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Dienstag, 12.09.2017

Großes Kerle-Kino

Sind Männer immer nur starke Helden? Im Festspielhaus Hellerau nahmen Tänzer die Geschlechterklischees aus Western, Thriller und Science-Fiction aufs Korn.

Von Johanna Lemke

Echt oder nicht? Das Tanzstück „in a row“ der Go-Plastic-Company nutzt Mittel des Films – und wird philosophisch. Foto: Klaus Gigga
Echt oder nicht? Das Tanzstück „in a row“ der Go-Plastic-Company nutzt Mittel des Films – und wird philosophisch. Foto: Klaus Gigga

Was, wenn man vor lauter Coolness nicht mehr gerade stehen kann? Wenn man sich in einer Bewegung verirrt und keinen Ausweg findet? Was, wenn das Gegenüber hämmernde Fragen stellt, auf die du niemals eine Antwort wissen wirst? Momente der Irritation, der Verirrung und Selbstfindung gab es am Wochenende in Hellerau. Das Festspielhaus öffnete seine Tore für ein Tanzfestival, Gastgeber war die Go-Plastic-Company, eine der aufregendsten hiesigen Gruppen. Dahinter stehen die Tänzerinnen und Choreografinnen Cindy Hammer und Susan Schubert, sie sind „assoziierte Künstler“ in Hellerau, wo sie auch ihre wichtigsten Stücke zur Uraufführung brachten. Nun zeigten sie nicht nur ihr neuestes Werk, sondern durften sich mit dem Festival „in a row“ austoben: Gemeinsam mit befreundeten Künstlern bespielten sie am Wochenende das ganze Haus.

Hellerau wurde damit seiner ureigensten Aufgabe gerecht: Raum zu sein für Bewegung, für in Entstehung befindliche Kunst, für das Experiment. So fein all die internationalen Gaststars in Hellerau sind, nichts steht dem Haus so gut wie der Prozess und das Fragmenthafte. In allen Ecken und Gängen pulsierte drei Tage lang Bewegung, Kunst, Musik. Im Zentrum stand das 90-minütige Stück „in a row“, Freitag war Uraufführung.

Der Tanzabend ist die Zusammenführung der drei in Hellerau bisher gezeigten Großproduktionen der Company, die sich alle an Filmgenres abarbeiteten. Sie hatten sich Männlichkeitsbildern im Western genähert, Thriller-Dynamik untersucht und Science-Fiction vertanzt. Zitate dieser Arbeiten finden sich nun in „in a row“ , das aber mehr ist als eine Zusammenfassung.

Das tänzerische Markenzeichen der Company sind exakte Isolationen, also abgesetzt bewegte Körperteile, die zu epischen Abfolgen verschmelzen. Immer wieder tauchen aus dem Nichts Mini-Bewegungen auf, so wie die überkreuzten Hände, die sich zum laut wummernden Herzschlag pulsierend öffnen. Strenge Synchronität ist nicht der Maßstab, vielmehr driften die Tänzer auseinander und finden sich wieder, begegnen sich einige Bewegungen lang und verlieren sich. Ein Einzelner taumelt durch den Saal, zwei prallen aufeinander, verschmelzen, verschwinden.

Cleane Musikvideo-Ästhetik begegnet überbordender Emotionalität, ironische Hip-Hop-Zitate treffen auf Szenen, die fast schon Sprechtheater sind. Tatsächlich würde man der Company wünschen, dass sie sich für diese schauspielerischen Einlagen mehr Zeit lässt oder andere Beratung holt – an manchen Stellen wirken die szenischen Einlagen laientheaterhaft. Schade, denn die Choreografie ist herausragend, die Tänzer sind phänomenal. Während man selbst bei Künstlern drei Ligen weiter oben bisweilen das Gefühl hat, dass ihre Arbeiten in dem Saal mit seiner charakteristischen Offenheit wie haltlos wirken, beherrschen Go Plastic den Raum mühelos. Wedelnde Arme als Zeichen der äußersten Expressivität, eine kalt gestellte Tänzerin in der Frischetheke: Wie hätten Sie’s denn gern? Weil im Film das Philosophische emotional erfahrbar wird, ist er so eine grandiose Folie für die Untersuchung der großen Fragen. Dieser Abend dreht sich letztlich um das Menschliche in einer unwirtlichen, unwirklichen Welt, um Vitalität und Körperlichkeit und Begegnung und das, was die Menschen hemmt, zueinander und zu sich selbst zu finden.

„I want a power-nap, a power-snack, a power-fuck, whatever! What do you want?“ schreit die Tänzerin am Schluss. Es ist ein Hilfeschrei nach Wirklichkeit, ein winziger Wunsch im Breitband-Format. Go Plastic haben gezeigt, dass sie das können: großes Kino. Und ganz nebenbei auch, wie kraftvoll die Dresdner Tanzszene ist.

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