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Freitag, 10.11.2017

Hobbythek gegen Hass

Komplexes leicht erklärt, dafür ist der Fernsehmann Jean Pütz berühmt. Nun liest er der Politik die Leviten – und erreicht damit Zigtausende Fans.

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Jean Pütz sieht mit 81 immer noch aus, wie man ihn seit Jahrzehnten kennt: mit Schnurrbart und Einsteinfrisur.
Jean Pütz sieht mit 81 immer noch aus, wie man ihn seit Jahrzehnten kennt: mit Schnurrbart und Einsteinfrisur.

© dpa

Mal geht es um Diesel-Fahrverbote, mal um Flüchtlinge, mal um Bildung: Auf seiner Facebook-Seite postet der Wissenschaftsjournalist Jean Pütz, 81, regelmäßig kurze Videos und sagt deutlich seine Meinung. Zigtausende sehen sich das an und kommentieren es. Pütz wurde vor allem mit seiner WDR-Sendung „Hobbythek“ bekannt, die 1974 bis 2004 ausgestrahlt wurde. Nun hat er seine Autobiografie geschrieben, in der er Philosophen wie Karl Jaspers und Immanuel Kant als seine Vorbilder beschreibt. Höchste Zeit, mit ihm über Wissenschaft und Politik zu sprechen!

Herr Pütz, Sie bezeichnen sich selbst als Facebook-Aktivist, der der Politik die Leviten lesen will.

Ja, wenn mir irgendwas gegen den Strich geht, dann melde ich mich auf Facebook per Video. Das ist mittlerweile mein individueller Sender geworden, um mich einzumischen.

Und Ihnen geht ganz schön viel gegen den Strich, oder?

Ich glaube, wir sind an einem Wendepunkt, wo wir aufpassen müssen, dass wir die Welt nicht endgültig kaputt machen. Es kommt mir vor wie beim Turmbau zu Babel. Diese Unvernünftigkeit! Meine Devise heißt: Der Vernunft eine Chance! Vernunftbegabte aller Länder, vereinigt euch!

Sehr viele Leute gucken sich das an. Sie scheinen auch alle Kommentare zu lesen und antworten darauf.

Nicht alle, nur wenn ich Zeit habe. Manche Videos werden ja tausendfach kommentiert. Einige wollen mich da schon zum Bundespräsidenten wählen. Aber ich bin kein Politiker, ich bin Wissenschaftsjournalist von ganzem Herzen.

Was treibt Sie besonders um?

Unsere Gesellschaft baut doch nur noch auf Menschen auf, die der Intelligenzija angehören. Das finde ich nicht gut. Der einfache Bürger wird abgehängt. Deswegen bin ich damals übrigens Fernsehjournalist geworden, um auch diese Menschen zu erreichen. Ich war ja ursprünglich Berufsschullehrer und habe festgestellt, dass ich die Fähigkeit habe, junge Leute zu begeistern. Ich habe unter anderem zehn Jahre lang Elektro-Lehrlinge in einer Firma ausgebildet, schon während meines Studiums. Vorher waren 40 Prozent durchgefallen, danach keiner mehr. Das zähle ich heute zu meinen größten Leistungen.

Und jetzt erklären Sie Politik?

Wenn wir Demokratie ernst nehmen, dann müssen wir den Normalbürger wieder erreichen, und nicht nur die Gebildeten, die oft ihre Bildung wie eine Art Statussymbol vor sich hertragen und sich darauf auch noch was einbilden. Ich will nicht, dass die Gesellschaft in Intellektuelle und Unwissende geteilt wird.

Und mit Ihren vielen Fernsehsendungen wie der „Hobbythek“ haben Sie die Menschen erreicht?

Die „Hobbythek“ war nur ein trojanisches Steckenpferd, eine Methode, um dem Menschen zu zeigen, dass er schlauer ist, als er selbst denkt. Ich habe viele technische Entwicklungen ja sehr früh erkannt. Meine allererste Sendereihe, die ich als Autor und Redakteur verantwortet habe, das war 1970 „Energie, die treibende Kraft“ im WDR. Da habe ich alles vorweggenommen, was es heute an Problemen mit Energie gibt, inklusive der problematischen Kernenergie, die damals noch hochgejubelt wurde. Oder die Sendung „Einführung in die Elektronik“, mit Begleitbuch: Ich wusste, der kleine Handwerker, der Elektriker, der steht vor riesigen Veränderungen. Zum Beispiel durch die Halbleitertechnik. Aber das kapiert ein normaler Handwerker nicht, weil der sich nicht mit Theorie beschäftigt, zum Beispiel mit Energieniveaus und so weiter. Gut, hab ich gedacht, dann muss ich es so aufbereiten, dass es jeder begreift, im wahrsten Sinne des Wortes.

