, vom Parlament nicht abgesegnet und vom Oberbürgermeister und mir unterschrieben ist, kein Wort mehr zu diesem Thema.

Welchen Anteil an der Überzeugungsarbeit hat der neue, viel gelobte Saal?

Der hat geholfen. Ich hatte ja als Chef in meinen zwei Dresdner Jahren ab 2001 ein gutes Verhältnis zum Orchester. Und ich bin gern danach zu Konzerten ins Hygienemuseum gekommen. Aber ich sage ehrlich, wäre der Umbau des Saals nicht so gelungen, hätte mich kein Angebot der Welt reizen können. Dieser Saal, der solch wunderbare Möglichkeiten für die Entwicklung des Orchesters gibt und manch faszinierende Programme erlaubt, hat mir den letzten Kick gegeben. Ausschlaggebend war die Sechste von Mahler kurz nach der Kulturpalast-Eröffnung. Ich bin eigentlich kein Mahler-Fan. Aber die Sechste ist ein „Teststück“ für einen neuen Konzertsaal. Ich bin vom klaren Klang wirklich begeistert. Glückwunsch Dresden!

Nächste Woche dirigieren Sie im Kulturpalast Webers „Euryanthe“ – heikel!

Nein, wir haben gut geprobt und eine Top-Besetzung. Das wird sicher schön. Die Musik ist genial und unglaublich inspirierend, übertrifft die Qualität des „Freischütz“. Und das Stück ist ganz klar die konzeptionelle Blaupause für Richard Wagners „Lohengrin“. Nur ist der Plot so etwas von schwach, dass man am liebsten gar nicht drüber redet. Das kann man nicht szenisch anbieten. Deshalb plädiere ich hier immer für eine konzertante Fassung. Ich habe einiges gestrichen, damit wir auf ein normales Konzertmaß kommen. Das werden hoffentlich zwei sehr, sehr schöne Abende.

Täusche ich mich oder werden Sie bei „Euryanthe“ sentimental?

Ein bisschen. Diese Oper sorgte für meinen ersten DDR-Kontakt. Eigentlich sollte Otto Klemperer mit der Staatskapelle „Euryanthe“ für die Deutsche Schallplatte und EMI in der Lukaskirche einspielen. Die Besetzung mit Jessye Norman, Nikola Gedda und dem Leipziger Rundfunkchor war traumhaft. Doch Klemperer sagte lange vorher ab und irgendwer brachte mich ins Spiel. Ich kannte damals das Stück nicht, entdeckte aber seine Qualität. So kam ich zur Kapelle, nach Dresden und zur Schallplatte. Alles hat da angefangen und es ging ja lange sehr gut weiter. Es kam die „Ring“-Einspielung in den 80er-Jahren, an die ich auch heute noch sehr gute Erinnerungen habe.

1989 kam es zu Verstimmungen. Sie gingen und kamen zurück – 2001 zur Philharmonie. Auch Oper wollten Sie nicht mehr machen und haben zuletzt in Bayreuth Absurdes dirigiert. Wie kommt es zu diesen Sinneswandeln?

Ja, ich habe schreckliche, antisängerische Inszenierungen erlebt. Deshalb wollte ich in keinen Orchestergraben mehr steigen. Der langjährige Festspielleiter Wolfgang Wagner hatte mich schon nach der Dresdner Schallplatten-Aufnahme des „Rings“ 1983 angefragt. Doch ich wollte nicht, woraufhin er mir versprach, dass mich Bayreuth nie mehr anrufen würde. Und dann kam von Katharina Wagner vor drei Jahren das Angebot zum Frank-Castorf-„Ring“, weil der Premieren-Dirigent Kirill Petrenko nur für drei der fünf geplanten Festspiele Zeit hatte. Ich habe mir zunächst viele Proben angesehen und auch in dem komplizierten Graben gesessen. Ich wollte ablehnen, diese sehr fragwürdige Inszenierung zu dirigieren. Die Sänger mussten rumturnen, hörten das Orchester nicht. Das Ganze zusammenzuhalten, war sehr schwierig. Letztendlich habe ich mich dann doch auf das Wagnis eingelassen.

Bekamen Sie beim Regieblödsinn im Festspielhaus nicht nasse Augen?

