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Freitag, 21.04.2017

Herz zerreißen, Herz stärken

Nick Cave verarbeitet den Tod seines Sohnes in der Doku „One More Time With Feeling“.

Von Andreas Körner

Trauerarbeit beim Komponieren: Rockstar Nick Cave verarbeitet in der Dokumentation „One More Time With Feeling“ den Tod seines 15-jährigen Sohnes.
Trauerarbeit beim Komponieren: Rockstar Nick Cave verarbeitet in der Dokumentation „One More Time With Feeling“ den Tod seines 15-jährigen Sohnes.

© PR

Nick Cave wollte diesen Film nicht machen. Er wollte, dass es ihn gibt. Was zunächst nur wie eine sprachliche Finesse klingt, erweist sich nach dem Betrachten von „One More Time With Feeling“ als essenziell. Der australische Rockmusiker und Poet ist Künstler, kein Exhibitionist. Auch dazwischen liegen für ihn Welten.

2015 stürzte Nick Caves 15-jähriger Sohn Arthur von einer Klippe nahe Brighton in den Tod. Cave steckte mitten in den Arbeiten für seine CD „Skeleton Tree“. Regisseur Andrew Dominik, Caves Freund seit drei Jahrzehnten, hatte geplant, den Aufnahmeprozess zu begleiten. Unter den neuen Vorzeichen hielten beide daran fest. Dominik zu den Gründen: „So vieles auf dieser Platte hat mit Arthurs Tod und der Trauer um ihn zu tun. In Interviews müsste er über den Kontext reden, in dem diese Songs entstanden sind. Und da dieser Kontext so schmerzhaft und roh ist, wollte er es nicht gegenüber Leuten tun, die er nicht kennt, sondern lieber bei jemandem, der sich um ihn sorgt. Das Trauma ist noch jenseits aller formulierbaren Gefühle.“

Der intensive, aufregende, im Guten unkünstliche 3-D-Kunstfilm, ist vorwiegend in Schwarz-Weiß gedreht. Er wurde in 30 Ländern und 950 ausgewählten Kinos parallel an nur einem Donnerstag im September vergangenen Jahres gezeigt. Auch in Dresden. Im Dezember folgte eine zweite Runde – zu viele wollten das Dokument einer Trauerbewältigung und zugleich Zeugnis immens kreativen Liedschaffens sehen. Jetzt ist es auf DVD/Blu-Ray erschienen. Nur übelste Nachrede wird von allein kommerziellen Gründen künden.

Nick Cave misstraut Star-Biografien, die sich in Selbstbefriedigung ergehen und allem, das er „komplett versteht“. Äußerlich gezeichnet und noch empfänglicher als sonst für die Hilfe seiner Bandkollegen der Bad Seeds, ringt Nick Cave mit der Sprache. Anderswo ist er sehr klar. „Ich denke, ich verliere meine Stimme“, heißt es an einer Stelle. „Ich weiß die Akkorde nicht mehr“, an einer nächsten. Oder: „Die Zeit ist elastisch geworden, wie an einem Gummiband aufgezogen. Kann sein, irgendwann schießt sie zurück.“

„One More Time With Feeling“ ist nichts für Voyeure. Die 100 Minuten sind für Menschen, die an Trauer und ihrer Bewältigung teilhaben wollen, dort, wo sie Arbeit sind. Mit intimen Momenten, die einem das Herz zerreißen können. Mit anderen, die es stark machen. Schon 2014 gab es einen außerordentlichen Kinofilm über Nick Cave. In „20 000 Days On Earth“ ist eine Sequenz zu sehen, in der er mit seinen Zwillingssöhnen Arthur und Earl Pizza isst. Dass Earl jetzt wieder mitgemacht hat, allein, zeugt von einem besonderen Klima, in dem „One More Time With Feeling“ entstanden sein muss. Es überträgt sich.

Die DVD: Nick Cave & The Bad Seeds, One More Time With Feeling“, Kobalt/Rough Trade

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