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Dienstag, 21.03.2017

Eine Vision, ein Verlangen, ein Teufelspakt

Wieder zurück: Der einst in der Semperoper uraufgeführte „Doktor Faust“ wird zum Schaustück. Es schlägt den Bogen vom Mittelalter ins Heute.

Von Jens Daniel Schubert

Der Teufel ist hier in seinem Element: Mark Le Brocq gibt den Mephistopheles an der Semperoper mit hoher, charakteristischer Stimme und mit komödiantischer Gefährlichkeit.
Der Teufel ist hier in seinem Element: Mark Le Brocq gibt den Mephistopheles an der Semperoper mit hoher, charakteristischer Stimme und mit komödiantischer Gefährlichkeit.

© Jochen Quast

Faust ist gerettet. Nicht durch das Gebet der ihn trotz Verrat liebenden Frau, sondern durch sein Kind, zu dem er sich schließlich bekennt, lebt er weiter. Und durch junge Menschen, die lesen. So suggeriert es die Inszenierung von Busonis Oper „Doktor Faust“, die am Sonntag in der Semperoper Premiere feierte. So schlicht ist die Lösung am Ende. Dafür haben Faust, mit riesigem musikalisch-theatralischem Aufwand, drei Opernstunden lang Zeit und Raum heimgesucht. Er hat mit sich gerungen, wurde vom teuflischen Geist begleitet, getrieben und unterhalten. Ein Orkan an Bildern, optisch wie akustisch, ist über die Zuschauer hinweggefahren, die zum Schluss einhellig applaudierten.

Ferruccio Busoni hat „Doktor Faust“ um 1920 geschaffen. Wie bei Goethe ist die Triebfeder zum Bündnis mit Mephistopheles die Suche nach Erkenntnis. Tatsächlich strebt er aber beständig nach einer Frau, die ihn fesselt, die er besitzen, von der er geliebt werden will. Die Uraufführung erfolgte 1925 in Dresden. Seitdem war das Stück hier nicht mehr gespielt worden.

Nun: In einer Säulenhalle versucht Faust vergeblich, allerlei Erscheinungen zu begreifen. Die Halle wird zur Studierstube, Faust erhält das magische Buch, dessen wahrer Kern ein Laptop ist, dem letztlich Mephistopheles entspringt – mit dem verbündet sich Faust. In diese Säulenhalle hinein kommen nun die Versatzstücke der Stationen seiner Reise durch Raum und Zeit. Da ist die Kirche, in der Gretchens Bruder gemordet wird. Als Freitreppe erscheint der Herzogpalast von Parma, aus dem er die Braut verführt. Großes Fenster und lange Tafel stehen für den Weinkeller, in dem sich Altgläubige und Lutheraner, hier Sakkoträger und kiffende Blumenkinder, in die Haare geraten. Hier hat er die unerreichbare Vision der Schönen Helena.

Dann die Todesvision, in der eine Bettlerin ihm sein Kind, sei es das von Gretchen oder das der Herzogin oder von welcher Frau auch immer, zurückbringt. Ihm überträgt Faust seinen Willen. Diese rührende Szene mit dem Bündel Kind kommt vollkommen überraschend für diesen egomanischen Antihelden, der Faust bis dahin gewesen ist. Busoni hat die bruchstückhafte, sprunghaft-assoziative Geschichte in drei Bilder, zwei Vorspiele und ein Intermezzo gefasst. Dazwischen stellt er nochmals weit ausgreifende musikalische Zwischenspiele. Er zitiert und hebt mit gutem Gespür für Effekte alles auf, was die Opernmusik bis in die Goldenen Zwanziger erfunden hat. Dabei bleibt seine Musik eingängig und vermeidet provokante Hässlichkeit.

Regisseur Keith Warner, schon mehrfach in Dresden mit anderen Faust-Stoffen höchst erfolgreich, versucht in seiner Inszenierung nicht, die Geschichte zugänglicher, verständlicher und logischer zu machen. Er erfindet im Gegenteil unzählige Ebenen von Assoziationen und zeitgeschichtlichen Figuren hinzu. Damit wird die Faust-Geschichte endgültig zur Metapher des menschlichen Strebens nach Grenzüberwindung. Dabei kommen diese Verweise auf das Mögliche meist von Mephistopheles. Faust hingegen lockt das ewig Weibliche. Tilo Steffens Bühne und die Kostüme von Julia Müer sind die aufwendige theatralische Illustration der Geschichte. Mehr als 20 Sänger gestalten über 30 Rollen, dazu kommen eine sechsköpfige Tänzergruppe, der verstärkte Staatsopernchor sowie eine große Schar Komparsen.

Die Opulenz der szenischen Darstellung entspricht der musikalischen Vorgabe. Staatskapelle, Chor und Solisten auf, hinter, über und unter der Bühne setzen das, umsichtig geleitet von Tomáš Netopil, eindrücklich um. Nicht durchweg hat die Musik mitreißende Stringenz. Aber es gab sehr berührende Stellen, raffinierte Arrangements und überwältigende Steigerungen. Unter der Vielzahl beeindruckender Sängerleistungen sind die Hauptpartien hervorzuheben. Manuela Uhl setzt als Liebesvision des Faust wichtige Akzente.

Mark Le Brocq gibt den Mephistopheles mit hoher, charakteristischer Stimme und tänzerisch-komödiantischer Gefährlichkeit. Lester Lynch in der Titelrolle leistet Unglaubliches. Er ist immer hoch präsent, gibt dem von Selbstzweifeln gequälten, suchenden Wissenschaftler wie dem genießenden, rücksichtslosen Mann eindrucksvoll Stimme und Gestalt. Faust ist gerettet, die Menschheit hat noch Hoffnung. Auch wenn man nicht alles versteht, ist das Erlebnis beeindruckend.

Wieder am 20., 23. April und 7. Mai;

Kartentelefon: 0351 4911705

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