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Freitag, 11.08.2017

Auf dem Weg zur Lava

Vor seiner lange verkündeten „Turm“-Fortsetzung legt Uwe Tellkamp eine melancholische Novelle vor: „Die Carus-Sachen“.

Von Oliver Reinhard

Uwe Tellkamp
Uwe Tellkamp

© Christian Juppe

Große Würfe brauchen viel Anlauf. Uwe Tellkamp scheint das gewissenhaft zu beherzigen. Schon neun Jahre steht sein „Der Turm“ festgemauert und unübersehbar in der Literaturlandschaft. Ebenso lange dauert das Warten auf die Fortsetzung „Lava“. Die 2018 aber nun endlich aus dem Suhrkamp-Verlag fließen soll.

Doch kann ein derart teilnahmsvoller Zeitenbeobachter wie der Dresdner Arzt und Schriftsteller über einen derart langen Zeitraum natürlich nicht völlig stillhalten. Immer wieder mal muss raus, was rausmuss. Kleine Essays, ein bisschen Prosa, zuletzt der Begleittext zur Neuausgabe von Ernst Jüngers „Subtile Jagden“. Jetzt hat Tellkamp den nächsten Zwischenstopp eingelegt: „Die Carus-Sachen“, illustriert von Andreas Töpfers zarten Bleistiftskizzen Dresdner Orte in einer hübschen Edition des Kleinstverlags Edition Eichhaus.

Auch durch diese knapp 50 Seiten schimmern Wort für Wort Tellkamps Talent für und seine Freude am Gestalten sorgfältig komponierter Oberflächen. Wieder einmal fühlt sich das Lesen an, als durchschreite oder -gleite man innere und äußere Landschaftsbilder. Und noch mehr lässt ständig an den „Turm“ denken. Die Erinnerungen eines Sohnes an den Vater und die Gespräche mit ihm führen zurück in die Achtziger und Dresdens Bildungsbürger-Enklave auf dem Weißen Hirsch, vorbei am Haus Wolfsstein und den Arbogast’schen Immobilien. Die famos erzählte Passage über des jungen Vaters erste Geburtshilfe als Arzt, fern auf dem Land, ohne Kaiserschnittmöglichkeit, koppelt die Figur an die tiefere Vergangenheit: Der Vater hat nur sein Wissen und Geschick zur Verfügung, um das verdrehte Kind zu retten – wie einst Carl Gustav Carus.

Überhaupt ist er ständig präsent, der berühmte Chirurg und Naturwissenschaftler. In kurzen Reflexionen über dessen Leben, noch mehr über dessen Anhänger im Geiste, die Carusianer. Menschen, denen es um „stilles Fortwirken“ geht, um nüchterne und klare, allein erkenntnisorientierte „Zusammenschau der Phänomene“, „meilenweit entfernt von Twitter-Aufgeregtheiten, Blogosphären-Geschwätz und Mediengedröhn, das alles, was es nicht kennt und in seiner Erfahrungs-Pubertät schon einmal selbst erlebt hat, für wunder wie neu, schrecklich, nie dagewesen hält“. Solchen Menschen sei die heutige Zeit feindlich gesinnt. „Die Spezialisten beherrschen alles, aber die Spezialisten sehen nichts“.

Darum geht es eigentlich in „Die Carus-Sachen“, und dieser Kammerton klingt bis in die Schilderungen des illegalen Besuchs eines Bekannten auf der Nomenklaturisten-Insel Vilm vor Rügen samt Zufallstreffen mit Honecker hinein: Uwe Tellkamp, fremdelnd wie viele Menschen aller Zeiten mit der jeweiligen „Moderne“, treibt eine melancholische Sehnsucht nach vergangenen Tugenden und Größen um. Wie schon 2005 seinen Erstling „Der Eisvogel“ durchzieht „Carus-Sachen“ der gleichwohl niemals direkt ausgesprochene Wunsch, öde Kompromissdemokratie, dröges Mittelmaß und Wertezerfall zu stoppen, am Besten unter der Ägide einer romantisch-pragmatischen Geistesaristokratie.

Man kann nicht nur, man muss das so lesen, eingedenk dieser laut Tellkamp „Zeiten der Bedrängnis“, in denen, wie er unlängst sagte, wieder mal ausgegrenzt, verschwiegen, mundtot gemacht werde.

Umso gespannter darf auf „Lava“ sein, wer „Die Carus-Sachen“ als Skizze versteht. Die nämlich, schreibt Uwe Tellkamp, „muss nichts beweisen, es droht nicht sofort das große Ganze, der Stift darf spazieren gehen und Beobachter des Augenblicks sein“. Warten wir also aufs große Ganze.

Uwe Tellkamp: Die Carus-Sachen. Edition Eichhaus, 96 Seiten, 18 Euro

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