Hatten Sie damals schon eine politische Mission?

Ich bin natürlich auch Rebell gewesen, in der Achtundsechziger-Zeit. Damals habe ich Soziologie studiert, um zu begreifen, wie so ein zivilisiertes Volk einem Verbrecher-Schreihals und Psychopathen wie Hitler überhaupt eine Chance gegeben hat. Das Schlimme ist, dass ich heute erkannt habe: So was kann überall möglich sein. Da muss man mit objektiven Informationen gegenhalten. Ich habe ein Faktenfaible. Demokratie und Wissenschaft gehören zusammen. Woran soll die Demokratie sich sonst orientieren?

Von Angela Merkel bis zu den Grünen: In Ihren Facebook-Videos nehmen Sie alle möglichen Politiker aufs Korn.

Weil sie die Leute nicht ernst nehmen oder ihnen nicht die Chance geben, sich objektiv zu informieren. Es gibt in der Chaostheorie das Gesetz: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Das ist ein Riesenproblem, das auch uns Journalisten betrifft. Wir haben ein paar Leitmedien, Spiegel oder Süddeutsche, an denen orientieren sich alle anderen. Aber man kann doch nicht immer nur den Mainstream nehmen. Man muss schauen: Wo führt etwas hin? Ich bin ja ein großer Anhänger der Technologiefolgenabschätzung. Ich bin in einer Gruppe, die sich unter anderem darum bemüht, algorithmisches Denken, also folgerichtiges Denken, auch in den Schulen unterzubringen. Das nennt man dann digitale Bildung.

Macht Ihnen nicht auch Angst, was da auf uns zukommt in der digitalen Welt?

Grundsätzlich bin ich ein Optimist. Wenn ich ständig über meine Befürchtungen und Ängste rede, die tief in mir und in vielen, vielen Menschen drinstecken, dann wird bald die Angst alles bestimmen. Das ist das Gesetz der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. So ist das auch bei vielen AfD-Wählern. Auf diese Ängste geht die Politik allerdings nicht ein. Leider gibt es viel zu viele Politiker in der AfD, die dem überkommenen Faschismus huldigen. Die nutzen zum Beispiel die Ängste der Menschen vorm Islam aus.

Wenn man sich die Kommentare auf Ihrer Facebook-Seite anschaut, sind darunter aber ganz schön viele Leute, die AfD-Anhänger zu sein scheinen.

Offenbar muss man in Kauf nehmen, dass man auch von der falschen Seite Applaus bekommt. Aber sie kriegen von mir ordentlich Widerspruch. Andererseits: Es geht nicht an, dass wir die Welt nur durch das linke Auge betrachten.

Hilft das Internet bei der Aufklärung der breiten Massen – oder ist eher das Gegenteil der Fall?

Wissen Sie, das ist so wie mit einem Hammer: Mit dem können Sie sehr sinnvolle Sachen machen. Aber Sie können einem auch den Kopf einschlagen. Das Internet ist ein Werkzeug, um das Leben zu erleichtern. Und zwar mit Vernunft, mit kritischem Blick.

Das Internet schürt aber auch Hysterie.

Ich kenne das von meiner Frau. Die wäre fast AfD-Wählerin geworden. Sie hat diesen Hang, ihren Instinkten zu folgen. Wir sind ja alle von Instinkten geleitet, die in der Steinzeit entwickelt wurden. Da waren die überlebenswichtig. Zum Beispiel Fremdenfeindlichkeit, damals schützte das die Gruppe. Ich glaube, dass es diese Instinkte sind, die auch heute zu Hass, Fremdenfeindlichkeit und anderen Erscheinungen führen, wenn zum Beispiel Politiker tätlich angegriffen werden, oder wenn auf Demonstrationen herumgepöbelt wird. Ich bin absolut dafür, dass Leute ihr Demonstrationsrecht wahrnehmen und auf die Straße gehen. Es ist nur leider so, dass da auch teilweise Psychopathen dabei sind.

