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Samstag, 17.06.2017

Hitler lesen beim Windelwechseln

Offenbarungen einer gequälten Seele: Der norwegische Autor Karl-Ove Knausgard schont sich und die Seinen auch im letzten Band seines epochalen Sechsteilers nicht.

Von Bettina Ruczynski

Schwindelerregend berichtet Knausgard von Krankheit und Ehekrise, notiert kleinste Details und größte Gedanken.
Schwindelerregend berichtet Knausgard von Krankheit und Ehekrise, notiert kleinste Details und größte Gedanken.

© dpa

Es ist vollbracht. Mit „Kämpfen“ liegt nun der sechste und letzte Band des spektakulären autobiografischen Romanprojekts vor. Der norwegische Literatur-Berserker Karl-Ove Knausgard, inzwischen ein international gefeierter Star, hat einen hohen Preis für die erzählerische Wahrhaftigkeit der Beschreibung seines Lebens und Werdens zahlen müssen: Sein Onkel bezichtigte ihn der Lüge und unterstellte, ein Möchtegern-Schriftsteller wolle sich mit dem schamlosen Ausschlachten der Familiengeschichte nur rasch seine Taschen füllen, und initiierte Schmutzkampagnen gegen seinen Neffen. Anwälte bekamen zu tun. Die Schwiegermutter wandte sich von ihm ab. Alte Freunde, vor allem Freundinnen, fühlten sich preisgegeben und verraten. Nur wenige Weggefährten stärkten dem Schriftsteller verhalten den Rücken.

Knausgards Frau Linda, ohnehin psychisch angeschlagen, brach angesichts dessen, was über sie in den Romanen zu lesen ist, zusammen. Auch ein viertes Kind konnte die leidenschaftliche Beziehung der beiden nicht retten; inzwischen gehen sie getrennte Wege. Im August erscheint ihr erster Roman auf Deutsch.

Verstörender Hyper-Realismus

Der Schock über die harschen Reaktionen seiner nächsten Angehörigen und seiner Umgebung nimmt in „Kämpfen“ gehörigen Raum ein: Angst und Verzweiflung quälen den Autor. Immer wieder Scham ob der eigenen Naivität und seines Vogel-Strauß-Verhaltens angesichts existenzieller Konflikte. Auch da schont der Exzentriker Knausgard niemanden, am wenigsten sich selbst. Doch auch der größte Knausgard-Fan wird sich verwundert fragen, was denn der Meister als Reaktion erwartet hat, als er Intimstes über sich und die Seinen preisgab!? Oder offenbart sich hier ein gerüttelt Maß an kalkulierter, charmanter Naivität, nur der Wahrheit und nichts als der Wahrheit verpflichtet, die niemand auf lange Sicht ernsthaft verurteilen kann und wird?

Wie dem auch sei: Die sechs Bücher sind in der Welt. Ein solches Meisterwerk hat es vorher nie gegeben. Seiten voller Alltagsbanalitäten und voller genialer Gedanken, schonungslos in ihrer Ehrlichkeit. Knausgards Hyper-Realismus verstört und fasziniert in seiner unerhörten Komplexität. Er scheint überall auf der Welt zu funktionieren, wo es wache Leser gibt.

Der Autor vom Jahrgang 1968 beschreibt beispielsweise die Konflikte, die sich aus den konkurrierenden Erwartungen an das Rollenbild des modernen Mannes ergeben. Das tut er in aller Drastik und voller Detailreichtum: Der fürsorgliche Vater, der immer für seine kleinen Kinder da ist, ihre Windeln wechselt, sie auf dem Spielplatz und in der Wohnung nimmermüde bespaßt. Der liebende Ehemann, der, in Knausgards Fall, den Großteil der Familienarbeit stemmt, Krabben kauft und über guten Weißwein und weiße Rosen als Tischdeko nachdenkt. Der Versorger, der etliche Zeit nicht kreditwürdig war, mit einer Frau ohne Einkommen, der seiner Familie dennoch ein gutes Leben bieten will, Ferien auf den Kanaren inklusive. Der ambitionierte Schriftsteller auf der Suche nach Inspiration – oder wenigstens nach zwei Stunden ungestörten Schreibens. Wie gut hatte es da Thomas Mann!

Nicht ohne Selbstironie beschwört Knausgard die Arbeitsbedingungen des Großschriftstellers und macht sich wieder wacker auf in den Kindergarten, um seine Kleinen abzuholen. Direkt neben die Launen einer Familie, die es zu besänftigen gilt, stellt der Ausnahmeschriftsteller Knausgard einen hochinteressanten, tabubrechenden 400-Seiten-Essay, dessen Kern die Interpretation von Hitlers „Mein Kampf“ ist. Er verknüpft von Karl Marx über Jack London bis Rilke und Jünger („In Stahlgewittern“) geschichtsphilosophische Erkenntnisse und stellt sich dem Grauen; stets bereit, eingefahrene Denkfurchen zu verlassen. Die Bibel-Übersetzung, an der er gerade arbeitet, schwappt ebenso herein wie seine fassungslose Erschütterung angesichts des Massenmords auf der Insel Utoya. Dass dann wieder jemand heult und ein Eis will, gehört zum Reiz dieser Erzählform, die jede Art von Fiktion meidet.

Nachdenken über die Jahreszeiten

Paul Berf und Ulrich Sonnenberg haben den voluminösen Mehrteiler ins Deutsche übertragen. Im ersten Band „Sterben“ rechnet Knausgard mit seinem trunksüchtigen Vater ab, der die Familie tyrannisiert. Der zweite Band „Lieben“ erzählt von Linda und der Geburt der drei Kinder, schildert Szenen einer Ehe und zermürbenden Alltag. „Spielen“ war der eigenen Kindheit gewidmet. In „Leben“ porträtiert sich der Autor als jungen Mann, der aufbricht, um Künstler zu werden. „Träumen“ beschreibt sein Dasein in den dunklen nordnorwegischen Wintern, das Scheitern seiner Ehe mit Tonje, den Aufbruch nach Stockholm.

Nach dem letzten Band wird es nichts Autobiografisches mehr geben, so Knausgard. Er schreibt jetzt Essays zu den Jahreszeiten. Im September erscheint „Im Herbst“ auf Deutsch. „.... und auf dem ganzen Weg werde ich den Gedanken genießen, wirklich genießen, dass ich kein Schriftsteller mehr bin.“ So lautet der letzte Satz seines epochalen Romanzyklus.

Karl-Ove Knausgard: Kämpfen. Luchterhand, 1276 Seiten, 29 Euro

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