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Dienstag, 14.11.2017

Heilung durch Wahrheit

Vier Künstlerinnen widmen sich in Bild und Text dem Schicksal der Seherin Kassandra aus der griechischen Sage.

Von Uwe Salzbrenner

Einsame Seherin: Die Dresdner Malerin Gudrun Trendafilov zeichnete ihre 2016 entstandene Kassandra als Umriss auf übers Blatt gefluteter Farbe. Zu sehen derzeit im Kunsthaus Raskolnikow.
Einsame Seherin: Die Dresdner Malerin Gudrun Trendafilov zeichnete ihre 2016 entstandene Kassandra als Umriss auf übers Blatt gefluteter Farbe. Zu sehen derzeit im Kunsthaus Raskolnikow.

© VG Bild-Kunst

Welch ein Schicksal hat die Königstochter Kassandra, wie es die Sage aufzeichnet: Vom Gott Apollon geliebt, erhält sie die Gabe, in die Zukunft zu schauen. Weil sie sein Begehren zurückweist, später den Fluch, dass ihren Prophezeiungen niemand glauben wird. Das verhängnisvolle Tun ihres Bruders Paris, der Untergang Trojas, der Tod Agamemnons – ausschließlich Unheil sieht sie voraus. Man hält sie für wahnsinnig.

Solchen Fluch kann man kaum illustrieren, denn ein gesehenes Kunstwerk ist spätestens auf den zweiten oder dritten Blick einleuchtend. Prophetenglaube ist Glaube an die Kraft des Wortes, nicht des Bildes. Die vier Künstlerinnen, alle um 1960 geboren, die in Fortsetzung einer Arbeitswoche an der Akademischen Akademie Meißen beschlossen, „Kassandra folgen“ zu wollen, halten sich deshalb an die Besonderheit eines Frauenschicksals und an ihre Kunst. Man darf getrost sagen: Zwischen Frausein und Künstlertum gibt es für sie eine Verbindung.

Else Gold arbeitet mit Dingen, denen der Betrachter allein schon wegen ihrer Alltäglichkeit Einfluss zugesteht. Sie hat Spulen zu Formationen gefügt, mit dem Attribut von Nadel und Faden Batterien einer weiblichen Energie. Was sie sonst findet – Zielscheibe, Schnalle, Schelle, Sichel, eine sparsam zum Gesicht geschnittene Kugel aus Styropor – wird in Objekt und Assemblage zum Hinweis auf die der Frau zugefügte Gewalt.

Kerstin Franke-Gneuss zeichnet dagegen abstrakt. In ihren Radierungen faucht vermeintlich etwas durch den Raum, das Licht erzeugt. Eine Teilchenwolke zieht grelle Spuren. Es scheint, als habe Franke-Gneuss vor allem die Gabe betonen wollen, andere in ein Phänomen einzubeziehen – ganz gleich, wie man es wertet oder versteht. Nicht mehr das Unglück ist von Bedeutung, sondern dass hier eine zu sich selber kommt.

Die Malerin Gudrun Trendafilov stellt die Frau allein und nackt dar. Eine Seherin ist zwangsläufig, um etwas zu erkennen, von den Ihren, praktisch von der Zivilisation, getrennt.

Das Wegducken der Hockenden

Was Kassandra dann abwehrend schreien lässt oder in Ekstase tanzen, reflektiert sowohl Innen wie Außen. Den Wunsch, taub und blind zu werden; die hervorbrechende Botschaft; das Wegducken der Hockenden hinter den eigenen Unterarmen und hochgestellten Knien. Trendafilov greift in diesen Mischtechniken auf eine von ihr früher nahezu ausschließlich verwendete Malweise zurück: die Umrisszeichnung auf übers Blatt gefluteter Farbe. Mit einem geradezu hervorgekanteten Schmerz, der immer die Möglichkeit (die Pflicht?) von Zuwendung in sich trägt.

Die Vierte im Bunde, als Einzige nicht im Raum Dresden ansässig, sondern in Berlin, ist eigentlich Schriftstellerin. Ulrike Gramann zeigt jedoch ihre Texte zu Kassandra als Bildtafeln: mit der Hand schön geschrieben, auf selbst gezogenen Linien. Ein Wort, wenn es am Rand anstößt, wird ohne Trennungsstrich abgebrochen und auf der nächsten Zeile fortgesetzt. Außerdem stellt Gramann eine Auswahl vor, die Blätter zwei, fünf, sieben, neun, zwölf und dreizehn. „Sehen“ ist in ihren Versuchen eine Sucht und ein Genuss. Wer die Wahrheit ausspricht, ersehnt Heilung. Im gleichen Geiste funktioniert Gramanns Kästchen: Wer hier einen Zettel zieht und die Nachricht liest, ist den Spielregeln gemäß ab jetzt verantwortlich. Für die Weitergabe. Und für die Konsequenzen.

Die Ausstellung ist bis 25. November im Kunsthaus Raskolnikow, Dresden, Böhmische Straße 34, zu sehen. Geöffnet Mi – Fr 15 – 18 Uhr, Sa 11 – 14 Uhr.

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