• Einstellungen
Mittwoch, 03.01.2018

Etwas fehlt hier

Das Buch hat es immer schwerer – doch ganz hoffnungslos ist die Lage 2018 nicht. Aller guten Gründe sind drei.

Von Karin Großmann

Das ist schon seltsam. Fast zwei Drittel aller Deutschen fanden unter dem Weihnachtsbaum ein Buch. In den meisten Fällen war es ein Exemplar mit echten Seiten zum Blättern. Dabei sind wir doch gerade dabei, uns das Buchlesen abzugewöhnen. In der Liste der liebsten Freizeitbeschäftigungen rangiert es laut Umfragen irgendwo auf dem 14. Platz, gleich nach Ausschlafen und Kuchenessen. Wer nicht krümelt, kann notfalls das eine mit dem anderen verbinden. Kuchenbackbücher als Einschlafhilfe wären eine Alternative. Doch auch sie werden die Lage nicht retten, obwohl die Verlage immer neue Ideen anrühren. Launig servieren sie Leckeres für den „Naschbrettbauch“ und versprechen das Glück in vier Tagen beim Sauerteig. Niemand weiß, was backstage passiert.

Auf dem Buchmarkt passiert ein Stirnerunzeln. Die Sorgenfalten sind allzu berechtigt. Die Zahl der Buchkäufer sank von 2010 bis 2017 um sieben Millionen. So fing es bei der Schallplatte auch an. Der Rückgang hat nichts mit dem Inhalt zu tun und auch nichts mit dem Preis. Die Gründe liegen zum einen auf der Straße. Wenn die Innenstädte veröden und die Kundenzahl insgesamt sinkt, kommen auch weniger Leute bloß mal so bei Büchern vorbei und lassen sich womöglich verführen. Vorausgesetzt, ein Buchladen kann sich den Mietpreis für eine zentrale Lage überhaupt leisten.

Andere Gründe liegen bei uns, der werten Leserschaft. Das Bildungsbürgertum schwächelt. Die japanischen Messer im Küchenblock sind mehr Statussymbol als ein gut gefülltes Romanregal. Die Leser von gestern greifen heute lieber zu einem Medium, das weniger Konzentration verlangt und mehr Kommunikation ermöglicht. Schon die Jüngsten werden von den Knopfdrückern weggefangen. Nur Greg und das Sams, Cornelia Funke und Andreas Steinhöfel garantieren hohe Auflagen von Drucksachen. Dabei wünschen sich Bücher nichts lieber, als von Kinderhänden angefasst, gelesen und geliebt zu werden!

Das behauptet Cornelia Funke: „Das Buch, das niemand las“ kommt Ende Januar heraus. Damit fängt das neue Jahr so gut an, wie das alte aufgehört hat. Starke Erzähler versammelten sich zum Endspurt: Juli Zeh mit „Leere Herzen“, Robert Menasse mit „Die Hauptstadt“ und Ingo Schulze mit „Peter Holtz“. Wer aber nur Lust und Zeit aufbringen kann für ein einziges Buch, greife zu Daniel Kehlmanns Eulenspiegel-Roman „Tyll“. Es ist ein starkes Stück Literatur über den Dreißigjährigen Krieg und zeigt, welche Verheerungen Politik und Religion anrichten können. Das Frappierende ist, dass man die Gegenwart mitliest – obwohl der Autor auf vordergründige Zeitbezüge verzichtet. Das Erfolgsrezept scheint ganz einfach zu sein: Ein sehr genaues Gespür für die Gegenwart muss sich mit großer Erzählkunst verbinden.

Dafür stehen auch die Altmeister der Literatur, die in diesem Frühjahr alle noch einmal antreten. Martin Walser schreibt eine weitere Variation auf das Liebesleid am Lebensende. Diesmal richtet er Selbstgespräche an eine unbekannte Frau. Er schickt sie nicht per Brief oder Mail, sondern schreibt sie in einen Blog: Vielleicht wird es ja doch jemand lesen. „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ erscheint im April. Bernhard Schlink hat für die Angebetete immerhin einen Namen: Olga. So heißt sein Roman, der demnächst herauskommt. Auch Botho Strauß, Hans Magnus Enzensberger und Friedrich Christian Delius legen frische Bücher vor. Aus dem Nachlass von Peter Härtling erscheint ein Band über Alter, Freundschaft und Einsamkeit. Der Titel „Gedankenspieler“ kann gut für alle gelten.

Den Glamourfaktor liefert Tom Hanks. Der Oscar-Preisträger gibt sein Debüt als Schriftsteller. Hobbyastronauten, Heimwerker, Schauspielanfänger und andere Figuren bewohnen sein erstes Buch. Und alle ähneln sie Forrest Gump auf einer einsamen Bank an der Bushaltestelle. Der Piper Verlag bringt den Band „Schräge Typen“ heraus. Da dürfte Heinrich Steinfest mit seinem Roman „Die Büglerin“ mithalten können. Eine Schneiderin ist es bei Elena Ferrante. Es ist ihre Mutter. Sie benutzte das Wort Frantumaglia für einen Haufen verfitzter Fäden. Die rätselhafte Autorin setzt dieses Wort über ihre Lebensbeschreibung. Sie erzählt von der Kindheit, erörtert Frauenfragen und zitiert aus Interviews – ohne wirklich ihre Identität zu offenbaren. Der vierte Band Elena Ferrantes „Neapolitanischer Saga“ versucht, die Fäden aus Herz, Schmerz, Treue, Freundschaft und Rivalität zu verbinden. Schneidertöchter sollen geschickt darin sein. Bei Suhrkamp greift die Chefin sogar selbst zum Nähzeug: Ulla Berkéwicz lädt im Prosatext „Über die Schrift hinaus“ zum Höhenflug der Fantasie ein.

Sollte all das Geschichtenerfinden und Weltverzaubern erfolglos sein? Dann hilft wohl nur noch harsche Politprominenz. Die Sozialdemokraten haben es heuer besonders nötig. Sie mobilisieren das Ehemaligenlager mit Klaus Wowereit an der Spitze. Als er noch Regierender Bürgermeister von Berlin war, verursachte er manche schillernde Schlagzeile. Daran erinnert er im Band „Berlin, die Politik und ich“, der im April auf den Markt kommt. Neben solche private Betrachtung setzt Peer Steinbrück im März die prinzipielle Analyse mit dem programmatischen Titel „Das Elend der Sozialdemokratie“. Frank-Walter Steinmeier findet das Elend gar nicht so groß. Er erinnert sich jedenfalls gern an seine Zeit als Außenminister. Sein „Flugschreiber“ eröffnet die Reihe politischer Memorabilien.

Dann doch lieber „Landfrauen Backen von A bis Z“, oder?

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Ihr Kommentar zum Artikel

    Bitte füllen Sie alle Felder aus.

    Verbleibende Zeichen: 1000
    Text Bitte geben Sie die abgebildete Zeichenfolge ein