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Donnerstag, 28.12.2017 Rückblick 2017

Es lohnt sich zu streiten

Viele Museen beklagen einen Besucherrückgang. Doch die Debatten zeigen: Kunst gehört zum Leben vieler Menschen.

Von Birgit Grimm

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Blick auf den Neumarkt, wo im Februar Manaf Halbounis „Monument“ errichtet wurde.
Blick auf den Neumarkt, wo im Februar Manaf Halbounis „Monument“ errichtet wurde.

© Robert Michael

Noch nirgendwo spürte Marion Ackermann diese starke Verbundenheit der Menschen mit der Kunst und den Museen wie in Dresden. Vor gut einem Jahr übernahm sie die Leitung der Staatlichen Kunstsammlungen, ging ohne Umwege aufs Publikum und auf einige Künstler zu und wurde doch mitten hineingeworfen in hitzige Debatten. Die Dresdner überraschten die neue „Generalin“ mit Vehemenz.

Es begann im Februar, als zeitgleich zwei politisch brisante Installationen auf zwei prominenten Plätzen in Dresden das Debattenfeuer schürten: Eine Installation auf dem Theaterplatz an der Semperoper zeigte Fotos von Gräbern auf Lampedusa, in denen Menschen bestattet wurden, die auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen waren. An der Frauenkirche hatte der Deutschsyrer Manaf Halbouni sein „Monument“ aufbauen lassen, drei hochkant stehende Busse, wie sie im syrischen Aleppo Einwohnern als Barrikade dienten. Es war ein starkes Bild, das der junge Künstler, der in Damaskus und in Dresden Bildhauerei studierte, ausgerechnet im Februar heraufbeschwor, jenem Monat, in dem Dresden 1945 zerstört wurde.

Zwei Ordner sind jetzt angefüllt mit Pressetexten, die über Manaf Halbounis Großprojekt „Monument“ geschrieben wurden, und mit Briefen, die besorgte Bürger an die Stadtverwaltung schickten. Ungezählt sind die Mails, die der Künstler bekam, nachdem er im Februar drei Busse hochkant an der Dresdner Frauenkirche aufstellen ließ. Manche dieser Mails sind so hasserfüllt wie das Geschrei einiger weniger bei der Eröffnung. Ein Film von Oscar HR dokumentiert die Erregung und die verbalen Angriffe. Halbouni setzte sich in Dresden mutig und clever zur Wehr.



Im November am Brandenburger Tor in Berlin führte er freundliche Gespräche, erklärte seine Intentionen, traf positiv gestimmte Menschen. Der zweite große Auftritt seines „Monuments“ kam auf Initiative des Maxim-Gorki-Theaters zustande und unterschied sich komplett vom ersten. Dresden und Berlin waren schon immer sehr verschieden und sind es jetzt mehr denn je. Daran konnte auch erneute Netz-Hetze nichts ändern. Erneut wurde im November versucht, das „Monument“ von einem Antikriegsmahnmal in „Terror-Busse“ umzudeuten. Mancher wollte sich genau davon persönlich überzeugen und ließ sich dann doch gern eines Besseren belehren. Wie ein Pärchen aus Köpenick. „Am Anfang waren die beiden direkt ablehnend, aber als sie sich von mir verabschiedeten, hatte ich den Eindruck, dass sie begeistert sind. Sie ließen sich sogar mit mir fotografieren. Das war mein Highlight des Tages“, sagt er. Am Abend hielten nacheinander drei türkische Hochzeitsgesellschaften am Brandenburger Tor, wollten sich dort fotografieren lassen, waren von den Bussen überrascht. „Sie haben getanzt und Musik gemacht, fotografiert und sind weitergezogen. „Das fand ich sehr schön.“

Manaf Halbouni wünscht sich, dass seine Busse auch in Dresdens Partnerstadt Coventry gezeigt werden. Im Gespräch ist er mit Rotterdam, und das Kunsthaus Dresden, das die Aktion begleitete, bekam eine Anfrage aus Polen. „Erfolg ist relativ, aber es war ein aufregendes Jahr“, resümiert Halbouni, der schon an neuen Projekten arbeitet. 2018 stellt er fünf Autowracks in die europäische Kulturhauptstadt Valletta. Sein Thema auf Malta: die Gentrifizierung. Drei Autos kann man als Schlafplatz mieten, in zweien Bücher ausleihen und lesen. „Im öffentlichen Raum zu arbeiten, macht mir am meisten Spaß. Jetzt schaue ich anders auf die Menschen“, sagt der 31-Jährige. „Ich habe die Kontrolle über das Monument abgegeben, bin nicht mehr derjenige, der die Kunst macht. Das haben die Leute übernommen. Es geht nicht mehr um die Busse, es geht darum, wie die Menschen darüber diskutieren.“

