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Donnerstag, 28.12.2017 Rückblick 2017

Für alle Fälle Netflix

Das traditionelle Fernsehen konnten wir 2017 nicht begraben. Die wirklichen Höhepunkte aber gab es bei den Streamingdiensten.

Von Johanna Lemke

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Neue Wege im Fernsehen: Die ARD produzierte zusammen mit dem Bezahlsender Sky die Serie „Babylon Berlin“, in der Liv Lisa Fries  als Gelegenheitsprostituierte Charlotte Ritter Kommissar Gereon Rath bei seinen Ermittlungen beisteht.
Neue Wege im Fernsehen: Die ARD produzierte zusammen mit dem Bezahlsender Sky die Serie „Babylon Berlin“, in der Liv Lisa Fries als Gelegenheitsprostituierte Charlotte Ritter Kommissar Gereon Rath bei seinen Ermittlungen beisteht.

© ARD

 Louis Hofmann wiederum spielt in „Dark“ mit, der ersten deutschen Netflix-Serie.
Louis Hofmann wiederum spielt in „Dark“ mit, der ersten deutschen Netflix-Serie.

© dpa/Netflix

Ein Junge verschwindet. Eine Stadt ist in Aufruhr. Eine Leiche wird gefunden. Doch es ist nicht der vermisste Junge. Sondern ein anderes Kind, gekleidet in Klamotten aus den 80er-Jahren. Ein Wettlauf beginnt, mit der Zeit, die sich nicht mehr an die Regeln hält, mit dem Direktor eines Atomkraftwerkes, mit dem Vergessen.

„Dark“ heißt die erste Produktion des Streaminganbieters Netflix, die komplett in Deutschland produziert wurde. Was sie von anderen deutschen Serien unterscheidet, ist vor allem, dass sie so undeutsch daherkommt. Keine bekannten Bauwerke, keine Ortsnamen sind zu erkennen, den bedrohlich-dunklen Wald könnte es so auch in Norwegen geben. Anders als alles, was man aus dem deutschen Fernsehen kennt, ist vor allem die Erzählweise: Es fehlen logische Anschlussschnitte, Bilder stehen manchmal unerträglich lange oder werden radikal verwirrend geschnitten. Die Geschichte hat eine deftige Prise Horror, die Cliffhanger sind fies, man muss dranbleiben, um jeden Preis. Wie es sich für eine gute Serie gehört.

Aufsehen erregt man im Jahr 2017 eben nicht mehr mit großen Fernsehfilmen oder albernen Shows, sondern mit aufwendig produzierten Serien. Nicht die Schlagerabende sind es, die aus diesem TV-Jahr im Gedächtnis bleiben, nicht die immergleichen Familienfilme, nicht die Soaps auf den Privaten. Beim „Tatort“ halbierte sich nicht nur die Zahl der Leichen, es erlahmten auch die Hoffnung machenden Neuerungen wie das Dresdner Ermittlerteam, auch die Weimarer Zoten erschöpfen sich mit der Zeit. Dazu die dreißigste Auflage „Schlag den Irgendwen“, Reality Soaps, deren Realitätsbezug so sehr Fake ist wie die angeblich echten Darsteller – es verwundert nicht, dass sich immer mehr Menschen entscheiden, den Kabelstecker zu ziehen. Sie steigen um auf digitale Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime oder Sky, die „Tagesschau“ bekommt man ja auch über die App auf dem Handy.

„Game of Thrones“ als Maßstab

Weil man mit ein paar Jahren Verspätung bei ARD und ZDF die Spatzen von den Dächern pfeifen hörte, versuchten sich 2017 auch die Öffentlich-Rechtlichen an Serien. Sie floppten zum Teil herzzerreißend. Die ambitionierte Journalistinnen-Serie „Zara“ versuchte, den Sexismus der 70er-Jahre darzustellen, und verstrickte sich in Herrenwitzklischees. „Das Pubertier“ kommt über Abgenudeltes nicht hinaus. Das Erste machte, natürlich, Sozialkritik: In der Serie „Das Verschwinden“ sucht eine Mutter ihre Tochter im Meth-Milieu. „Breaking Bad“ in Nordbayern also, leider so zahnlos erzählt, dass es keinen Grund gab, über Folge drei hinaus weiterzuschauen.

Den größten Coup landete die ARD dann tatsächlich erst mit einer Koproduktion mit dem kräftig mitfinanzierenden Bezahlsender Sky: „Babylon Berlin“, gedreht von Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries, lief auch zuerst auf Sky, um die investierten Kosten wiedereinzuspielen. 2018 kommt die Serie ins Erste. Es ist die Verfilmung des Krimi-Bestsellers „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher, eine hochkomplexe Geschichte über politische Intrigen, Korruption und moralischen Verfall im Berlin der späten Zwanziger. Eine Pioniertat im deutschen Fernsehen, das damit stilistisch und erzählerisch den Vorsprung der amerikanischen Serien zumindest verkleinern konnte.

Die Latte ist insgeheim immer noch „Game of Thrones“, die Fantasy-Saga vom Bezahlsender HBO. Laut Roy Price, Chef der Filmstudios bei Amazon Prime, ist „Game of Thrones“ für das Fernsehen heute das, was „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ für das Kino der 1970er-Jahre war. Alle Film- und Fernsehmacher bei Netflix und Co wollen an diesen Erfolg ran und produzieren im Akkord „Originals“, also selbst produzierte Inhalte auf Kino-Niveau – so wie „Babylon Berlin“.

Die Augen sind also weiterhin auf die Streamingdienste gerichtet. Satte 250 Millionen Stunden an Filmen und Serien sahen allein Netflix-Nutzer weltweit an einem einzigen Tag im Januar 2017. Es sieht danach aus, als könnte das Unternehmen diese Marke 2018 erneut knacken: Netflix will rund 6,7 Milliarden Euro ausgeben und bald die Hälfte seiner Inhalte selbst produzieren. Rund 30 neue Anime-Serien und 80 Netflix-Filme sollen 2018 erscheinen.

Auch Amazon Prime rotiert, um sich vom Branchenprimus Netflix nicht abhängen zu lassen. Im September waren weltweit knapp 70 Serien und 20 Filme für Amazon in Produktion, auf dem Weg dorthin oder in den letzten Zügen. Und auch Disney will dranbleiben: Der Konzern will 2018 im eigenen Streaming-Dienst nicht nur Produktionen der Pixar-Tochter exklusiv anbieten, sondern auch Kronjuwelen aus der Comicwelt von Marvel und dem „Star Wars“-Universum. (mit dpa)

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