Bei Pegida-Demonstrationen sind übrigens auffällig viele Ingenieure dabei, Leute, die eher naturwissenschaftlich denken, so wie Sie.

Ist das wirklich wahr?

Es gab sogar Umfragen dazu.

Wenn es so ist, dann sind es Ingenieure, die nicht über den Tellerrand hinausschauen, dann haben sie Scheuklappen auf. Technik darf immer nur ein Mittel sein. Und ich muss Technologie auch danach prüfen: Was bringt sie dem Menschen? Manche glauben, eine bestimmte Wahrheit erkannt zu haben, und die ist dann für sie unabänderlich. Es gibt natürlich bestimmte Erkenntnisse, an denen ich mich orientieren muss. Ob ich mich daran halte, ist eine andere Frage, aber die Orientierung muss da sein. Man muss auch Autoritäten ständig hinterfragen.

Sind nicht viele Leute deshalb so verunsichert, weil es heute immer weniger eindeutige Wahrheiten gibt, an denen man sich orientieren kann?

Ja, man muss sich das einmal vorstellen: Zum Beispiel die USA, eine Gesellschaft, in der die Wissenschaft einen ganz hohen Stellenwert hat, da gibt es Menschen, die glauben heute noch, die Erde wäre in sieben Tagen erschaffen worden, die sogenannten Kreationisten. So ein Unfug! Religion ist irrational, aber sie steckt tief in den Menschen drin, wir können sie nicht einfach wegdividieren. Es geht darum, alles kritisch zu hinterfragen, so wie es Luther gemacht hat. Oder der aktuelle Papst, der Franziskus, der macht einem ja durchaus Hoffnung. Wir brauchen mehr Aufklärung.

Sind Sie selber religiös?

Ich bin in der katholischen Kirche. Ich glaube, dass der Christus eine ganz entscheidende Sache geleistet hat, egal ob er Gott ist oder nicht, für mich ist er einer der größten Philosophen. Er hat nämlich erkannt, dass der Hass den einzelnen Menschen total kaputt macht. Und zwar nicht nur denjenigen, der gehasst wird, sondern vor allem denjenigen, der hasst. Und das hat Jesus begriffen in einer Zeit, in der ,Auge um Auge und Zahn um Zahn‘ ein soziales Gebot war. Insofern war er auch ein guter Psychologe. Wir müssen schauen, dass wir den Hass verdammen.

Der Islam ist in letzter Zeit ein zentrales Thema für Sie. Was regt Sie so auf?

Ein großes Thema, weil die Muslime noch nicht die Aufklärung hinter sich haben. Ursprünglich war ja die Wissenschaft in hohem Range bei den Arabern, von denen wir Europäer viel gelernt haben. Und dann hat irgendwann Mohammed einen Strich drunter gemacht und die Welt nur noch aus religiöser Sicht erklärt. Es ist eine Religion, die unter anderem alle Anhänger anderer Religionen zu Ungläubigen erklärt, mit denen man keine Verträge einhalten muss. Das passt nicht in unsere Welt. Die schüren unter anderem tief sitzende Ängste und versprechen demjenigen das Himmelreich, der sich opfert. Deshalb lässt sich mit dem politischen Islam keine Demokratie aufbauen. Diese Leute, die wirklich dem politischen Islam anhängen, die kann man nicht integrieren.

Vielleicht erfährt der Islam ja eines Tages auch eine Aufklärung?

Der Islam muss sich verändern, und zwar aus sich selbst heraus. Es geht nicht, indem wir von außen Druck ausüben. In solchen Ländern eine Demokratie einzuführen, wie wir sie kennen, ist absolut vergebliche Liebesmüh. Das zeigt auch der von uns so gefeierte arabische Frühling. Deshalb ist die ganze Politik in Afghanistan gescheitert, weil man nicht begriffen hat, dass dort die Clans das Sagen haben. Genauso der Familiennachzug für Flüchtlinge bei uns, wie es die Grünen fordern: Das hat mit Integration nichts zu tun. Das sind ja keine Familien, wie wir sie in Europa gewohnt sind, das sind Clans, also Großfamilien, die zusammenhalten wider besseres Wissen. Daraus entstehen ruckzuck Parallelgesellschaften.

Wie kann man berechtigte Kritik am Islam äußern, ohne Ängste und Fremdenfeindlichkeit zu befördern?

