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Dienstag, 14.11.2017 TV-Tipp

Die Banalität des Bösen

Eine Doku zeigt die Widersprüche in der Persönlichkeit des Naziführers Heinrich Himmler.

Von Andreas Heimann

Heinrich Himmler besucht 1942 ein Gefangenenlager. In ihrer Doku über den Naziverbrecher montiert Regisseurin Vanessa Lapa Originalmaterial zu einer überaus gelungenen Collage.
Heinrich Himmler besucht 1942 ein Gefangenenlager. In ihrer Doku über den Naziverbrecher montiert Regisseurin Vanessa Lapa Originalmaterial zu einer überaus gelungenen Collage.

© Arte

Heinrich Himmler gehörte zur ersten Reihe der Nazis. Er war neben vielem anderen „Chef der Deutschen Polizei“ und vor allem „Reichsführer SS“, verantwortlich für die Verfolgung und Ermordung von politischen Gegnern und für den Holocaust. „Der Anständige“ heißt der Film, den die in Belgien aufgewachsene und in Israel lebende Regisseurin Vanessa Lapa über ihn gedreht hat. Schon das klingt wie eine Provokation. Aber genauso hat er sich selbst gesehen: als einen, der in schwierigsten Zeiten anständig geblieben ist. Arte zeigt den ungewöhnlichen Film am Dienstag.

Ungewöhnlich aus mehreren Gründen: Einmal, weil er auf authentischem Material basiert. Vanessa Lapa lässt Schauspieler wie Sophie Rois und Tobias Moretti Passagen aus Tagebüchern, Briefen und Dokumenten von Himmler, seiner Frau Margarete, seiner Tochter Gudrun und seiner Geliebten Hedwig vorlesen. Hinzu kommen Fotos und viele historische Filmaufnahmen – von Paraden der Nazis, vom Alltag in Berlin, vom Familienleben der Himmlers in Gmund am Tegernsee oder von ausgemergelten KZ-Häftlingen. Ungewöhnlich ist zum anderen die Herkunft der Tagebücher, Briefe und Fotos: US-Soldaten, die im Mai 1945 Himmlers Haus besetzten, haben sie dort gefunden. Auf ungeklärte Weise sind sie nach Tel Aviv gekommen und blieben dort jahrzehntelang unbeachtet, bis die Filmemacherin auf Umwegen davon erfuhr. Ihr Vater habe versucht, sie zu überzeugen, etwas damit anzufangen, erzählte Lapa, als der Film 2014 bei der Berlinale gezeigt wurde. „Das hat einige Monate gedauert.“

Lapa hat den Film ihren Großeltern gewidmet, Überlebende des Holocaust. Er skizziert Himmlers Leben, der als Schulkind Nickelbrille trug, Klavier spielte und im Tagebuch festhielt, dass er mit Mutti in die heilige Messe geht. Wie ist aus diesem Durchschnittskind aus bürgerlichem Haus ein Rassenfanatiker geworden?

Zu Bildern von Himmlers Besuch im Vernichtungslager Auschwitz gehört das Zitat aus einem Brief an die Familie, in dem er sich fragt, ob er aus dem KZ wohl nach Hause telefonieren kann. Es ist dieser brutale Kontrast, der Vanessa Lapas Film so eindrücklich macht: das Nebeneinander von Massenmord und privater Idylle. (dpa)

„Der Anständige“, 20.15 Uhr, Arte

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