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Montag, 19.06.2017 Der Krimi am Sonntag

Eine Stadt im Rausch

Im Kieler „Tatort“ sind alle irgendwie auf Droge und ringen dabei um Normalität.

Von Kevin Schwarzbach

Einer von Tausenden Vergessenen: Roman Eggers (Misel Maticevic) lebt auf der Straße. Im „Tatort“ versucht er verzweifelt, zurück in die Gesellschaft zu finden.
Einer von Tausenden Vergessenen: Roman Eggers (Misel Maticevic) lebt auf der Straße. Im „Tatort“ versucht er verzweifelt, zurück in die Gesellschaft zu finden.

© NDR/Christine Schroeder

An Rauschmitteln wurde hier nicht gespart, dem letzten „Tatort“ vor der Sommerpause gibt die ARD noch einmal die volle Dröhnung. In „Borowski und das Fest des Nordens“ sehen die Zuschauer überforderte Kommissare, die statt zu ermitteln lieber ihre Sorgen auf der Kieler Woche in Unmengen Rotwein ertränken oder ihnen mit Tabletten zu Leibe rücken, und erleben bekiffte Dealer, die statt einzugreifen interessiert einen Mord beobachten. Ganz bei Sinnen scheint hier niemand, doch das Leben ist mit weichgeklopfter Gehirnmasse ohnehin besser zu ertragen. Ein Delirium kann so beseelend sein.

Aber nur, wenn man nach dem Exzess wieder in seinen gewohnten Alltag zurückkehren, seine geliebte Existenz nahtlos fortsetzen kann. Ein Wunsch, den sich Roman Eggers sicher verwirklichen würde, wenn er denn einen frei hätte. Als Einziger kommt er ohne Stimulanzien aus, ist dafür aber längst im Rausch der Gefühle. Der Mann geht auf wie ein Klappmesser, braucht nur Bruchteile eines Augenblicks, um die Wut und Verzweiflung toben zu lassen, die hinter seinem charmanten Lächeln schlummern. Zwei Menschen müssen durch seine Hand sterben – nicht weil er boshaft ist, sondern weil es ihm einfach passiert, weil er die Mitte der Gesellschaft verlassen, Frau, Beruf, Familie, Wohnung, alles verloren und den Wahnsinn auch ohne Drogen erreicht hat.

Der Mann mit den Klappmesser-Impulsen ist einer von jenen circa 340 000 Vergessenen, die laut Bundesregierung in Deutschland ohne feste Wohnung leben und sich Nacht für Nacht durch die Städte schlagen müssen. Roman Eggers ist ein Mensch, den jeder bemitleidet, aber niemand kennen will. Regisseur Jan Bonny heftet sich an seine Fersen und verfolgt seine verzweifelte Suche nach einem Weg zurück in die Gesellschaft. Auf diesem holprigen Pfad reichen eine aufdringliche Freundin und ein geschwätziger Dealer, um zwei Morde in der Vita stehen zu haben.

Mittendrin Klaus Borowski und Sarah Brandt, die in ihrem 14. und letzten gemeinsamen Fall völlig neben der Spur sind, sich in hysterischem Geschrei verlieren und mit ihren zugedröhnten Auftritten auch die Zuschauer mit in die Welt der vernebelten Sinne zerren. Wohl kaum einer mag verstehen, dass dieses vor fast zwei Jahren gedrehte Gefühlschaos an eine frühere Folge anknüpft. Verzweiflung pur, wäre da nicht die Wucht und Vehemenz, mit der Mišel Maticevic als Roman Eggers von der Tragik seiner zukunftslosen Existenz erzählt. Und die „Tatort“-Sommerpause, die genügend Zeit fürs Ausnüchtern lässt.

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