Bewusst gelebte Toleranz ist mein Lebensprinzip. Aber man darf Toleranz nicht übersteigern und mit Gleichgültigkeit verwechseln. Ich halte nicht den Mund. Aber ich lasse mich nicht in rechts oder links einordnen. Demokratie braucht Zivilcourage, aber gezielt, nicht indem man links oder rechts austeilt. Trotzdem, meine ich, hat Angela Merkel einen fundamentalen Fehler gemacht, als sie die Flüchtlinge reingelassen hat. Sie hat damit Europa sehr geschadet und ungewollt den Nationalismus geschürt.

Und das alles mit einer Kanzlerin, die Naturwissenschaftlerin ist!

Das erste Mal, dass sie völlig dagegen verstoßen hat, das war der plötzliche Ausstieg aus der Atomkraft. Das sage ich, obwohl ich Atomkraftgegner bin. Nachdem Tschernobyl passiert ist, da hätte sie recht gehabt, aber nach Fukushima, da hatte sie überhaupt nicht recht.

Sie kritisieren also Hoppladihopp-Entscheidungen: Flüchtlinge, Atomenergie, Diesel…?

Ja, das habe ich der Kanzlerin auch in einem Brief geschrieben, den können Sie auf meiner Homepage nachlesen: 14 Fragen an Frau Merkel. Zum Beispiel habe ich vorgeschlagen, dass man aus diesen Flüchtlingslagern in Libyen Städte machen soll, mit Infrastruktur und allem Drum und Dran. Das würde sogar ausstrahlen in die Länder selbst. Ich habe auch gefordert, dass die Merkel in den arabischen und afrikanischen Ländern im Fernsehen auftritt und den Flüchtlingen sagt: Es bringt nichts, bleibt weg! Denn auf der Flucht sterben mehr Menschen in der Sahara als im Mittelmeer. Es ist nicht so, dass ich mich gegen die Humanität wende, ganz im Gegenteil. Ich bin ein Menschenfreund par excellence. Für mich sind die Menschenrechte wichtiger als die zehn Gebote.

Das Gespräch führten Heinrich Maria Löbbers und Marcus Thielking.

Die Autobiografie von Jean Pütz: Ich hab da mal was vorbereitet. FinanzBuch Verlag, 262 Seiten, 19,99 Euro.

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 35 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. Fritz

    Ich sage nur Danke für diese Worte...... Mal sehen wann sich hier der erste Gut- Mensch meldet?

  2. Gutmensch

    @1.: Der erste Gutmensch hat das Interview gegeben und heißt Jean Pütz. Mensch Fritz, noch mal ran an den Text. Diesmal aber mit Hirn, wenn möglich.

  3. gast

    @Gutmensch: vielleicht selber den Text nochmal aufmerksam lesen. Vielleicht auch mit Hirn....

  4. Rudivonratlos

    An alle 3 vorherigen Kommentatoren. Text noch mal lesen, Bitte. Und dann aufhören sich gegenseitig mit Dreck zu bewerfen. Hilft ungemein um vielleicht miteinander eine Lösung zu finden.

  5. bernoi

    Danke schön Herr Pütz für Ihre weisen Worte und Ihr Engagement. Ich stimme mit vielen Ihrer Aussagen mit meiner Meinung überein. Ich lebe auch im gewissen Widerspruch in dieser Gesellschaft. Ein Beispiel dafür ist, dass ich mit der unkontrollierten Zuwanderung und unkontrollierten Abschiebungspolitik nicht einverstanden bin inklusive der ins Land gelassenen kriminellen und Terroristen. Und sobald ich diese Aussage mache, werde ich in die Nazi-Ecke gestellt, weil ich die Flüchtlingspolitik kritisch beurteile obwohl meine Frau vietnamesisch ist, jedoch hier schon seit 15 Jahren integriert, arbeitend, steuerzahlend, deutschprechend ist,wir mit unserer Familie mit 2 Kindern keine Parallelgesellschaft bilden. Sie lebt ihre vietnamesische Kultur eher in Vietnam wenn wir dort zu Besuch sind. Doch die Afd ist auch für mich nicht wählbar, da sich dort sehr viele Wähler wiederfinden die Rassismus offen gegen jeden Ausländer zeigen. Auch ich wurde mit meiner Frau schon auf der Strasse beleidigt

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