Zur Ehrenrettung von Regisseur Frank Castorf muss ich sagen: Er hat sich was mit seiner Kapitalismus-Kritik gedacht. Aber er hatte nicht realisiert, dass Sänger, wenn sie sich körperlich bewegen, etwas völlig anderes sind als Schauspieler. Ich machte ihn dann auf ein paar Dinge aufmerksam und er hat sie sofort verändert. Als Bilanz dieser zwei Festspielsommer 2016 und 2017 kann ich sagen: Es war eine recht erfolgreiche Zeit. Ich kann Bayreuth in meiner Biografie damit abhaken.

Und wie steht ein 78-Jähriger diese kraftzehrenden 16 Abende innerhalb von nur sechs Wochen durch?

Es ging im zweiten Jahr schon viel besser als im ersten. Man muss nach so einem Ritt tatsächlich erstmal Pause machen, bevor man wieder in den Konzertmodus mit weltweiten Gastspielen umschaltet. Herr Klempnow, ich weiß ja, was Sie mit Ihrer Frage indirekt ansprechen. Der Jüngste bin ich nicht mehr. Und meine Frau rät mir, ruhiger zu treten, schon gar keine Chefposition mehr anzutreten. Aber ich bin fit und unverbraucht. Oder sehe ich müde aus?

Nein, aus den Proben diese Woche kamen die Philharmoniker ziemlich geschafft heraus, nicht Sie!

Ja, wir haben gut gearbeitet. Das muss man bei Bruckners Neunter auch tun, um die Spannungsbögen zu halten und das kontrapunktische Geflecht dieses Meisterwerks zur Geltung zu bringen. Entscheidend ist, wie man dynamisch auf den Saal und sämtliche Orchesterstimmen eingeht.

Die Förderung zeitgenössischer Musik scheint hingegen nicht mehr Ihr dringendster Wunsch, oder?

Als langjähriger Chefdirigent von vielen Rundfunkorchestern habe ich viel Zeitgenössisches gemacht. Das ist ja auch die spezielle Aufgabe dieser Orchester. Es gibt sogar ein Messiaen-Stück, das mir gewidmet ist. Es waren viele gute Sachen dabei, aber auch viele, hinter denen ich nicht gestanden habe. Irgendwann habe ich deshalb beschlossen, mich aus einigen Musikbereichen herauszunehmen. Um Uraufführungen reiße ich mich nicht mehr. Aber natürlich musiziere ich unverändert Klassiker der Moderne.

Sie sind zweimal aus Dresden fortgegangen. Was hat die Stadt, dass Sie immer wieder kommen?

Ja, es gab Ärger: einmal mit der Kapelle 1989 und dann 2003, weil die Stadt ihr Versprechen zum Umbau des Saals vom Kulturpalast zu einem guten Konzertsaal nicht mal im Ansatz erfüllen wollte. Ja, Dresden hat was. Zudem hatte ich zu einigen Philharmonikern stets einen guten Draht. Und ich esse Eierschecke immer noch gern.

Sie sind mit Eierschecke zu ködern?

Ne, es liegt eher an Wagner und Strauss, die hier ihre Dependancen und große Uraufführungen hatten. Wenn Strauss in Dresden war, ging er in den Zwinger, setzte sich vor die Gemälde, oder er spielte mit den Musikern Skat. Solche Traditionen finden Sie ganz selten. Vor allem zu Strauss habe ich ein verehrungsvolles Verhältnis. Auch aus dem Grund, weil er gesagt hat: Nicht der Dirigent muss schwitzen, das Publikum muss schwitzen. Und weil er im Telefonbuch stehen hatte: „Richard Strauss, Kapellmeister“. Diese Art von Understatement habe ich immer bewundert. Natürlich war er als Komponist unglaublich von sich überzeugt, aber privat offenbar ein Bescheidener. Wenn ich eine Persönlichkeit treffen könnte, wäre es Strauss. Mit ihm Kaffee zu trinken und über Dinge zu reden, die nichts mit Musik zu tun haben, etwa über Religion, wäre etwas Wunderbares.

Ein anderer Strauss-Spezialist in Dresden ist Kapellenchef Christian Thielemann. Falls Ihr Vertrag wird: Ist in Dresden Platz für zwei große Maestros?

Auf diese Frage fällt mir nichts ein.

Die Konzerte am 13. und 14.  Januar sind ausverkauft. Für die „Euryanthe“ am 19. und 21. Januar gibt es Restkarten; Tel. 0351 4866866; Deutschlandfunk Kultur sendet einen Mitschnitt am 3. Februar ab 19.05 Uhr.

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