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Donnerstag, 10.08.2017

Die Macht der Küchenschabe

Der 30-jährige Koreaner Euiyoung Hwang hasst Partys und zeigt in Dresden ein preiswürdiges Kunstdiplom.

Von Birgit Grimm

Neunundneunzig Zeichnungen (im Hintergrund) schuf Euiyoung Hwang, als würde er Tagebuch schreiben: an 99 Abenden, jeweils ab 22 Uhr. Der Künstler stammt aus Seoul. Er kam nach Dresden, um ausschließlich zu arbeiten. Das Ergebnis – seine Diplomarbeit an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste – begeisterte gleich zwei Jurys.
Neunundneunzig Zeichnungen (im Hintergrund) schuf Euiyoung Hwang, als würde er Tagebuch schreiben: an 99 Abenden, jeweils ab 22 Uhr. Der Künstler stammt aus Seoul. Er kam nach Dresden, um ausschließlich zu arbeiten. Das Ergebnis – seine Diplomarbeit an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste – begeisterte gleich zwei Jurys.

© Thomas Kretschel

Fünf Jahre lang war er morgens der Erste im Atelier der Hochschule und abends derjenige, der das Licht löschte. Tag für Tag. Mit einer Ernsthaftigkeit, die auf Partys sowieso nicht ankommt, machte sich Eui-young Hwang ans Werk. Sein Ziel war das Diplom. Vielleicht auch das Oktogon der Dresdner Hochschule für Bildende Künste (HfBK). In der ehemaligen Bibliothek richtete er eine Installation ein, wie man sie an der Akademie noch nicht gesehen hat. Jede der versammelten Arbeiten für sich wäre diplomwürdig: Die 99 tagebuchartigen Zeichnungen, mit denen er in Hanne-Darboven-Manier eine Wand tapeziert hat. Die anderen elf Zeichnungen mit dem gefräßigen Wesen. Die drei galaktischen Insekten, die zu viele Beine haben und denen dennoch eins zu fehlen scheint. Zwei Videos. Das wunderschöne, ebenmäßig rotglänzende Holzobjekt. Schließlich diese auf drei Beinen kniende Figur, bei deren vordergründiger Betrachtung ein Mann blöd grinst und zum anderen sagt: „Nicht neidisch werden!“ Über die Hinter- und Tiefgründigkeit nicht nur dieser Figur, sondern dieser komplexen Arbeit lässt sich diskutieren. Wann sieht man die Wirklichkeit? Sieht man, was man dafür hält? Oder sieht man nur das, was man sehen will?

Man sieht Kakerlaken. Ein weltweites Problem. Drei silbergraue Exemplare stehen angriffslustig auf dem Boden herum. Als wollten sie verlorenes Gleichgewicht wieder herstellen. Wie viele Beine braucht die Küchenschabe, die im wahren Leben sechs hat, aber hier vier auf einer Seite und zwei auf der anderen? Sind die beiden anderen Kunst-Insekten besser dran mit ihren neun Beinen, fünf hier, vier auf der anderen Seite? Welche Art glotzt uns da an? Deutsch? Orientalisch? Amerikanisch?

Immer den Professor im Kopf

Euiyoung Hwang spricht leise und bestimmt, schließlich referiert er ein lebenswichtiges Thema. Aber er missioniert nicht. Dieser junge Mann muss tun, was er tun muss. Ob es ihm wichtig ist, dass andere ihm Beifall klatschen, zeigt er nicht. Für seine Diplomarbeit jedenfalls wurde er gleich doppelt ausgezeichnet: Er bekam den Diplom-Preis des Freundeskreises der HfBK in Höhe von 1 500 Euro. Außerdem wurde ihm das Sächsische Landesgraduiertenstipendium zugesprochen, das dem künftigen Meisterschüler für zwei Jahre 895 Euro monatlich gewährt.

