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Donnerstag, 04.01.2018

„Die Sicherung der Meinungsfreiheit ist anstrengend“

Leipzigs Buchmesse-Chef Oliver Zille erklärt im Interview, warum man rechte Verlage aushalten muss.

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Oliver Zille betreut seit 1991 die Leipziger Buchmesse. Seit 2004 ist der Ökonom Direktor dieser Bücherschau.
Oliver Zille betreut seit 1991 die Leipziger Buchmesse. Seit 2004 ist der Ökonom Direktor dieser Bücherschau.

© Ronald Bonß

Pöbelei, Geschrei, Polizei – auf der Frankfurter Buchmesse hat es um den Auftritt der Neuen Rechten heftige Auseinandersetzungen gegeben. Auch auf der Leipziger Buchmesse sind Aussteller wie Compact seit Jahren vertreten. Messe-Direktor Oliver Zille erklärt im Interview, warum das auch 2018 so sein wird.

Auf der Frankfurter Buchmesse hat es im Herbst Tumulte an Ständen rechter Verlage gegeben. Wie sieht es im Frühjahr in Leipzig aus – werden wir rechte Verlage auf der Buchmesse sehen?

Ja, das werden wir. Und wir werden daran arbeiten, dass dieses Thema die Leipziger Buchmesse nicht so dominiert, dass andere Themen hinten runterfallen und dass nicht einige wenige Aussteller die Kommunikationshoheit erlangen auf der Messe.

Mit welcher Begründung lassen Sie die Auftritte rechter Verlage in Leipzig zu?

Wir lassen sie genauso zu, wie wir andere Kunden zulassen. Auch diese haben das Recht, solange ihre Publikationen mit dem Gesetz vereinbar sind, auf der Messe auszustellen. Wir haben keine Handhabe, sie von der Messe auszuschließen.

Die Leipziger Messe ist eine GmbH. Wieso muss eine Firma die Meinungsfreiheit garantieren?

Die Messe ist öffentlicher Raum. Wir sind ein öffentliches Unternehmen. Und deswegen sind wir auch ganz eng an den Artikel 5 des Grundgesetzes in Bezug auf die Meinungsfreiheit gebunden. Und die Buchmesse tritt auch qua ihres eigenen Statutes für Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit ein.

Es gibt Initiativen wie #verlagegegenrechts, die das Argument umdrehen und sagen, Meinungsfreiheit wird nicht allein dadurch gewährt, dass man rechten Scharfmachern ein Podium bietet. Was sagen Sie dazu?

Wir sind mit der Gruppe im Gespräch. Sie erkennen unsere Argumente für die Zulassung durchaus an. Gemeinsam mit diesen und anderen Partnern werden wir eine Veranstaltungsreihe initiieren, die ein anderes Menschenbild und Meinungsspektrum transportiert, nämlich das einer offenen, freien Gesellschaft. Wir halten sozusagen dagegen.

Auf der Frankfurter Buchmesse musste sogar die Polizei eingreifen. Wie wollen Sie verhindern, dass es solche Szenen auch in Leipzig gibt?

Der kommunikative Aufschwung der rechten Szene ist ein gesellschaftliches Phänomen. Das werden wir auf der Buchmesse nicht an vier Tagen lösen können. Wir sind einer der wenigen analogen Orte, wo eine Auseinandersetzung mit Rechts stattfinden kann. Das sind die Bedingungen, unter denen es die letzte Lösung, die alle zufriedenstellt, nicht geben kann.

Aber was wollen Sie tun, um Eskalationen zu verhindern?

Wir werden mit unseren Sicherheitsexperten im Einzelfall entscheiden müssen. Als Buchmesse ist es uns immer wichtig, die Meinungsfreiheit zu verteidigen. Zugleich haben wir die Sicherheit unserer Aussteller und Besucher zu gewährleisten. Diese beiden Faktoren müssen wir fallbezogen gegeneinander abwägen.

