• Einstellungen
Montag, 19.06.2017

Das kann sich hören lassen

Die 40. Festspiele sind vorbei: Es gab neue Rekorde und magisch-schöne Musik. Es kann trotzdem noch besser werden.

Von Bernd Klempnow

Nicht zu überhören und auch gut anzuhören waren diese jungen Posaunisten beim Projekt „Klingende Stadt“ am Abschlusswochenende der Festspiele. 50 Ensembles musizierten am Sonnabendnachmittag im Zentrum, erfreuten Bürger und Gäste der Stadt. Auch solche Open-Air-Veranstaltungen, die Laien mit einbeziehen, gehören zu den Festspielen, machen das Klassikfest unverwechselbar.
Nicht zu überhören und auch gut anzuhören waren diese jungen Posaunisten beim Projekt „Klingende Stadt“ am Abschlusswochenende der Festspiele. 50 Ensembles musizierten am Sonnabendnachmittag im Zentrum, erfreuten Bürger und Gäste der Stadt. Auch solche Open-Air-Veranstaltungen, die Laien mit einbeziehen, gehören zu den Festspielen, machen das Klassikfest unverwechselbar.

© Oliver Killig

Sonnabendnachmittag in Dresden: Zehntausende Bürger und Gäste der Stadt stimmten im Sonnenschein ein, als rund 50 Ensembles im Zentrum zur „Klingenden Stadt“ einluden. Am frühen Abend dann gab es auf dem Neumarkt – wegen der Bauarbeiten an der Augustusbrücke dorthin verlegt – das traditionelle „Dresden singt & musiziert“, bei dem das Publikum Ohrwürmer von Wagner bis Verdi mitsang. Anders, aber ebenso begeisternd, am Sonntagabend im Kulturpalast: Das Festspielorchester führte mit Chor und Solisten Beethovens einzige Oper auf, die jeder Musikfreund kennt – und doch so nicht. Denn nicht „Fidelio“ erklang, sondern dessen Urfassung „Leonore“. Der Vergleich offenbarte – auch dank des Spiels auf historischen Instrumenten –, dass die Urfassung die Beethoven'sche Vision von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit idealisiert. Dies freilich tut sie mit Kraft und Poesie.

Die Veranstaltungen zum Abschluss der Festspiele sind einige der Facetten, die dieses Festival seit vier Jahrzehnten so erfolgreich machen: Musik für die Bürger und mit den Bürgern, und das immer wieder auf neue Art. Zum Jubiläum wurde das für gewöhnlich drei- bis vierwöchige Fest auf 32 Tage verlängert. 1 500 Künstler traten bei 60 Veranstaltungen in 22 Spielstätten auf: Die große Klassik etwa mit Mariinsky-Dirigent Valery Gergiev erklang in Kulturpalast und Semperoper, kleinere Formate wie Rene Jacobs B’Rock Orchestra gab es in Kirchen und Palais, Experimente und Grenzüberschreiter wie der Orgel-Rocker Cameron Carpenter waren in Party-Locations und Podien der Moderne zu erleben.

Es gab magisch schöne Konzerte wie einen Purcell-Abend mit der Sopranistin Anna Prohaska oder dem Allround-Bassbariton Bryn Terfel. Unterhaltsame Stunden boten etwa die musikalischen Lesungen mit Schauspielern wie Bill Murray oder Auftritte wie der minimalistisch-trockene des Sänger-Komödianten Max Raabe. Anrührende, überraschende Interpretationen vertrauter Werke boten Stars wie Anne-Sophie Mutter. Auch Kost, die nicht leicht ist, war zu hören: So wählte Festspiel-Intendant Jan Vogler für einen seiner Auftritte als Cellist eben nicht populäre, sich ins Ohr schmeichelnde Cello-Literatur, sondern einen zunächst recht spröden Benjamin Britten. Das ist gut, bringt dem Festival noch einmal andere Farben, weitet den Blick.

