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Mittwoch, 14.02.2018

Frauen sind die besseren Mopsversteher

Elke Heidenreich schenkt sich zum 75. Geburtstag ihre eigenen Texte, aber nicht zum Lesen.

Von Karin Großmann

„Die Liebe ist allemal stärker als die Literatur, aber die Liebe in der Literatur ist oft schöner als die im Leben – denn sie lässt uns die Illusion“, meint die Autorin und Kritikerin Elke Heidenreich.
„Die Liebe ist allemal stärker als die Literatur, aber die Liebe in der Literatur ist oft schöner als die im Leben – denn sie lässt uns die Illusion“, meint die Autorin und Kritikerin Elke Heidenreich.

© Intertopics

Wenn der Freund nebenan im Bett schnarcht, kommt sie auf mörderische Gedanken. Doch wenn der Mops schnarcht, finden sie das ganz süß. Der Mops ist ein lackschwarzes Tier und hört, falls er hört, auf den Namen Don Vito. Die Autorin Elke Heidenreich gesteht gern, dass sie ihn unkritisch und abgöttisch liebt. Denn ein Hund, sagt sie, übertrifft einen Ehepartner bei Weitem. Er mäkelt nie am Essen, das sie gekocht hat, erzählt nie Motorradrennengeschichten, die sie nicht interessieren, und er sagt ihr nie, dass er ihre Tigerhosen nicht mag. Der Mops hat einen einzigen Nachteil: Er kann nicht Klavier spielen. Das wird wohl auch nichts mehr, denn die erzieherische Dressur lehnt Elke Heidenreich ab. „Ich bin mehr fürs Glück.“

Dieser Satz klingt wie ein Lebensmotto und wie trotzige Selbstbehauptung. Nach Glück sah es lange nicht aus. Elke Heidenreich, die am Donnerstag 75 wird, wuchs als Arbeiterkind im Ruhrgebiet auf. Da wurde gezankt und geschubst, die Eltern trennten sich, und das Geld war knapp. Mit 15 Jahren kam sie als Pflegling zu einer Pfarrerfamilie nach Bonn und konnte Abitur machen. Das Verhältnis zur freudlosen, strengen Mutter blieb lange schwierig. In ihren Geschichten hat Elke Heidenreich später davon erzählt.

Lesen ist wie Atmen und Lieben

Fünf Jahrzehnte lang hat sie emsig geschrieben: Romane, Erzählungen, Zeitungskolumnen, Buchkritiken und Operntexte. Noch mehr hat sie gelesen. Diese Passion wurde ihr zur Mission in der Sendung „Lesen!“, die reichlich fünf Jahre lang beim ZDF lief. Die Ansteckungsgefahr war beträchtlich. Denn Elke Heidenreich kann begeistern mit ihrer Begeisterung. Seit Jahren diskutiert sie mit Kollegen im Schweizer Literaturclub beim SRF1. Einen bösen Verriss findet man bei ihr kaum, obwohl sie für feine ironische Boshaftigkeiten zu haben ist. Doch für schlechte Bücher, sagt sie, ist das Leben einfach zu kurz. Die Zeit läuft einem ohnehin weg. Diesen Druck lässt sie als Grund für Buchabstinenz nicht gelten. „Haben wir zum Lieben auch keine Zeit?“, fragte Elke Heidenreich in ihrer Dresdner Rede 2008 und gab gleich die Antwort: „Das ergibt sich, wie das Atmen, und so ergibt sich auch das Lesen, weil man es lebensnotwendig braucht. Wer das nicht fühlt, ist für die Bücher verloren.“

Neben den Büchern gehört ihre Liebe der Musik. Für eine besondere Opernaufführung reist sie schon mal quer durch das Land. Umso mehr erstaunt es, dass die Musik in der jüngsten Veröffentlichung fehlt. Die Autorin schenkt sich zum Geburtstag das Hörbuch „Frauen und Leidenschaften“. Sie liest Texte, die irgendwo verstreut als Vorwort oder Nachwort stehen und die bisher auch nicht zu hören waren. Frauen, erfährt man hier, sind nicht nur die besseren Mopsversteher. Sie können auch sonst vieles besser als Männer.

Es ist höchst aufschlussreich, wie Elke Heidenreich die Beschreibung weiblicher Leidenschaften mit ihren eigenen Ansichten und mit der Kulturgeschichte verbindet. Wenn sie zum Beispiel über das Verhältnis von Frauen und Rosen nachdenkt, kommt sie vom Hölzchen aufs Stöckchen, von kandierten Rosenblättern zur christlichen Dornenkrone und weiter zum Rosenkavalier von Richard Strauss. Spielend leicht verbindet sie das märchenhafte Dornröschen mit dem Nachkriegsdichter Gottfried Benn, der besonders viel Rosenlyrik verfasste. Sie nimmt die Königin der Blumen auch dann in Schutz, wenn sie Heidi Klum heißt. Denn dafür können sie ja nichts.

Elke Heidenreich: Frauen und Leidenschaften.

Random House Audio, 1 CD

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