Gesprächsbedarf gab es in Dresden in diesem Jahr jede Menge in Sachen Kunst. Zum Beispiel in der Annenkirche, für die die südafrikanische Künstlerin Marlene Dumas ein neues Altarbild schuf. Zum Beispiel über das nach Halbounis "Monument" auf dem Neumarkt aufgestellte „Denkmal für den permanenten Neuanfang“. Sogar an diesem Leichtgewicht, das man leicht übersieht, erhitzte sich eine Debatte. Zum Beispiel über die Ostrale, die sich 2018 ebenfalls in Valletta präsentiert und für 2019 noch keinen Platz in Dresden fand. Und auch über das Albertinum und den Umgang mit dessen Kunstbestand aus der Zeit der DDR. Diese Debatte begann kurz vor der Bundestagswahl mit einem kritischen Statement des Experten Paul Kaiser in der Sächsischen Zeitung. Sie traf den Nerv der Zeit. Sie zeigt, wie groß das Nichtwissen auf der einen und wie tief die Verletzung auf der anderen Seite noch ist, fast 30 Jahre nach der Wende. Sie zeigt aber auch, dass Kunst zum Leben vieler Menschen gehört und dass es sich lohnt, darüber zu streiten.


Rückblick: Bei der Eröffnung des "Monuments" am 7. Februar versuchten sich SPD-Landespolitiker mit aufgebrachten Demonstranten zu unterhalten. Es blieb beim Versuch, wie dieses Video zeigt. Darin ist Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig im "Gespräch" mit einer Bürgerin zu sehen:

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Leser-Kommentare

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Insgesamt 16 Kommentare

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  1. entejens

    "Es lohnt sich zu streiten" - vollkommen richtig. Kunst (egal ob Musik, Malerei, ...), über die nicht diskutiert wird, braucht niemand, denn sie ist langweilig. Allerdings haben auch die Medien ihren Anteil an mancher Meinungsbildung - z. B. das Foto von den Bussen an der Frauenkirche. Die gewählte Perspektive vermittelt das Bild von Bussen, die fast so hoch sind wie die Frauenkirche - das war nicht selten ein Ablehnungsgrund (selbst mehrfach erlebt), der noch viel seltener durch eigene Inaugescheinnahme korrigiert werden konnte. Mit einer anderen Perspektive (wie z. B. hier http://static.art-magazin.de/bilder/c4/c4/45580/article_image_big/david-brandt-20170207-khd-halbouni-monument-3555.jpg ) kann man eine deutlich realistischere Wahrnehmung präsentieren und damit zumindest dieses Argument vermeiden.

  2. VETO

    Das alles hat mit Kunst überhaupt nichts zu tun. Das ist nur üble parteipolitsch gefärbte Propaganda!!!

  3. Freitag

    Eigentlich ein ganz gut geschriebener Artikel und wenn ich zwischen den Zeilen lesen will und kann, dann beantwortet er auch die Frage zur Definition der Rolle der Kunst in der derzeitigen Gesellschaft. Ganz sicher ist es ein Irrweg, die Kunst in gute und dunkle, böse Kunst einzuteilen, je nachdem, wer sie schuf oder präsentiert. Will sagen, manchmal scheint es so, als ob ein arabischer Name reicht, um Kunst von Müll zu trennen, reicht es vielleicht, wenn eine Frau als Künstlerin von ihren Geschlechtsgenossinnnen gefördert wird, möglicherweise mit einem Projekt, für was deren männnlicher Vertreter bestenfalls ausgelacht werden würde, wenn er Glück hat. Damit sage ich, wenn der Staat in die Förderung der Kunst in einer so dominanten Weise eingreift , dann sollte sich niemand wundern, wenn die Kunst immer Merkel’ scher und staatstragender wird. Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe. So ist das eben, noch dazu, wenn es um soviel Geld geht.

  4. Biker

    Was ist bitteschön an den drei Schrottbussen Kunst?

  5. 61ziger

    Wenn man dieses Gebilde schon Kunst nennt:Dann sollte man aber auch das Schießgebilde mit Panzern und Granaten abbilden.Die dieses Werk der Zerstörung und des Leides entstehen ließ.Und genau die Hersteller benennen dieses Grauen erschufen mit deren Dividentenaktien.Aber so ist dies doch nur eine Typische Einheitsparteien Propaganda.Und dann regt sich die Prominenz auf wenn es Gegenwind gibt.

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