Zur Bilanz der Zahlen: Das Jubiläumsprogramm hatte rund 54 000 Besucher – 8 000 mehr als 2016, 19 000 mehr als 2015, 28 000 mehr als noch 2014. Und auch die Einnahmen aus den Kartenverkäufen stiegen in diesem Jahr um 38 Prozent auf 1,4 Millionen Euro. Unter Voglers nunmehr neunjähriger Leitung hat das Festival seit 2009 eine enorme Entwicklung genommen. Es erwirtschaftet mittlerweile mehr als die Hälfte des Etats von 4,2 Millionen selbst: Mit mehr Eigeneinnahmen und dank großzügiger Sponsoren kann sich das Festival auf dem Niveau der Champions League halten. Kein Wunder, wenn der Intendant bilanziert: „Dresden wächst rasant zur internationalen Festivalstadt. Das Festspielflair, das im Mai und Juni aus Dresden in die Welt strahlt, verleiht der Bewerbung Dresdens als Europäische Kulturhauptstadt 2025 im Sinne des diesjährigen Mottos „Licht“ Authentizität und Kraft.“

Und die Festspiele legten sich für den neuen Kulturpalast ins Zeug, der nach dem Umbau Ende April eingeweiht worden war. 15 Konzerte fanden in dem neuen Saal statt. Es zeigte sich: Er ist für Lied wie Performance, Sinfoniekonzert wie Jazz und Chanson bestens geeignet. Bryn Terfel sprach von „a wonderful hall“. Dirigent Ivor Bolton, der mit dem Festspielorchester bereits beim Eröffnungswochenende des Palastes gespielt hatte, lobte nach den jüngsten Auftritten dort: „Es  ist aufregend, in diesem wunderbaren Saal mit seiner feinen Akustik zu spielen. Dresden hat nun einen der besten Konzertsäle Europas.“

So leisteten die Festspiele in der Innen- wie Außenwirkung viel für die Stadt. Die Touristen, die stetig mehr im Festspielzeitraum kommen, erleben, dass diese Stadt nicht nur Angstmacher von Pegida beherbergt, sondern Motivation, Lebensfreude, Frische und Schwung vermitteln kann.

Dabei gibt es noch Verbesserungspotenzial. Stets ausverkauft und vor einem kenntnisreichen Publikum fanden die kleineren Formate etwa der Quartett-Konzerte statt. Ein Grund: Kammermusik und Alte Musik auf diesem Niveau, mit diesem Temperament und in dieser Vielfalt gibt es in Dresden faktisch nur während der Festspiele. Ergo: Daran festhalten.

Eine Profilschärfung und eine noch bessere Auslastung sind bei den Sinfoniekonzerten möglich. 15 Sinfonieorchester, wie diesmal, müssen es nicht sein. Da sind weniger mehr, wenn dafür nur Top-Klangkörper eingeladen werden. Und auch in der Werkauswahl ist zu prüfen, ob man dem Publikum jene Stücke anbieten muss, die Dresdner Orchester sowieso musizieren.

Das Fazit: Es war ein erfolgreicher, guter Jahrgang der Festspiele, die eine glorreiche Zukunft haben dürften. 2018 findet der dann 41. Jahrgang des Festivals vom 10. Mai bis 10. Juni statt. Im September wird das Programm vorgestellt.

Die Zeit bis zum nächsten Fest überbrücken Vogler und sein kleines Team selbst. Sie organisieren im Kulturpalast eine „Palastkonzert“-Reihe. Damit soll Dresden als Gastspielstadt für Klassikstars ganzjährig attraktiv werden. Zugleich kann sich dadurch der Palast als Konzerthaus von Güte profilieren. Vogler begrüßt ab September Künstler von Weltrang wie Daniel Barenboim, die Wiener Sängerknaben, David Garrett und Martha Argerich.

Desktopversion des Artikels

Leser-Kommentare

Insgesamt 0 Kommentare

    Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 18:00 Uhr abgegeben werden.