Lange hat der aus Seoul stammende junge Mann nach dem richtigen Studium gesucht. Nach dem Kunstgymnasium schrieb er sich für Kommunikationsdesign ein. „Aber ich habe kaum eine Lehrveranstaltung besucht, ich war nicht motiviert und ich wusste eigentlich nicht, was ich tun soll“, erzählt er. England oder Italien? Modedesign oder doch Theaterausstattung in Prag? „Irgendwann habe ich gemerkt, dass das alles für mich nicht passt.“ Freier Künstler wollte er sein. Er lernte Deutsch und bewarb sich an den Akademien in Düsseldorf und Dresden. „Düsseldorf ist Bühne. Ich wollte entweder auf einer großen Bühne starten oder in aller Ruhe arbeiten.“

Die Entscheidung für Dresden war goldrichtig: „Hier ist es ruhig, die Stadt ist schön, eigentlich gemütlich. Ich kann ungestört und konzentriert arbeiten.“ Seinem Professor, dem Bildhauer Wilhelm Mundt, ist Hwang dankbar, dass er ihn nicht in eine bestimmte Richtung lenkte. „Er hat mich reflektiert, wie ich bin, von Anfang an. Ich musste keine Maske aufsetzen.“ Korrekturen hat er ihm schon gegeben. „Er war immer in meinem Kopf drin, auch wenn er längere Zeit nichts zu meiner Arbeit gesagt hat.“ Mundt schickt seine Studenten natürlich auch in Ausstellungen. „Aber ich dachte immer, dass es besser ist, weiterzuarbeiten. Eine Ausstellung hätte mich nur gestört. Da meinte er, ich soll einfach nicht dran denken. Trotzdem wäre es gut, wenn ich meinen Arbeitsplatz mal aufräumen würde. So war das. Ich habe mich gut mit ihm verstanden.“

Wenn der 30-Jährige über seine Arbeit spricht, wirkt er wie ein Kind, das mit seiner Fantasie die Wirklichkeit auf eine harte Probe stellt. Doch es geht nicht um Fantasie. Es geht um Wahrnehmung, ein zentrales Thema in der Kunst. „Das alles bezieht sich darauf, dass die Wirklichkeit nur so existiert, wie wir sie sehen.“

Euiyoung Hwang hat keine künstlerischen Vorbilder. Ihn beeindrucken Philosophen wie Ludwig Wittgenstein. Der hat sich in seiner logisch-philosophischen Abhandlung auch mit der Abbildtheorie der Sprache beschäftigt.

Verwundert es da noch, dass zu Hwangs Diplomarbeit auch ein Text gehört? Wer wissen will, wer diese Tilda ist, die in der 99-blättrigen Zeichenserie auftaucht, könnte diese vielen Seiten lesen, die sich als „Notizbuch“ verkleiden. Vielleicht findet er heraus, ob Tilda weiblichen Geschlechts ist oder ein undefinierbares Wesen, wie der Künstler behauptet. Näher vorstellen möchte er Tilda jedenfalls nicht. „Tilda ist etwas, das Macht hat“, verrät er nur. Die Macht, jemanden komplett zu zerstören, indem sie ihn ignoriert. Und die Macht, zu wissen, wohin es den Künstler führt in den nächsten Jahren. „Sie legt das Ziel fest. Tilda determiniert das Idealbild, das ich anstreben werde. Ich mag die Identität des Klavierspielers“, sagt er, als wäre das das Erwartbare. Und dass die Zeit nun gekommen sei, in der er sich neu in seiner Umgebung positionieren müsse. Gleich wendet er den Satz und sagt, dass er sich eine neue Umgebung suchen müsse, um sich neu zu positionieren. „So kann man sich selbst erweitern.“ Nimmt er das Stipendium an, dann wird er in Dresden bleiben, für zwei Jahre. „Man denkt eigentlich, dass man jemand ist. Aber man kann auch was anderes werden und sein. Um das herauszufinden, braucht man unterschiedliche Kontexte.“ Die findet man anderswo oder in sich selbst.

Die Möglichkeit, hier konzentriert weiterzuarbeiten, ist für Hwang bestechend. Nicht zu verachten sind die günstigen Mieten: „Da kann ich mehr Geld für meine Arbeit verwenden“, sagt er. Freilich bedeutet es nicht, dass man den Koreaner im Kino oder auf Vernissagen treffen kann. „Natürlich schaue ich Nachrichten und weiß, was draußen passiert.“ Aber sich davon ablenken zu lassen, passt nicht in seinen Plan. Tilda würde es vermutlich sowieso hassen.

Die Diplomausstellung im Oktogon, im Senatssaal und in diversen Ateliers der Hochschule für Bildende Künste Dresden ist bis zum 3. September dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Eingang am Georg-Treu-Platz.

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