Wie viele rechte Verlage werden überhaupt auf der Messe vertreten sein?

Wir wissen es noch nicht genau, weil der Anmeldeprozess noch läuft. Ich denke, man kann von vier bis fünf Verlagen aus diesem Spektrum ausgehen.

Gilt ein spezielles Sicherheitskonzept?

Es gibt generell ein Sicherheitskonzept für die Messe, das wir jedes Jahr mit Polizei, Staatsschutz und unseren eigenen Sicherheitsleuten anpassen. Solche Szenarien – Auseinandersetzungen unterschiedlicher Meinungsspektren – werden mitbedacht.

Sie sagen, die Aufmerksamkeit für rechte Töne nimmt generell zu. Aber indem Sie den Sprechern eine Bühne bieten, wird sie ja auch nicht gerade kleiner.

Die Sicherung der Meinungsfreiheit ist eine sehr anstrengende, aber für den Bestand der Demokratie sehr wichtige Angelegenheit. Wenn es in Zukunft Zuspitzungen im politischen Spektrum gibt, so werden wir sie aushalten müssen. Wir sind diesen Umgang nicht mehr gewöhnt, weil es in den vergangenen Jahren diesbezüglich eher ruhig in der Republik war.

Wann wäre für die Messe denn eine rote Linie überschritten?

Wenn angezeigt würde, dass es Publikationen auf der Messe gibt, die nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt sind, dann werden diese Objekte von der Messe entfernt. Aber nicht unbedingt sofort der Verlag, das ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit.

Regt Sie das Thema auf?

Nein, aber es beschäftigt uns. Die Buchmesse ist immer ein Brennglas der gesellschaftlichen Entwicklung gewesen. Jetzt treten immer mehr unterschiedliche Gesellschaftsmodelle in den Fokus, darunter auch solche, die offen demokratiefeindlich sind. Die Meinungsfreiheit deckt aber auch solche Meinungsäußerungen ab. Und damit müssen wir umgehen.

Abgesehen von diesem brisanten Thema – wie entwickelt sich die Leipziger Buchmesse 2018?

Die Anmeldezahlen sind mehr als stabil. Der Kampf um Sichtbarkeit beim Leserpublikum nimmt zu. Das ist auch ein Grund dafür, dass trotz des allgemeinen Kostendrucks bei den Verlagen die Leipziger Buchmesse weiter wächst.

Das Gastland wird in diesem Jahr Rumänien sein.

Rumänien hat eine sehr spannende Literatur. Wir werden große Namen in Leipzig haben: Norman Manea, Mircea Cartarescu und die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller. Dazu kommt eine Generation jüngerer Schriftsteller, die wir der deutschsprachigen Öffentlichkeit bekannt machen wollen.

Wie entwickelt sich insgesamt der Zuspruch der ausländischen Verlage an der Buchmesse?

Ihr Anteil wächst, voriges Jahr lag er bei rund 20 Prozent. Die Attraktivität der Leipziger Buchmesse hat für sie in den vergangenen fünf Jahren erheblich zugenommen. Für Länder, für die der deutschsprachige Buchmarkt besonders relevant ist, ist Leipzig ein ausgezeichnetes Podium der Vermarktung. Die Niederlande zum Beispiel werden in diesem Jahr einen sehr großen Auftritt haben, auch andere Länder bauen ihre Präsentationen aus.

Das Interview führte Birgit Zimmermann (dpa).

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Leser-Kommentare

Insgesamt 1 Kommentar

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  1. Göhzold

    Das Problem in Frankfurt waren nicht "rechte" Verlage, sondern der Aufruf der Messeleitung, sich aktiv gegen sie zu positionieren, was dann die pöbelnden Vandalen von der Antifa auch ordnungsgemäß auf ihre Art taten. Das Interview dieser Frau Zimmermann hier umgeht diesen Fakt konsequent.

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